Mit dem Spaten bei der Nationalen Volksarmee

von Eva Storrer
Die Rockband "Renft" wurde 1975 in der DDR verboten.

"Woran glaubt der, der als Fahne vor sich her einen Spaten trägt?", singt die legendäre Rockband "Renft" in ihrem Lied "Glaubensfragen" 1974. Damit bricht die Band ein Tabu: Das Lied ist den ostdeutschen Bausoldaten gewidmet, deren Existenz die DDR lieber verschweigt. Wegen "Wehrkraftzersetzung und staatsfeindlicher Hetze" kommen zwei Bandmitglieder in Haft. Das Lied und die Band werden verboten.

Die ersten "Spatensoldaten"

Im Januar 1962, wenige Monate nach dem Mauerbau, wird in der DDR die allgemeine Wehrpflicht eingeführt. Das stößt besonders bei den Kirchen auf Kritik. Sie fordern die Möglichkeit auf Kriegsdienstverweigerung aus Glaubens- und Gewissensgründen. Schließlich gibt die DDR-Führung nach und setzt am 16. September 1964 - als einziges Land im Warschauer Pakt - die Anordnung über den Dienst ohne Waffe in Kraft. Wer den Kriegsdienst verweigert, wird für 18 Monate als Bausoldat einberufen. Die waffenlosen Soldaten werden zunächst für den Bau militärischer Anlagen eingesetzt, später auch als Krankenpfleger oder Küchenhelfer. Die Bausoldaten sind Angehörige der Nationalen Volksarmee (NVA). Weil auf den Schulterklappen ihrer Uniform ein Spaten abgebildet ist, werden sie auch "Spatensoldaten" genannt.

Soldaten zweiter Klasse

Dass junge Männer in der DDR den Dienst mit der Waffe verweigern können, wird von den staatlichen Behörden unter der Decke gehalten. Es könnten zu viele werden und würde nach innen wie nach außen einen schlechten Eindruck machen. Von den "normalen" Soldaten werden die Bausoldaten so weit wie möglich isoliert. Bei ihren Vorgesetzten haben sie keinen leichten Stand. "Es kam mir damals so vor, als wären das Soldaten zweiter Klasse, weil sie so behandelt wurden, als wären sie Gefangene", erzählt der ehemalige Major Werner Pieniak.

KdF-Heim in Prora auf Rügen. Zu DDR-Zeiten dienten Teile des Gebäudes als Kaserne der NVA.

Wie beschwerlich der Dienst ohne Waffe ist, daran erinnert sich Rolf-Ingo Ohlemann gut. Von 1982 bis 1984 ist er als Bausoldat in Prora auf Rügen stationiert. Eigentlich soll seine Truppe bei der Erweiterung des Hafens helfen. Dennoch werden die Bausoldaten militärisch gedrillt: Zum Essen müssen sie in Marschformation antreten oder stundenlang am Strand mit Schutzmaske marschieren.

Demütigungen und Schikanen

Auch am Sonntag müssen die Bausoldaten arbeiten, häufig in der Küche. Eines sonntags beispielsweise erhalten sie die Aufgabe, einen Parkplatz mit Schotter aufzufüllen, erzählt Rolf-Ingo Ohlemann. Die Arbeit erweist sich als reinste Schikane: Vor Ort gibt es einen Radlader, der die Arbeit rasch erledigen könnte. Dennoch müssen die Bausoldaten die Arbeit mühsam mit der Schubkarre ausführen.

Auch Heiner Möhring, von 1967 bis 1969 als Bausoldat in Prora stationiert, erinnert sich an sinnlose Demütigungen: "Wir wurden aufgefordert, unser Zimmer sauber zu machen. Da waren solche gebohnerten Holzfußböden, und wir sollten dort den alten Bohnerwachs abkratzen - ohne Hilfsmittel. Uns wurde gesagt, wir könnten ja die Zahnbürste dazu nehmen."

Die Bausoldaten wehren sich

Die Bausoldaten versuchen, sich zu wehren. Ihre Waffe ist nicht das Gewehr, sondern die Eingabe. Im Januar 1969 schreibt Heiner Möhring mit seinen Kollegen an den Staatsrat der DDR: "Seit gut einem Jahr leisten wir unseren Dienst in der Nationalen Volksarmee. Wir arbeiteten während dieser Zeit nur für militärische Zwecke (...) Wir erkennen heute, dass die hier zu leistende Arbeit im Widerspruch zu unserem Anliegen steht (...) Wir bitten Sie daher, gemeinsam mit uns nach Möglichkeiten zu suchen, die es uns erlauben, die Forderungen unseres Gewissens besser zu erfüllen." Doch statt eines anderweitigen Aufgabenfeldes bekommen sie eine Verwarnung: Ihr Brief verstoße gegen die Beschwerde- und Eingabeordnung der NVA, die "eine Eingabe im Rahmen von Gruppen" verbiete.

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Sie mussten nicht nur hart arbeiten, sondern wurden auch bespitzelt: Bausoldat bei der NVA.

Auch Rolf-Ingo Ohlemann und seine Kollegen verfassen einen Brief, adressiert an den Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker. Ihr Anliegen formulieren sie in Frageform: "Sehr geehrter Herr Honecker! Sollte man nicht auf das an Bildung und Stellung in der Gesellschaft gewachsene Bewusstsein junger Menschen bauen, indem ihre Aktivitäten bei der Erfüllung gemeinsamer Aufgaben einbezogen werden, statt sie in befehlsgesteuerte Hierarchien einzugliedern, wo Verantwortung und Gewissen an den Vorgesetzten delegiert werden?" Das Schreiben schicken die Bausoldaten erst nach ihrer Entlassung ab. Als Antwort bekommen sie keinen Brief, sondern Hausbesuche. Jeder Einzelne wird in seiner Wohnung von einem Genossen des FDJ-Zentralrats aufgesucht und von der Staatssicherheit beobachtet.