Stand: 26.06.2014 14:47 Uhr  | Archiv

Kinderchöre und Superstars: Kultur im Stadtpark

von Dirk Hempel, NDR.de

Am 25. August 1925 tönt der Gesang von 31.000 Menschen über den Stadtpark: "Freude schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium!" Die SPD feiert ihren Jugendtag. Höhepunkt des Spektakels ist der Auftritt des parteieigenen Sprechchores. Er rezitiert Dichtungen mit expressivem Körperausdruck, was damals als repräsentative Kunstform der Arbeiterbewegung gilt. Mehr als 1.000 Mitwirkende stellen im Stadion den Sieg der proletarischen Jugend über dunkle böse Mächte dar, schaffen ein monumentales Gesamtkunstwerk aus Theater, Musik und Tanz. Schillers Ode "An die Freude" singen sie am Ende gemeinsam mit den Zuschauern - ein bewegendes Schauspiel!

Hunderte Trommler marschieren über die Festwiese

Seit seiner Eröffnung 1914 finden im Stadtpark Konzerte, Theateraufführungen, Tanzdarbietungen statt. In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg wird er zum bevorzugten Ort für Massenveranstaltungen aller Art. Während die Sprechchoraufführungen, bei denen bald sogar Pyrotechnik und Lichtregie eingesetzt werden, im Stadion stattfinden, marschieren bei den Feiern zum 1. Mai Hunderte von uniformierten Trommlern, Pfeifern und Schalmeispielern der Arbeiterbewegung über die große Stadtparkwiese.

Die Freilichtbühne verhilft anfangs vor allem Laien zum Auftritt: Hamburger Jugendfest, Anfang der 30er-Jahre.
Der Stehplatz kostet 30 Pfennig

Auf der Freilichtbühne singt der Volkschor aus dem nahen Stadtteil Barmbek, Hamburgs größter Arbeiterchor mit  800 Sängern. Neben politischen und Volksliedern führt er auch Haydns Oratorium "Jahreszeiten" auf. Die Bühne ist 1924 eingeweiht worden, ein Theater mit 4.000 Plätzen, umgeben von hohen Bäumen und Hecken, mit eigenen Umkleideräumen und Toiletten.

Schauspiele gibt es hier von Anfang an: Hans-Sachs-Festspiele, die Klassiker Goethe und Schiller und sogar Modernes werden geboten. Auch Richard Ohnsorgs Niederdeutsche Bühne tritt hier auf, mit Lustspielen, die zum Teil eigens für das Stadtparktheater geschrieben werden. Die Preise sind damals noch moderat, 60 Pfennig zahlt man für einen Sitz-, 30 Pfennig für einen Stehplatz. Das Freilichttheater findet auch andere Nutzer: Eine Schule für Ausdruckstanz  führt frühmorgens ihre Übungen durch, Pfadfinder, Arbeitersportkartell und der Bund der Kinderreichen versammeln sich dort.

Künstlerbälle in den Goldenen Zwanzigern

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Die riesige Stadthalle - hier auf einem Foto aus dem Jahr 1937 - wurde im Zweiten Weltkrieg durch Bomben zerstört.

Die von Fritz Schumacher entworfene Stadthalle, das Hauptrestaurant des Parks mit zahlreichen Nebensälen, das rund 10.000 Menschen Platz bietet, wird in den Goldenen Zwanzigern Jahren zu einem Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens. Auf Künstlerbällen, "Bayerischen Volksfesten“ und Märchentagen amüsieren sich hier Tausende, ebenso auf Tanzveranstaltungen und Platzkonzerten des Polizeiorchesters. Im Sommer spielt auf der Terrasse täglich eine Blaskapelle, werden im Garten Kinofilme gezeigt.