Stand: 30.09.2014 16:25 Uhr  | Archiv

Bahnhof Altona: Vom Prachtbau zum Betonklotz

von Florian Wöhrle, NDR.de

Die Geschichte des ersten Altonaer Bahnhofs beginnt mit einem Anliegen von Kaufleuten aus Altona und Kiel: Mitte des 19. Jahrhunderts wollen sie eine schnelle Verbindung zwischen Nord- und Ostsee schaffen und gründen 1840 die Altona-Kieler Eisenbahn-Gesellschaft - zu einer Zeit, als Altona noch eine vom dänischen König Christian VIII. verwaltete Stadt war. Schon 1844 wird die "König Christian VIII. Ostseebahn" eröffnet. Kauf- und Privatleute können fortan die 105 Kilometer lange Strecke in drei Zugstunden statt in einer zwölfstündigen Kutschfahrt hinter sich bringen.

Die vielen Gesichter des Bahnhofs Altona

Der dänische Bahnhof entsteht

Am westlichen Stadtrand wird dicht am steilen Abhang zur Elbe der erste Altonaer Bahnhof gebaut. "Vornehm wie ein Elbschloss, elegant und zurückhaltend" wird die klassizistische Architektur gepriesen. Bei den Anwohnern ist er weniger beliebt, weil der Betrieb so laut ist. Bürgermeister Caspar Behn lässt als Lärmschutz die Bahnhofstraße anlegen - die heutige Max-Brauer-Allee. Über verschiedene Konstruktionen wie Seilzüge werden Waren vom Hafen zum Bahnhof hinauf- und hinabtransportiert, ab 1876 nutzt man dafür Gleise im extra erbauten Hafenbahntunnel, der auch Schellfischtunnel genannt wird. Auch eine Verbindungsbahn ins benachbarte Hamburg wird gebaut.

Nach dem Deutschen Krieg und seinen Auswirkungen übernehmen die Preußischen Staatseisenbahnen alle Bahnanlagen. Weil die Kapazitäten des Bahnhofs bald nicht mehr ausreichen, für einen Erweiterungsbau aber der Platz fehlt, soll ein neuer gebaut werden - nur 500 Meter weiter nördlich der Palmaille. Dort, wo der bisherige Bau stand, entsteht eine großzügige Grünanlage, an deren Rändern repräsentative Bauten hochgezogen werden - der heutige Platz der Republik entwickelt sich. Aus dem bisherigen Bahnhofsgebäude entsteht später das Altonaer Rathaus, dem heutigen Sitz des Bezirksamtes Altona.

Karte: Die Altonaer Bahnhöfe

Ein Backsteinbau als Wahrzeichen Altonas

Von 1893 an wird der neue Bahnhof im inzwischen preußischen Altona nach den Entwürfen von Hermann Eggert auf Höhe der heutigen Großen Bergstraße errichtet. Der eindrucksvolle Backsteinbau im neogotischen Stil wird am 30. Januar 1898 von Kaiser Wilhelm II. eingeweiht. Die Bahnhofshalle überspannt elf Gleise, die drei westlichen sind für den Vorort- und S-Bahnverkehr gedacht. Das charakteristische Gebäude wird bald zu einem der Wahrzeichen Altonas. Durch eine Verlängerung des Schellfischtunnels wird auch die Anbindung an den Hafen sichergestellt.

1938 erhält der Bahnhof durch die Eingemeindung Altonas durch das Groß-Hamburg-Gesetz einen neuen Namen: Aus dem Altonaer Hauptbahnhof wird der Bahnhof Hamburg-Altona. Durch das Bombardement der Alliierten im Zweiten Weltkrieg wird das Prachtgebäude schwer beschädigt, behält aber sein markantes Gesicht mit Türmen und Zinnen beim Wiederaufbau in den 50er-Jahren.

Abrissbirne für ein "Kaufhaus mit Bahnanschluss"

Der wirtschaftliche Aufschwung bringt aber neue Begehrlichkeiten mit sich: Um die ehemalige Nachbarstadt Altona besser anzubinden, wird Ende der 60er-Jahre die unterirdische Hamburger City-S-Bahn geplant. Doch das alte Bahnhofsgebäude ist angeblich nicht stabil genug, um den Bau des Tunnels auszuhalten - mit dieser Begründung wird Mitte der 70er-Jahre der prachtvolle Backsteinbau trotz massiver Proteste abgerissen.

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Luftbild des Bahnhofs Altona. Täglich nutzen ihn bis zu 100.000 Fahrgäste.

Stattdessen entsteht ein aus heutiger Sicht geschmacklich fragwürdiger Klotz: Aus grauen Betonfertigteilen wird ein massives Bauwerk mit integriertem Kaufhaus der Kaufhof AG hochgezogen. Von einem "Einkaufszentrum mit Bahnanschluss" ist damals spöttisch die Rede. Die Linien von Fernbahn, S-Bahn und Bussen laufen hier zusammen, außerdem werden die Fußgängerströme der beiden Einkaufszentren westlich und östlich des Bahnhofs durch eine eigene Ebene miteinander verbunden.

Kommt ein viertes Gebäude?

2005 wird der Komplex nochmal umfangreich umgebaut, inzwischen nutzen bis zu 100.000 Reisende am Tag den Bahnhof - davon aber nur ein Viertel die Fernbahn. Der weitaus größere Teil fährt mit der S-Bahn. Diese Fahrgäste werden sich auch in den kommenden Jahren an keinen neuen Ort gewöhnen müssen: Während der Fern- und Regionalbahnhof nach Diebsteich verlegt werden soll, bleibt der S-Bahnhof im Zentrum Altonas erhalten. Möglicherweise bekommt er aber ein neues Gesicht - es wäre bereits das vierte in weniger als 200 Jahren.

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