Stand: 08.09.2010 16:21 Uhr  | Archiv

Frauen entern die "Gorch Fock"

von Susanne Abolins-Aufderheide

"Frauen an Bord bringen Unglück" heißt eine alte Seemannsweisheit. Das gilt nicht auf der "Gorch Fock". Auf dem Segelschulschiff der deutschen Marine herrscht seit Ende der 80er-Jahre Gleichberechtigung. Am 14. September 1989 vollzieht sich auf dem Traditionssegler nach rund 30 Jahren mit reiner Männermannschaft der gesellschaftspolitische Wandel: Erstmals gehen fünf Offizieranwärterinnen für den waffenlosen Sanitätsdienst auf Ausbildungsfahrt - Kurs Mittelmeer.

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Auch die Bootspflege gehört zu den Aufgaben der Kadetten auf der "Gorch Fock".

Eine Sonderbehandlung gibt es für die jungen Frauen nicht: Bei den Segelmanövern müssen sie zupacken wie alle Matrosen. Und sie schlafen in Hängematten auf engstem Raum, die nur durch Persenninge (wasserfeste Abdeckung aus imprägniertem Stoff) vom Schlafbereich der Männer getrennt sind. Die Kadettinnen haben bereits eine dreimonatige Ausbildung in der Marineschule Flensburg-Mürwik hinter sich. Nach ihrer insgesamt 15 Monate langen Grundausbildung werden sie auf Kosten der Bundesmarine Medizin, Zahnmedizin oder Pharmazie studieren. Sie haben sich für 16 Jahre bei der Bundeswehr verpflichtet.

Einsatz im Sanitäts- und Militärmusikdienst

Frauen sind 1989 in der Bundeswehr eine Minderheit, aber keineswegs neu. Als Beamtinnen, Zivilangestellte und Arbeiterinnen sind sie schon lange dabei. Die Forderung, Frauen auch zum Dienst als Soldat zuzulassen, wird 1968 im Zusammenhang mit der Diskussion um die Notstandsgesetzgebung für die Bundesrepublik laut und einige Jahre später erneut aufgegriffen. 1975 steht zugelassenen Ärztinnen, Tierärztinnen und Apothekerinnen erstmals der Sanitätsdienst offen. 1991 werden alle Laufbahngruppen der Unteroffiziere und Mannschaften im Sanitäts- und Militärmusikdienst für Frauen geöffnet.

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Wieder zu Hause: Kadetten der "Gorch Fock" am 21.12.2004 in Kiel.

Ende 1999 sind in diesen Bereichen knapp 4.500 Frauen beschäftigt, die zum Selbstschutz oder zum Schutz ihrer Patienten auch das Schießen beherrschen müssen. Der Dienst an der Waffe ist ihnen jedoch verboten. Das steht im Grundgesetz. Dieses strikte Verbot wird mit den zu jener Zeit - das Grundgesetz ist von 1949 - erst kurz zurückliegenden Erfahrungen des Dritten Reiches begründet: Obwohl Frauen aufgrund der Nazi-Ideologie vom Soldatenberuf ausgeschlossen waren, wurden während des Zweiten Weltkrieges mehrere Hunderttausend Mädchen zwangsweise als Flakhelferinnen herangezogen.

Frauen dürfen an die Waffe - freiwillig

Erst das Urteil des Europäischen Gerichtshofs vom 11. Januar 2000 öffnet Frauen die militärische Laufbahn. Dass Frauen keinen Dienst an der Waffe leisten dürfen, sei ein Verstoß gegen den Gleichheitsgrundsatz, befindet das Gericht und gibt der jungen Elektrotechnikerin Tanja Kreil aus Hannover Recht, die sich gegen das Grundgesetz gewehrt hatte. Der Bundestag ändert daraufhin am 27. Oktober 2000 das Gesetz. Jetzt heißt es: Frauen "dürfen auf keinen Fall zum Dienst mit der Waffe verpflichtet werden".

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Marineschule Mürwik im August 2007: Von 270 Offiziersanwärtern, die vereidigt werden, sind 70 Frauen.

Von nun an stehen ihnen "alle militärischen Verwendungen offen", ob als Panzerkommandantin oder als Kampfpilotin. Am 2. Januar 2001 treten die ersten 244 Frauen ihren Dienst an der Waffe an, davon 36 als künftige Truppenoffiziere der Marine. Seitdem hat sich der Anteil der Frauen in der Bundeswehr kontinuierlich erhöht. Derzeit sind es fast 17.500 Soldatinnen. Insgesamt stellen Frauen in der Bundeswehr rund neun Prozent der Zeit- und Berufssoldaten; mehr als die Hälfte davon dient beim Heer, gefolgt von der Luftwaffe und der Marine.

Porträt

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