Stand: 18.07.2014 14:27 Uhr  | Archiv

"Den entscheidenden Wurf gewagt"

von Dirk Hempel, NDR.de

20. Juli 1944: Um 12.42 Uhr explodiert die Bombe, die Hitler töten soll. Endlich, nach jahrelangen Diskussionen, geheimen Vorbereitungen und gescheiterten Versuchen.

Das verbrecherische Regime soll beseitigt, der blutige Krieg beendet werden. Im "Führerhauptquartier" Wolfsschanze in Ostpreußen hat Claus Schenk Graf von Stauffenberg die Sprengladung in einer Aktentasche unter dem Tisch platziert, in der Nähe des Diktators. Dann hat er den Besprechungsraum unter einem Vorwand verlassen und sich hastig auf den Weg zum Flugplatz im nahen Rastenburg gemacht. Der Oberst wird in Berlin von seinen Mitverschwörern erwartet, dringend, denn er soll den Staatsstreich leiten, der jetzt beginnt.

Im Hauptquartier in der Wolfsschanze traf sich Hitler mit dem Führungsstab der Wehrmacht - hier am 15. Juli 1944. Stauffenberg (im Bild links) gehörte zum inneren Kreis und konnte direkt mit dem Diktator in Kontakt treten.
Bereits mehrere Attentatsversuche gescheitert

Pläne, den Diktator zu töten, haben hohe Militärs schon seit September 1938, als Hitlers Politik in der Sudetenkrise auf Krieg hinauszulaufen scheint. Aber die Einigung mit England und Frankreich auf der Münchner Konferenz vereitelt die Pläne vorerst. Auch in den folgenden Jahren scheitern zahlreiche Attentatsversuche: Im November 1939 explodiert eine Bombe im Münchner Bürgerbräukeller, die der Schreiner Georg Elser versteckt hat, erst, nachdem Hitler bereits gegangen ist. Im Juni 1940 wird in Paris eine Parade abgesagt, auf der Offiziere den Diktator erschießen wollen. Im März 1943 verlässt Hitler eine Ausstellung, bevor sich ein Offizier mit ihm in die Luft sprengen kann.

Der Widerstand ist lange gespalten

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Angesichts der NS-Verbrechen und der schlechten militärischen Führung wendet sich Graf Stauffenberg dem Widerstand zu.

Von Anfang an existiert in Deutschland Widerstand gegen das Naziregime. Aber Offiziere und Zivilisten, Konservative und Sozialdemokraten, Christen und Kommunisten haben kaum Gemeinsamkeiten und arbeiten nebeneinander im Verborgenen. Erst im Verlauf des Krieges und unter dem Eindruck der Ermordung der Juden in den besetzten Gebieten Osteuropas schließen sich drei Gruppen enger zusammen: die Konservativen um den ehemaligen Leipziger Oberbürgermeister Carl Friedrich Goerdeler und den nach der Sudetenkrise zurückgetretenen Generalstabschef Ludwig Beck; der christlich und sozialistisch geprägte Kreisauer Kreis um Helmuth James Graf von Moltke und der von hohen Offizieren getragene militärische Widerstand, in dem bald ein junger Oberst den Ton angibt: Graf Stauffenberg.

"Operation Walküre" - der Plan für den Umsturz

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Dem Naziregime hat er zunächst nicht ablehnend gegenübergestanden, sich aber inzwischen zum erbitterten Gegner gewandelt, auch Verbindungen zu Sozialdemokraten und Kommunisten aufgebaut. Nun schmiedet er mit gleichgesinnten Offizieren, darunter zahlreiche Angehörige des deutschen Adels, den Plan für den Umsturz. Der heißt: "Operation Walküre".

Die Wehrmacht hat seit Kriegsbeginn Vorkehrungen getroffen, gegen mögliche Aufstände der Zivilbevölkerung vorzugehen. Das Ersatzheer, dessen Stabschef Stauffenberg ist, soll wichtige Orte besetzen, Verdächtige verhaften. Die Putschisten wollen nun diesen Plan benutzen, um nach der Ermordung Hitlers die Führer der SS, Gestapo und NSDAP auszuschalten. Nach dem Umsturz soll Beck Staatsoberhaupt, Goerdeler Reichskanzler werden. Auf eine Staatsform hat man sich jedoch noch nicht einigen können.

Der Anschlag missglückt

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Hermann Göring - in heller Uniform - besichtigt die Schäden nach der Explosion in der Wolfsschanze.

Am 20. Juli 1944 ist der Moment zum Handeln gekommen. Stauffenberg wird zum Vortrag bei Hitler ins Hauptquartier nach Ostpreußen bestellt. Unglücklicherweise kann er dort nur eine der beiden vorgesehenen Sprengladungen einsetzen. Dennoch zerreißt ein ohrenbetäubender Knall die sommerliche Mittagsstille im Wald. Gelbe und blaue Stichflammen lodern aus der Baracke, Glassplitter, Holzstücke, verkohlte Papierfetzen fliegen durch die Luft. Dann werden Rufe nach Ärzten laut.

Da ist Stauffenberg schon auf dem Weg zu seinem Fluchtauto, das ihn zum Flugplatz bringen soll. Dass Hitler überlebt hat, erfährt er erst Stunden später in Berlin. Dort ist der Umsturz vor seiner Ankunft inzwischen nur zögerlich angelaufen, "Walküre" verspätet ausgelöst worden. Aber der Putsch misslingt: Die Abriegelung des Regierungsviertels, die Verhaftung der SS- und Gestapo-Führung und die Einnahme des Deutschlandsenders scheitern.

Hunderte Regimegegner verhaftet und getötet

Als der Rundfunk am Abend Hitlers Überleben meldet, wendet sich das Blatt vollends. Die Verschwörer werden im Bendlerblock, der Kommandozentrale des Ersatzheeres, festgenommen, Stauffenberg und drei weitere Offiziere noch in der Nacht erschossen. In den folgenden Tagen verhaftet die Gestapo überall im Land Tausende von Verschwörern, Helfern und Mitwissern. Monatelang werden vor dem "Volksgerichtshof" Prozesse geführt. Hunderte Regimegegner lässt Hitler hinrichten, ihre Angehörigen verschleppen.

Der blutige Krieg geht nach dem 20. Juli noch zehn Monate weiter, in denen fast doppelt so viele Menschen in Deutschland sterben wie in den fünf vorangegangenen Kriegsjahren, die Bombenkriegsschäden die der Vorjahre übertreffen, Städte wie Braunschweig, Kiel, Hildesheim und Dresden total zerstört werden. Und die SS in den Konzentrationslagern noch Hunderttausende Menschen ermordet.

Gedenken war jahrzehntelang problematisch

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Im Innenhof des Bendlerblocks erinnert heute ein Mahnmal an die dort hingerichteten Verschwörer.

Die Gesellschaft der jungen Bundesrepublik tut sich zunächst schwer mit dem Gedenken an die Männer und Frauen des 20. Juli. Zu lange wirkt die Nazipropaganda von Eidbrechern und Vaterlandsverrätern nach. In der DDR wiederum, die den kommunistischen Widerstand in den Mittelpunkt stellt, gilt der Staatsstreich als Aufstand reaktionärer Aristokraten.

Heute hingegen ist ihre ungeheure Leistung unbestritten, auch wenn manche politische Zielsetzung der Verschwörer aus heutiger Sicht für eine Nachkriegsordnung wenig vorbildlich erscheint. Nicht ihr Scheitern bestimmt das Gedenken, sondern der Wagemut. Er ist abzulesen in den Worten von Stauffenbergs engem Mitstreiter Henning von Tresckow, mit denen er darauf drängte, Hitlers zu beseitigen: um nämlich dem In- und Ausland zu zeigen, "dass die deutsche Widerstandsbewegung vor der Welt und vor der Geschichte den entscheidenden Wurf gewagt hat".

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