Stand: 29.09.2014 15:52 Uhr

Xavier Dolan und die starken Frauen

Bild vergrößern
Wunderkind, Regisseur, Cutter, Schauspieler - Xavier Dolan kann vieles - und gewinnt damit Preise.

Seine Filme sind durchgeknallt, energetisierend, poetisch - und immer preisgekrönt. Dabei ist der Drehbuchautor, Schauspieler und Regisseur Xavier Dolan erst 25 Jahre alt. Der Kanadier stellt seinen fünften Spielfilm "Mommy", ein intensives Mutter-Sohn-Drama, als Deutschlandpremiere beim Filmfest Hamburg vor. Die Geschichte vom gewalttätigen 15-jährigen Steve, der nach Jahren in Jugendheimen zu seiner verwitweten Mutter zurückkehrt, ist von Kanada als Oscar-Kandidat vorgeschlagen worden. Ein Interview mit dem Künstler aus Quebec, der von Kritikern als "Wunderkind" gehandelt wird.

Sie haben jüngst gesagt, dass Sie nach fünf Filmen einmal Pause machen möchten, Sie seien müde. Wie meinen Sie das konkret?

Xavier Dolan: Ich habe meine Grenzen. Ich bin 25 Jahre alt und ich weiß jetzt, wo die sind. Ich kann einfach nicht mehr einen Film pro Jahr machen - ihn produzieren, ihn schreiben, ihn drehen, ihn schneiden, beim Festival auftauchen und 2.000 Interviews machen und dann alles wieder von vorn. Wenn ich das jedes Jahr mache, werde ich sterben. Ich musste mal aufhören. Für mich hieß Aufhören, keinen weiteren Film zu drehen.

In Ihren Filmen gibt es jede Menge Rollen für starke Frauen. Wann wussten Sie, dass Sie diese Geschichten erzählen wollen?

Dolan: Ich wollte schon immer über Frauen sprechen und Rollen für sie schreiben, in denen sie sie selbst sein, frei sein können. Um ihren Platz in der Gesellschaft zu verdienen. Das kam einfach so, darüber habe ich nie nachgedacht. Ich habe schon immer Mütter und Söhne und unerwiderte Liebe thematisiert.

In "Mommy" ist die Witwe Diane von ihrem gewalttätigen Sohn mit ADHS überfordert. Bereits Ihr erster Film hieß "I Killed My Mother" - was fasziniert Sie an Müttern?

Dolan: Wenn Sie nur wüssten, wie oft ich das gefragt werde. Und was für eine unzureichende Antwort ich dafür habe. Ich weiß es nicht. Wenn ich es wüsste, wäre ich nicht davon fasziniert. Ich weiß aber, dass das Schreiben von Mutterrollen den Figuren viel Tiefe gibt. Weil Mütter von Natur aus Frauen sind, die viel geopfert haben, um Mütter zu sein. Das schafft Figuren mit vielen Kontrasten. Mütter sind interessante Frauen, manchmal verbittert, manchmal rachsüchtig, manchmal selbsthassend. Das sind einfach Rollen, die mich wie ein Brunnen mit endlos vielen Ideen inspirieren. Das gibt den Schauspielern viele Möglichkeiten der Auslegung. Die meisten schwulen Drehbuchautoren sprechen über ihre Mütter, sie rächen sie. Also, nicht unbedingt die eigene. Ich spreche übrigens nicht über meine Mutter in meinen Filmen. Meine Mutter inspiriert mich dazu, über andere Mütter zu sprechen. Ich bin alleine mit ihr aufgewachsen. Ich habe meinen Vater nur selten gesehen, manchmal fast ein Jahr lang nicht. Wir haben uns nicht gut verstanden. Ich erinnere mich, wie meine Mutter darüber stöhnte, wie teuer das Benzin war, wenn sie mich irgendwohin brachte. Und wie nervig es sei, für mich kochen zu müssen. Ihr hätte auch Toast mit Erdnussbutter gereicht. Als Kind empfand ich es so, dass sie nicht gerade wild darauf war, eine Mutter zu sein. Das heißt nicht, dass sie mich nicht liebte. Aber ich fühlte ihre passive Aggressivität. Das gab mir ein nuancierteres Bild von Müttern.

In "Mommy" muss die Mutter Diane, gespielt von Anne Dorval, ein paar harte Entscheidungen treffen. Man kommt verstört aus dem Kino ...

Dolan: Ich hoffe, dass die Leute "Mommy" verlassen und sich an die emotionalsten Momente erinnern, aber auch an die hellen, hoffnungsvollen Szenen im Film. 85 Prozent der Geschichte sind Hoffnung, Freude, Lachen. Leider gibt es die anderen 15 Prozent, die tragisch, dunkel und traurig sind. Und grausam. Auf Twitter erzählen mir die Menschen, dass sie geweint haben, aber es scheint der positive Eindruck zu überwiegen. Sie danken mir und loben den Film sehr. Das habe ich noch nie erlebt. Sie erzählen von den Tanzszenen, von der Skateboardfahrt. Am Ende rennt Steve (gespielt von Antoine-Olivier Pilon, Anm. d. Red.) los und er hat dieses riesige Lächeln, ein befreiendes Lächeln, das uns aus dem Film entlässt. Die traurige Wahrheit über diesen Film und über die Botschaft, die darin versteckt ist, lautet, dass die Gesellschaft andersartige Leute ablehnt, und dass es kein Happy End für sie gibt. Und manchmal erginge es ihnen als Tote fast besser, als lebende Tote in dieser Gesellschaft, die sie hetzt, bevormundet, verdammt zum Außenseiterdasein. Die Gesellschaft stellt für diese Außenseiterkinder kein Geld für eine bessere Infrastruktur zur Verfügung. Sie will sie lieber in Anstalten stecken. Wenn sie sich dort nicht bessern, dann ... Wir lassen diese Schwachen im Stich.

Xavier Dolan - Wunderkind auf Erfolgskurs

Xavier Dolans Filme schicken den Zuschauer auf emotionale Achterbahnfahrt rund um die Themen Identität, Mütter, Söhne. Sein Spielfilm "Mommy“ könnte ihm nun den Oscar bringen. mehr