Stand: 16.09.2015 12:22 Uhr

"Keiner wollte uns": Premiere des Films "Friedland"

von Wieland Gabcke

Annelie Keil schreitet durch den Rundbogen neben der Heimkehrerkirche in Friedland Richtung Grenzdurchgangslager. Die 76-Jährige kam 1947 als Flüchtlingskind nach Friedland. "Es war für mich das Ende einer langen Flucht. Nach zwei Jahren russisch-polnischer Kriegsgefangenschaft kam ich hier mit meiner Mutter an", sagt Keil. Friedland sei so etwas wie ihr zweiter Geburtsort, erzählt die emeritierte Soziologin am Anfang des Films "Friedland". Keil ist nicht die einzige Protagonistin des Films, die zur Premiere am Dienstagabend gekommen ist. Vor der Heimkehrerkirche in Friedland, wo der Film gezeigt wird, gibt es ein Wiedersehen mit den syrischen Familien Al Habbal und Al Husary. Auch die Dokumentarfilmerin Frauke Sandig freut sich, die Protagonisten ihres Films hier wieder zu treffen.

Pistorius: "So kann Zuwanderung gelingen."

Der Andrang ist groß in der Heimkehrerkirche St. Norbert, kaum ein Sitzplatz ist frei geblieben. Vor der Filmvorführung gibt es ein paar einleitende Worte. Pfarrer Georg Vetter tritt als Erster ans Rednerpult und freut sich über das große Interesse an dem Film. Der niedersächsische Innenminister Boris Pistorius (SPD)würdigt in seiner Rede die Geschichte des Grenzdurchgangslagers. "Dieser Ort zeigt nach nunmehr 70 Jahren, wie Zuwanderung und Integration gelingen kann", sagt Pistorius. Das werde auch in dem Film deutlich. Diese Geschichte soll auch in dem für März 2016 geplanten Friedland-Museum gezeigt werden, ergänzt Joachim Baur, Kurator des vom Land geförderten Museumsprojekts. "In dem Museum wollen wir den Bogen schlagen zwischen Geschichte und Gegenwart des Grenzdurchgangslagers, dasselbe versucht auch der Film", sagt Baur.

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Das Lager Friedland bot schon im Jahr 1946, ein Jahr nach Ende des Zweiten Weltkriegs, Flüchtlingen eine Notunterkunft. (Archiv)
Erzählungen von damals und heute

Diesen Anspruch macht der Film gleich zu Anfang deutlich. Das Licht wird gedämpft, der Film geht los mit einem landenden Flugzeug. Cello-Töne begleiten die Bilder. Ein Schnitt, man sieht Annelie Keil im Zug sitzen. "Wenn ich heute die vielen Flüchtlinge sehe, die in Deutschland ankommen, dann erinnere ich mich an meine eigene Flucht als Kind." Friedland sei ein Ort gewesen, wo man ankommt und auch aufgenommen wird. In der nächsten Szene steigt die syrische Familie Al Habbal Kinaaz aus dem Flugzeug, die ersten Tage in Friedland werden gezeigt. Der Film kommt ohne Kommentar aus, er lebt von den Erzählungen der Geflüchteten damals und heute. Geschickt werden Vergangenheit und Gegenwart durch den Schnitt verbunden. Etwa wenn historische Aufnahmen des Bahnhofs in Friedland in Bilder von heute münden.

Geschichten werden verwoben

Die Geflüchteten beider Generationen werden in dem Film aber nicht voneinander getrennt dargestellt. Die Göttingerin Edelgard Grothey, die als Kind in Friedland jahrelang vergeblich auf ihren in Russland verschollenen Vater gewartet hatte, läuft in einer Szene die Heimkehrerstraße in Friedland entlang. Von links kommt die Familie Al Habbal Kinaaz ins Bild. Am deutlichsten wird der direkte Kontakt zwischen den Flüchtlingen von damals und den Flüchtlingen von heute in der folgenden Szene. Der aus Syrien geflüchtete Sohym Abdulkarem trifft auf Annelie Keil und fragt sie, wie es sein könne, dass sie als Deutsche nach dem Zweiten Weltkrieg Flüchtling im eigenen Land gewesen sei. Keil erläutert, dass sie als uneheliches Kind im "Dritten Reich" nach Polen ziehen und nach dem Krieg habe flüchten müssen. "Wir kamen hier als Deutsche an, aber wir waren Ostdeutsche und wir kamen von der anderen Seite. Wir waren Flüchtlinge, und es war auch so: Keiner wollte uns."

Tränen der Freude in Friedland

Positive Resonanz

Edelgard Grothey, eine der Protagonistinnen des Films, hat während der Vorstellung zittern müssen und war den Tränen nahe gewesen. Sie erzählt: "Meine Tochter saß neben mir, hat immer meine Hand ganz fest gehalten, das hat mir geholfen." Durchweg positiv sind die Meinungen des Publikums. Bei der Göttingerin Christel Svenson kommen Erinnerungen hoch an ihre Zeit als Flüchtlingskind in Friedland. "Heute diesen Film zu sehen, das war schon in ganz besonderer Weise beeindruckend für mich", sagt die pensionierte Lehrerin. "Ich finde es großartig, dass hierzu ein Film gemacht wird und jetzt die ganze Flüchtlingshilfsbereitschaft nochmal angefeuert wird", sagt eine Friedländerin, die ebenfalls 1945 als Kind in das Lager kam. Der gebürtige Friedländer Karsten Trümper meint, der Film gebe einen guten Einblick in die Arbeit im Grenzdurchgangslager. Er mahnt aber: "Die Mitarbeiter hier sind an ihren Grenzen, das Lager ist überfüllt, wir haben gerade ein bisschen zu viele Flüchtlinge hier."

Erst Flüchtling, dann Professorin

Die große Zahl an Flüchtlingen ist auch Thema bei der anschließenden Diskussion. Dafür kommen noch einmal die Protagonisten und die Regisseurin Frauke Sandig auf die Bühne. Zu der Debatte um die aktuelle Situation von Flüchtlingen, überfüllte Erstaufnahmestellen und die Frage nach der Willkommenskultur hat Annelie Keil eine klare Meinung: "Macht das Tor auf, aber überlegt, wie es gehen kann." Sie selbst habe als Flüchtling eine Chance bekommen und es in Deutschland bis zu einer Professur geschafft, sagt Keil auf dem Podium. Zum Schluss appelliert die Professorin im Ruhestand an ihre ebenfalls emeritierten Kollegen: "Ich wünsche mir, dass alle pensionierten Hochschullehrer jetzt Deutsch-Unterricht geben." Noch bevor sie den Satz beendet, brandet der Applaus auf.

 

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