Stand: 15.02.2016 17:54 Uhr

Doris Dörrie: Überleben in Fukushima

Eine junge Deutsche kommt nach Fukushima - in das Katastrophengebiet - und versucht, den Menschen zu helfen, die da geblieben sind. Das ist die Rahmenhandlung von "Grüße aus Fukushima", dem neuen Werk der Regisseurin Doris Dörrie, das auf der Berlinale vorgestellt wird. Julia Westlake sprach mit ihr über den sehr persönlichen und fesselnden Film, den Dörrie auch an Originalschauplätzen gedreht hat.

Sie haben an einem Ort gedreht, den ich freiwillig nicht betreten würde. Welche Geschichte wollten Sie da erzählen?

Doris Dörrie: Ich war ein halbes Jahr nach der Katastrophe da, weil ich mir das selbst genau anschauen wollte, nicht nur im Fernsehen. Ich habe eine lange Verbindung zu Japan. Und was ich da gesehen habe, hat mich schon sehr bestürzt und betroffen gemacht: diese komplette Zerstörung, die Leute in den Notunterkünften und dieses Gefühl, dass da nie wieder was gut werden kann. Und da fing es an, dass ich gedacht habe, ich will eine Geschichte darüber schreiben.

Jetzt im März jährt sich das Unglück von Fukushima zum fünften Mal. Man hat den Eindruck, dass dort eigentlich nicht viel passiert ist.

Dörrie: Gar nichts. Es ist, glaube ich, wirklich beschlossen worden, die Leute da zu vergessen. Denn fünf Jahre nach der Katastrophe sitzen sie genauso in den Notunterkünften wie direkt danach. Es hat keinen Wiederaufbau gegeben, nur ein großes Aufräumen, damit man die Zerstörung nicht mehr so sieht.

Aber es ist ein merkwürdiges Aufräumen. Es wird Erde in Säcke gepackt, die da herumstehen.

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Im Mittelpunkt des Film "Grüße aus Fukushima" steht eine Japanerin, die weiter im Katastrophengebiet lebt.

Dörrie: Die kontaminierte Erde wird abgegraben, in Plastiksäcke gepackt - und dann stehen die Säcke da für immer rum. Viel mehr ist nicht passiert. Aber ich wollte eben nicht nur eine Geschichte der Katastrophe erzählen, sondern ich wollte auch diesen "culture clash" zwischen Europa und Japan erzählen. Und ich wollte eine Meisterin-Schülerin-Geschichte erzählen, zwischen dieser alten Dame, die alles verloren hat, aber in ihr zerstörtes Haus zurückkommt und der jungen Deutschen.

Und das Trauma? Sitzt das nicht tief bei den Menschen? Es sind ja unglaubliche Verluste, unglaubliche Trauerarbeit, die da zu bewältigen ist.

Dörrie: Ja, das haben wir natürlich gemerkt. Die Frauen aus den Notunterkünften, die so gerne mitgespielt haben, die haben alle Geschichten erzählt. Und wenn jetzt die Japaner diesen Film sehen, dann fangen viele ganz, ganz herzzerreißend an zu schluchzen, weil das alles wieder hochkommt.

Aber eigentlich ist das in der Kultur nicht vorgesehen, dass man Schmerz zeigt, oder?

Dörrie: Man zeigt ihn anders. Es ist sehr japanisch, genauer hinzuschauen und in kleinen Regungen und Äußerungen großen Schmerz zu entdecken. Das ist einfach eine Art der Wahrnehmung. Aber noch mal: Wichtig war es mir, dass dieser Film am Ende auch einen gewissen Trost bietet. Dass es in dieser Geschichte eine Leichtigkeit gibt durch diesen Kontakt zwischen der Deutschen und der Japanerin. Dass beide zusammen ihren Schmerz überwinden können. Sie, die Deutsche, hat einen sehr privaten und, wenn man will, kleinen Schmerz. Aber es fühlt sich ja gleich an. Man kann Schmerz nicht messen in groß und klein. Und die Japanerin hat ihr großes Trauma. Das schaffen sie schon zusammen.

Und deshalb, habe ich gedacht, ist es vielleicht ein sehr persönlicher Film. Denn Sie haben auch mal eine große Katastrophe erlebt. Ihr Mann ist verstorben, sie haben ihren unglaublichen Schmerz irgendwie verarbeiten müssen und irgendwann vielleicht auch loslassen müssen. War das vielleicht auch eine persönliche Geschichte?

Dörrie: Ich habe sicherlich durch meinen eigenen Verlust gelernt, dass uns das als Menschen verbindet, weil wir alle diesen Verlust irgendwann erleiden. Irgendwann erwischt es uns alle, dass wir das, was uns am liebsten ist, den, der uns am liebsten ist, verlieren werden. Das ist einfach so. Wir können es auch nicht auf Dauer wegschieben. Und das Positive daran ist: Wenn wir den Schmerz im anderen erkennen, können wir uns wirklich verbinden. Diese tiefe Verbindung entsteht sehr viel mehr über den Schmerz - glaube ich - als über das Glück und die Freude.

Das Interview führte Julia Westlake, Moderatorin NDR Kulturjournal.

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Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 15.02.2016 | 22:45 Uhr

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