Stand: 17.11.2015 12:00 Uhr

"Stonewall": Ambitioniert, aber langweilig

Stonewall
Vorgestellt von Katja Nicodemus

Ein Roland-Emmerich-Film, der in den USA floppt? Wie kann das geschehen? "Stonewall" heißt das neue Werk des Blockbuster-Regisseurs, das jetzt auch bei uns ins Kino kommt.

Die eine Nachricht: Roland Emmerich, "unser schwäbischer" Weltenzertrümmerer und Hollywoods einziger offen schwuler Blockbuster-Regisseur, hat einen Film über den Beginn der Lesben- und Schwulenbewegung gedreht. Genauer gesagt über jenen Aufstand im Juni 1969, bei dem sich Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender-Personen in der New Yorker Christopher Street zum ersten Mal gemeinsam gegen Diskriminierung und Polizeigewalt wehrten.

Die andere Nachricht: Es ist halt trotzdem ein typischer Roland Emmerich-Film geworden, was die Sache aber vielleicht gerade deswegen interessant macht.

Christopher Street in steriler Studio-Atmosphäre

Bei Roland Emmerich ist die New Yorker Christopher Street eine heile Welt, getaucht in warmes Sonnenlicht. Hier sitzen Schwule, Tunten, Lesben friedlich vor ihren Häusern oder diskutieren in Bars über ihre Ikonen: Judy Garland und Barbara Streisand.

Nach einem plötzlichen ungeplanten Coming Out verschlägt es Danny, einen weißen adretten Jungen aus der christlich amerikanischen Provinz, in diesen großen bunten Garten. Gespielt wird er von Jeremy Irvine in Muscle-Shirts und mit Hochglanzlächeln.

Es ist ganz offensichtlich, dass Emmerich diese Mainstream-Figur dazu benutzen will, um breite Zuschauersympathien für die bunte Schwulen- und Transgender-Szene der Christopher Street zu wecken. Aber warum eigentlich? Denn deren Bewohner sind doch an sich schon umwerfend. Allen voran der junge Transvestit Ray, gespielt von Jonny Beauchamp.

Emmerichs "Stonewall" spielt in einer seltsam künstlichen Studiokulisse. Die Dialoge sind holzschnittartig, ein Klischee folgt aufs andere. Auf die Katastrophe steuert der Film so mechanisch und unaufhaltsam zu wie in "Independence Day". Diesmal wird halt nicht gegen Außerirdische oder Naturkatastrophen gekämpft, sondern gegen ebenso homophobe wie gewalttätige Polizisten.

Anfeindungen aus der Lesben- und Schwulenszene

Packend ist an "Stonewall" der Beginn, wenn dokumentarische Aufnahmen zeigen, wie Lesben und Schwule Ende der 60er-Jahre in den USA diskriminiert wurden.

Die Empörung darüber ist Emmerichs Ensemblefilm anzumerken, aber sie bleibt oberflächlich, bleibt Behauptung, der Regisseur kann sie nicht umsetzen. Es ist fast rührend, wie sehr Emmerich einer gängigen Erzählweise verhaftet bleibt, wie er einfach nur brav das Spektrum homosexueller Lebensentwürfe ausbreitet. Etwa wenn der wilde, exzentrische, rebellische Ray den eher spießig gepolten Danny bei seinem Job besucht.

Kaum war auch nur der Trailer von Emmerichs "Stonewall" erschienen, war der Film auch schon massiven Anfeindungen aus der Lesben- und Schwulenszene und einem Shitstorm im Netz ausgesetzt. Nur 150.000 Dollar spielte der Film am ersten Wochenende ein.

Man warf Emmerich vor, er habe den Beginn der Bewegung durch die Fokussierung auf eine weiße männliche Hauptfigur verfälscht. Doch der Film zeigt durchaus das Panorama hispanoamerikanischer und afroamerikanischer Figuren in der Szene und auch hier ist es eine widerständige Lesbe, die den Aufstand auslöst.

Ungerechte Vorverurteilung

Man kann es nicht anders sagen: In den USA wurde "Stonewall" vorab von der Szene vernichtet, deren Geschichte der Film doch eigentlich erzählen will. Auch wenn Emmerichs glatte Erzählweise dem Thema nicht gerecht wird, auch wenn sein Film gut gemeint ist, aber spannungslos bleibt, hat er diese Vorverurteilung genauso wenig verdient wie jeder andere.

Es mag ja absehbar sein, dass sich ein eingefleischter Blockbuster-Regisseur an einem Thema verhebt, das nach feineren Erzählmitteln verlangt. Aber man muss sich einen Film schon anschauen, um zu entscheiden, warum man ihn ablehnt.

Stonewall

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
2015
Produktionsland:
USA
Zusatzinfo:
mit Jeremy Irvine, Jonny Beauchamp, Vladimir Alexis
Regie:
Roland Emmerich
Länge:
129 min.
FSK:
FSK ab 12 Jahre
Kinostart:
19. November 2015

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 19.11.2015 | 07:20 Uhr

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