Sendedatum: 09.03.2016 06:40 Uhr

"Grüße aus Fukushima" von Doris Dörrie

Grüße aus Fukushima
Vorgestellt von Walli Müller

Als Regisseurin Doris Dörrie 1985 zum ersten Mal nach Japan flog, zum Filmfestival in Tokio, war sie so fasziniert von dieser fremden Welt, dass sie spontan länger blieb und durch das Land trampte. 30 Jahre und 25 Japan-Reisen später ist sie eine richtige Kennerin des Landes und der Kultur; und nach "Erleuchtung garantiert" und "Kirschblüten - Hanami" hat sie nun ihren dritten Film dort gedreht: "Grüße aus Fukushima". Dafür ging Doris Dörrie dahin, wo sich japanische Filmemacher bisher nicht hintrauten: an den Ort der Katastrophe.

Erfundene Geschichte in authentischer Kulisse

Die Szenerie erinnert an ein post-apokalyptisches Science-Fiction-Drama: verlassene Geisterstädte; Häuserruinen, durch die der Wind Staub und Trümmer fegt. Doris Dörrie brauchte dafür keine Kulissen-Bauer; es sind dokumentarische Aufnahmen, in Schwarz-Weiß gedreht. Sie inszeniert ihre erfundenen Geschichten an Schauplätzen, die sie vor Ort findet. So verschmelzen in eindrucksvoller Weise Fiktion und Realität.

In der Theorie schien es so ein guter Plan: Die junge Deutsche Marie ist nach Fukushima gereist, um mit der Hilfs-Organisation "Clowns4Help" ein wenig Freude ins Leben der Katastrophen-Opfer zu bringen. In einer trostlosen Container-Siedlung hausen die, denen die Tsunami-Wellen 2011 alles weggerissen haben. Marie wollte sie als Clown bespaßen, fühlt sich aber nur schrecklich deplatziert.

Dreharbeiten am Ort der Zerstörung

Rosalie Thomass spielt die Rolle der Marie mit solch emotionaler Wucht, dass einen die Geschichte gleich packt. Sicher auch, weil bei der jungen Schauspielerin eigene Gefühle mit im Spiel sind: Die Angst vor der Strahlenbelastung, mit der sie erst umgehen lernen musste und das schiere Entsetzen über das Ausmaß der Zerstörung!

Interview

Doris Dörrie: Überleben in Fukushima

Für ihren neuen Film ist Doris Dörrie ins Katastrophengebiet von Fukushima gereist. Auch fünf Jahre nach dem Unglück leben die Menschen in Notunterkünften, sagt sie im Interview. mehr

Wo kein Mensch mehr leben kann, muss sie in diesem Film hingehen: Eine alte Dame hat Marie gebeten, sie in ihr zerstörtes Haus in der Sperrzone zu fahren. Nun ist sie hier nicht wieder wegzubewegen. Also bleibt auch Marie und hilft der Frau, ihr Haus wieder bewohnbar zu machen.

In der Trümmer-Landschaft von Fukushima beginnt eine Art Culture-Clash-Tragikomödie. Die junge Deutsche, die vor ihren Problemen daheim davongelaufen ist, und die Japanerin Satomi, die sich als letzte Geisha der Gegend entpuppt, können zunächst so gar nichts miteinander anfangen. Für Satomi ist Marie nur eine tollpatschige deutsche Riesin, zu groß für ihre kleine Hütte. Trotz verletzender Worte: Marie bleibt, lernt von der alten Geisha und wächst an dieser Begegnung.

Dörries Faszination für die japanische Kultur überträgt sich aufs Publikum

Die Filme, die Doris Dörrie in Japan gedreht hat, sind wohl ihre besten, weil sich ihre Faszination für die Kultur aufs Publikum überträgt - auch in "Grüße aus Fukushima". Selbst wenn einem Japan total fremd ist und die Geisha-Kultur zutiefst suspekt: Diese Satomi, gespielt von der japanischen Schauspiel-Legende Kaori Momoi, hat eine würdevolle, fast ehrfurchtgebietende Ausstrahlung. Man möchte eine Teetasse mal so halten können wie sie.

Wie zwei Frauen hier gemeinsam gegen die Dämonen der Vergangenheit kämpfen, das ist bewegend anzuschauen - und dabei höchst unterhaltsam.

Grüße aus Fukushima

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
2016
Produktionsland:
Deutschland
Zusatzinfo:
mit Rosalie Thomass, Kaori Momoi, Aya Irizuki
Regie:
Doris Dörrie
Länge:
108 min.
FSK:
FSK ab 12 Jahre
Kinostart:
10. März 2016

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 09.03.2016 | 06:40 Uhr

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