Stand: 28.09.2015 18:10 Uhr

Pippi als Antwort auf den Zweiten Weltkrieg

von Natascha Geier
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Die Kriegstagebücher von Astrid Lindgren sind ein Dokument der Zeitgeschichte.

"Ich hasste Hitler aus tiefstem Herzen, und ich spürte eine tiefe Wut über den Nationalsozialismus. Und dieses Gefühl - das war meine erste starke politische Überzeugung." Astrid Lindgren sitzt sicher im neutralen Schweden, politisch noch unbedarft und eigentlich vollständig ausgelastet als Mutter, Hausfrau, Sekretärin. Doch sie spürt sofort, dass dieser Krieg einen Weltenbrand entfesseln wird. Sie beginnt ihre "Kriegstagebücher". Der erste Eintrag am 1. September 1939 lautet: "Oh! Heute hat der Krieg begonnen. Niemand wollte es glauben. Gestern Nachmittag saßen wir im Vasapark, die Kinder spielten um uns herum, und wir schimpften ganz gemütlich auf Hitler und waren uns einig, dass es wohl keinen Krieg geben würde! Gott bewahre unseren armen vom Wahnsinn heimgesuchten Planeten."

Desweiteren schildert sie in ihren Kriegstagebüchern ganz alltägliche Sorgen wie zum Beispiel die Angst vor Lebensmittelrationierungen. Die politische Astrid erwacht: Sie klebt Zeitungsausschnitte ein, will dokumentieren, bewahren und verstehen, warum die Welt zerfällt.

Frühes Wissen von den Deportationen

Bereits kurz darauf hat Lindgren Zugang zu geheimen Informationen, denn sie arbeitet inzwischen bei der staatlichen "Briefzensur". Dort filtert sie private Post auf militärisch relevante Hinweise. Die aufschlussreiche Dokumentation "Astrid Lindgren" enthält echte Fundstücke.

Schon 1941 weiß sie von Deportationen: "Ich las heute einen traurigen Brief, ein Dokument der Zeitgeschichte. Ein jüdischer Flüchtling, der gerade in Schweden angekommen ist, schreibt, dass Juden von Wien nach Polen deportiert werden. 1000 am Tag", schreibt sie am 27. März 1941. Die Zeitungsauschnitte, die sie über die Jahre einklebt, beweisen, dass auch in Schweden jeder wissen konnte, was mit den Juden geschah.

Mehr Angst vor Sowjetrussen als vor Hitler

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Der Dokumentarfilm "Astrid Lindgren" wertet erstmals zahlreiche Tagebucheinträge der Autorin aus.

Ironisch-verzweifelt nennt sie den Führer anfangs mal "den süßen kleinen Hitler". Doch auch wenn sie ihn verachtet, die Nazis fürchtet - noch größere Angst hat sie als Schwedin vor den Sowjetrussen. "Die Russen haben in den vergangenen Tagen Litauen, Lettland und Estland besetzt. Ich sage lieber den Rest meines Lebens 'Heil Hitler', als den Rest meines Lebens die Russen bei uns zu haben. Etwas Entsetzlicheres kann man sich nicht vorstellen", heißt es am 18. Juni 1940. Sie schreibt auch: "Der Nationalsozialismus und der Bolschewismus - sie sind ungefähr wie zwei Dinosaurier, die miteinander kämpfen. Als ob Armageddon bevorstünde!"

Eine Anwältin der Menschen

Drei Jahrzehnte später verarbeitet Lindgren diese Erfahrungen literarisch in "Die Brüder Löwenherz". Da steht der kleine Krümel machtlos wie die neutralen Schweden zwischen zwei bösen Mächten. Das, was Astrid Lindgrens Werk ausmachen wird, findet in den Tagebüchern seinen ersten Ausdruck: feine und genaue Beobachtungen, geprägt von tiefer Mitmenschlichkeit. Ein Foto vom Austausch von Kriegsgefangenen habe sie nur wegen des Gesichts des Soldaten eingeklebt. "Ich finde, es drückt alle Soldatensehnsüchte der Welt aus", sagt sie im Herbst 1943. So etwas wie Parteipolitik habe sie nie interessiert, ihr sei es immer darum gegangen, wie sich Menschen fühlen. "Ich wollte eine Anwältin der Menschen sein."

Entstehung der Pippi Langstrumpf

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Pippi Langstrump ist Astrid Lindgrens Antwort auf den Zweiten Weltkrieg.

Eine hellsichtige, warmherzige, tapfere und sehr diskrete Astrid Lindgren zeigt sich in diesen Tagebüchern. Sie dokumentiert das Weltgeschehen. Was sie im Innersten bewegt, deutet sie nur an - seien es Eheprobleme oder ihre ersten literarischen Versuche. Ihr Werk Pippi Langstrumpf entsteht 1944. Anhand der Kriegstagebücher kann man sagen: Dieses starke, freie, alle Autoritäten anzweifelnde Mädchen, das sich immer für die Schwachen einsetzt, ist Astrid Lindgrens humanistische Antwort auf den Zweiten Weltkrieg.

Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 28.09.2015 | 22:45 Uhr

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