Stand: 16.01.2014 15:00 Uhr

Geschunden in den Südstaaten

von Katja Nicodemus

Gerade hat der Brite Steve McQueen den Golden Globe für den besten Film gewonnen. Mit insgesamt neun Nominierungen ist sein Film "12 Years A Slave" nun klarer Favorit für den Oscar 2014 in derselben Kategorie. Jetzt kommt der Film, der in den USA für eine neue Auseinandersetzung mit der Sklaverei gesorgt hat, bei uns ins Kino.

Stellen wir uns vor, wie es wäre, wenn wir plötzlich aus unserem Büro, unserem Auto oder unserem Wohnzimmer heraus gekidnappt würden. Wenn wir in Ketten in einem Verließ aufwachten. So in etwa ergeht es dem Helden von Steve McQueens Film "12 Years A Slave".

Um 1840 lebt er als Musiker und Familienvater, und vor allem: als ganz normaler, freier amerikanischer Bürger im Städtchen Saratoga Springs, New York. Anders als in herkömmlichen Kinoerzählungen über die Sklaverei, ist er kein Afrikaner, der über den Ozean gebracht wird, sondern ein von Amerikanern entführter Amerikaner. Und plötzlich befindet sich Northup auf einem Sklavenschiff in Richtung Südstaaten, wo ihm ein Leidensgenosse Ratschläge für eine wohl entsetzliche Zukunft erteilt.

12 Years A Slave

USA 2013
Drama
Regie: Steve McQueen
FSK: ab 12 Jahre

Mit
Chiwetel Ejiofor
Michael Fassbender
Lupita Nyong'o
Brad Pitt und anderen

Ab 16. Januar im Kino

Verrückte Normalität

Solomon Northup landet auf den Baumwollplantagen in Louisiana. Und eben weil wir uns durch Steve McQueens Filmbeginn mit diesem Helden identifizieren können, erscheint uns die greifbare Normalität der Sklaverei in diesem Film als vollkommen verrückt.

Verrückt ist, dass ein Mensch einen anderen Menschen als seinen Besitz betrachtet. Verrückt ist es, dass Northup und seine Mitgefangenen ausgepeitscht werden, wenn sie weniger als 90 Kilo Baumwolle pro Tag pflücken. Verrückt ist, dass sich Northup als Analphabet ausgibt, um nicht ins Visier seines Sklavenhalters Mr. Epps, gespielt von Michael Fassbender, zu geraten.

Verlust der Menschlichkeit

Mit einer Mischung aus fiebriger Energie, Verletzlichkeit und Sadismus spielt Fassbender diese komplexeste Figur des Films. Epps ist verliebt in die Sklavin Patsy. Und weil es dieses Gefühl für einen Sklavenhalter eigentlich nicht geben darf, ist seine Eifersucht umso maßloser.

Steve McQueen zeigt, wie der Terror der Sklavenhalter auch deren Welt aus den Fugen bringt. Wie er in die feinen Herrenhäuser sickert. Sich in den feudalen Salons einnistet. Und er zeigt, dass Menschen, die andere Menschen als Untermenschen behandeln, auch ihre eigene Menschlichkeit verlieren. So wie Mrs. Epps, die das Problem ihrer erkalteten Ehe auf den Rücken der Sklaven ablädt.

Hypnotische Kameraführung

Alle Szenen dreht Steve McQueen in ruhigen Einstellungen mit einer fast hypnotischen Kamera. Er macht die Hitze des amerikanischen Südens genauso spürbar wie die physische Erschöpfung und Geschundenheit der Sklaven. Er zeigt ein System, in dem man nur durch Anpassung überleben kann. Und doch: Es kommt der Moment, in dem Solomon Northup Widerworte geben muss.

"12 Years A Slave" ist der erste Film, der die Sklaverei aus der Innenperspektive zeigt. In dieser erschreckenden Gegenwärtigkeit, der man sich nicht entziehen kann, liegt seine verstörende Kraft. Manchmal muss man erst ins Kino gehen, um zu erfahren, dass das, was geschehen ist, auch wirklich stattgefunden hat.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Filme | 16.01.2014 | 07:20 Uhr

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