Stand: 12.06.2015 12:40 Uhr

Das gehetzte Abendland

Die Unruhe der Welt
von Ralf Konersmann
Vorgestellt von Pascal Fischer
Bild vergrößern
Ralf Konersmann lehrt am Philosophischen Seminar der Christian-Albrechts-Universität in Kiel.

In jedem Lebensbereich unserer Kultur scheint ein allgemeines Drängen, Voranschreiten, Hetzen zu herrschen. Warum eigentlich? Der Philosoph Ralf Konersmann hat sich schon ausgiebig mit Metaphern und Leitbildern von Kulturen beschäftigt. Nun legt er das Buch "Die Unruhe der Welt" vor und zeigt, wie tief verwurzelt diese Unruhe in der abendländischen Kultur ist: Sie scheint geradezu ein Gründungsmythos.

"Don't stop!" rappen Musiker, Politiker mahnen zu Reformen, Sinnsprüche warnen vorm Rasten und Rosten. Breit belegt Ralf Konersmann: Den Wandel an sich begrüßen wir doch alle. Wir wollen stetig voranschreiten: "Wenn ich etwas mit dem Buch erreichen möchte, dann ist es die Besinnung auf diese grundlegenden Orientierungen, auf die wir uns eingelassen haben, ohne uns je dafür entschieden zu haben!"

Der Fluch der Rastlosigkeit

Ralf Konersmann findet den Beginn im Alten Testament: Gott belegt Kain nach dem Brudermord mit einem Fluch: "Ruhelos und rastlos sollst Du sein...und das ist ein Vorstoß in die Unruhe!" 

Ruhe gab es der christlichen Vorstellung zufolge nur im Paradies und im Himmel; das unruhige Diesseits galt es zu akzeptieren. Selbst die hellenistische Gegenerzählung, die Stoa, kam nicht dagegen an: Zwar galt Ruhe hier als erreichbares Ziel im Hier und Jetzt durch Selbstbeherrschung, aber auch die Stoa begriff die Welt an sich als unruhig.

Damit räumt Konersmann mit dem Irrtum auf, erst in der Moderne sei die Hetze in unsere Kultur gekommen, wie es etwa der Beschleunigungssoziologe Hartmut Rosa glaubt. Das sei selbst ein Mythos, übrigens verdächtig ähnlich der Kainserzählung, entgegnet Ralf Konersmann. Nein, der Abendländer war seit Kains Bestrafung nervös: "Mit diesem Erklärungsangebot hat sich die westliche Tradition […] befasst im Grunde bis in die Neuzeit hinein."

Unruhe als Chance

Dann verwandelte sich die Unruhe paradoxerweise von einer Gottesstrafe in ein unhinterfragtes, positives Leitbild: Francis Bacon begrüßt - revolutionär - die Unruhe als Chance des Menschen, zumindest zeitweilig an der Schöpfung einer noch besseren Welt mitzuwirken.   

"Dann kommen noch zwei Jahrhunderte Aufklärung, in deren Verlauf diese Zusage Bacons, dass die Unruhe begrenzt sein würde, verloren geht und am Ende nur noch die Unruhe übrig bleibt, das heißt, wir haben eine unendliche Unruhe", behauptet Konersmann.

Entwicklung, Fortschritt zum Besseren, schließlich nur noch ein blindes Voranpreschen, das suggerieren die großen Konzepte der Geschichtsphilosophie bei Kant, Schiller, Hegel, Marx. Konersmann führt beeindruckend vor, wie tief verborgen und doch allgegenwärtig der Ursprungsmythos der Unruhe sitzt. Um ihn zumindest abzuschwächen, empfiehlt Konersmann, der Welt Ruhezonen abzutrotzen.

Sich einlassen auf Veränderung

Er zitiert einen Vers von Friedrich Hölderlin 'So eile denn zufrieden!': "Hölderlin versucht, mit diesem Vers so etwas wie ein zufriedenes Vorankommen zu beschreiben. Das heißt nicht, dass man sich zu einem neuen Biedersinn bekennt, das heißt nur, dass wir in der Art, wie wir die Welt verändern, uns nicht treiben lassen durch den Verdruss, sondern besonnen handeln. Und das müssen wir erst wieder lernen, nachdem wir uns schon sozusagen im Felde des Vorbewussten immer schon auf die Unruhe und die Veränderung eingelassen haben."

Es scheint eine Lösung für den Privatgebrauch. Denn es ist nicht leicht, jahrtausendealte Konditionierungen einfach umzustülpen. Noch schwieriger dürfte eine Bilderstürmerei im sehr realen globalen Wettbewerb sein, den das gehetzte Abendland dem Rest der Welt aufgezwungen hat.

Nichtsdestotrotz sensibilisiert das spannende Buch für Bildwelten, die viel tiefer operieren, als es Medizin und Psychologie mit ihren Stress- und Burnout-Diagnosen ahnen. Am Ende steht auch ein niveauvolles Selbsthilfebuch: Denn Schuld an unserer Rastlosigkeit sind wir nicht als Einzelne. Eine solche Absolution tut gut!

Die Unruhe der Welt

von
Seitenzahl:
464 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
S. Fischer
Bestellnummer:
978-3-10-038300-6
Preis:
24,99 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 12.06.2015 | 12:40 Uhr