Stand: 21.07.2015 11:24 Uhr

Die Klima-Diplomatie der kleinen Schritte

Schlusskonferenz. Geschichte und Zukunft der Klimadiplomatie
von Nick Reimer
Vorgestellt von Verena Goonsch
Bild vergrößern
Das Buch "Schlusskonferenz. Geschichte und Zukunft der Klimadiplomatie" von Nick Reimer ist im Oekom Verlag erschienen.

Bis zur Klimakonferenz in Paris werden noch viele Vorgespräche stattfinden, so wie gerade bei einem Treffen in der französischen Hauptstadt, an dem Vertreter aus 45 Ländern schon ausloten, was möglich ist. Mancher hat ja den Eindruck, die Verhandlungen träten auf der Stelle, aber das stimmt nicht. Das sieht man beim Blick in die Protokolle, sagt der Autor Nick Reimer. Er hat aus seinem Blick in die Unterlagen das Buch "Schlusskonferenz. Geschichte und Zukunft der Klimadiplomatie" geschrieben. Eine wahre Fleißarbeit: Auf mehr als 200 Seiten zeichnet der Umweltjournalist Reimer die Geschichte der Klimaverhandlungen nach, von Kyoto bis zur anstehenden Pariser Konferenz im Dezember.

Ist die Klimadiplomatie gelungen?

Das Interessante dabei: Reimer, der Chefredakteur der Nachrichtenseite klimaretter.info ist, hält die Klimadiplomatie für gelungen. Die Klimaverhandlungen seien so erfolgreich wie kein anderer internationaler Verhandlungsprozess - WTO und GATT inklusive. Reimer zählt die Erfolge auf: "Sie haben sich darauf geeinigt, wie messen wir eigentlich Klimagase? Wie machen wir nationale Treibhausregister so vergleichbar, dass wir Bosnien-Herzegowina, die Bundesrepublik und Buthan vergleichen können? Es gibt Kontrollen, wir überprüfen, ob eure Berechnungen auch stimmen. Es gibt das Zwei-Grad-Ziel. Die Klimadiplomaten haben sich lange vor G7 darauf geeinigt, dass sie das Zwei-Grad-Ziel einhalten wollen. Es gibt eine Zusage, dass vom Norden 100 Milliarden Dollar in den Süden transferiert werden ab dem Jahr 2020."

Beschlüsse müssen einstimmig gefasst werden

Auch dem UN-Mandat, unter dem die Verhandlungen stehen, kann er etwas abgewinnen. Es bedeutet nämlich, dass jeder Beschluss nur einstimmig gefasst werden kann. Reimer sieht darin ein großes Hindernis für schnelle Entscheidungen: "Es ist ein sehr demokratischer Prozess. Jedes Land hat eine Stimme, China genauso wie Tuvalu, ein kleiner Inselstaat im Pazifik. Und die Zivilgesellschaft hat Zugang, Frauenvertreter genauso wie indigene Vertreter genauso wie Wirtschaftsvertreter und die Gewerkschaften."

Ein Buch für Feinschmecker

Reimers Buch ist etwas für Feinschmecker. Für die, die immer schon mal wissen wollte, was auf diesen zweieinhalbwöchigen Konferenzen, die einmal im Jahr stattfinden, überhaupt passiert. Und welches Land welche Interessen vertritt. Ein Beispiel:

"Die Entwicklungsländer entschieden sich deshalb im Jahr 2013 hin zu einem Kurswechsel: Auf der Klimaverhandlung in Warschau setzten sie das Thema 'Loss and Demage' auf der Verhandlungsagenda ganz nach oben. 'Loss and Demage' steht für Verlust und Schäden durch den Klimawandel. Wenn die USA den Angriff auf die Zwillingstürme des World Trade Centers in New York als Angriff auf ihre nationale Integrität verstehen, wie ist dann der Verlust einer Insel zu bewerten, die vom steigenden Meeresspiegel verschluckt wird?" Zitat aus dem Buch "Schlusskonferenz"

Reimer erwartet keinen Durchbruch

Dem hartnäckigen Umweltjournalisten Reimer gelingt es dabei, das Auge auch auf die Fortschritte zu lenken, die im alltäglichen Nachrichtengeschäft oft untergehen: die Programme zur Rettung des Regenwaldes, die zunehmende Annäherung von Industrie- und Entwicklungsländern, den Klimafonds, der den Entwicklungsländern finanziell helfen soll.

Vor der Hoffnung auf den einen großen Durchbruch bei der Pariser Klimakonferenz warnt Reimer denn auch. Den wird es seiner Ansicht nicht geben: "Das Ergebnis wird nicht ausreichen. Das steht schon fest. Aber das hatten wir beim Montreal-Protokoll auch schon mal. Insofern glaube ich, dass es auch beim Paris-Protokoll so sein wird, dass man im Nachgang die Ziele so anhebt, dass man dem Ziel, die Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen, näher kommt."

Die Diplomatie der kleinen Schritte eben. Wie anstrengend, wie mühsam und wie schweißtreibend die ist, das weiß man am Ende von Reimers Buch. Auch sein Buch fordert einem ein wenig Durchhaltevermögen ab. Aber wer etwas abseits vom Mainstream einen Einblick in Klimapolitik bekommen will, für den lohnt sich die Lektüre auf jeden Fall.

Schlusskonferenz. Geschichte und Zukunft der Klimadiplomatie

von
Seitenzahl:
208 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Oekom
Veröffentlichungsdatum:
04. Juni 2015
Bestellnummer:
978-3-86581-746-4
Preis:
14,95 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Buchtipp | 21.07.2015 | 10:20 Uhr