Sendedatum: 27.04.2015 09:20 Uhr

Politisches Buch: "Das Knast-Dilemma"

Das Knast-Dilemma. Wegsperren oder resozialisieren? Eine Streitschrift
von Bernd Maelicke

Eine Rezension von Daniela Remus

In den deutschen Gefängnissen sitzen rund 65.000 Gefangene ein. Die einen für einige Tage, die anderen 15Jahre. Der Boulevard und mancher Innenpolitiker fordert im Zweifel, Täter länger hinter Gitter zu bringen. Dabei spielt die Frage, ob aus den Verurteilten dann bessere Menschen werden, kaum eine Rolle.

Wegsperren ins Gefängnis gilt noch immer als geeignete Strafmaßnahme für alle - egal ob Mörder, Vergewaltiger, Schwarzfahrer oder Kaufhausdiebe. Der Jurist Bernd Maelicke, bundesweit einer der renommiertesten Experten auf dem Gebiet der Kriminalpolitik, kritisiert das: "Wir sind zu sehr fixiert auf das Gefängnis, als Lösung, und denken, in dem Moment, wo wir die Leute wegsperren und wenn dann im Gefängnis gute Behandlungsprogramme stattfinden, dann ist damit der Auftrag der Resozialisierung erfüllt. Das ist eben viel zu kurz gedacht."

Wegsperren ist nicht resozialisieren

Einsperren ist nicht immer die beste Art zu bestrafen, davon ist Bernd Maelicke überzeugt. Menschen beispielsweise, die ihre Geldstrafe nicht bezahlen können und deshalb in den Knast kommen, gehörten da nicht hin. Durch gemeinnützige Dienste würden solche Straftäter viel eher dazu gezwungen, der Gesellschaft etwas zurückzugeben - das hält der Jurist für sinnvoller und wirksamer. "Ich sag: Wer ist denn im Gefängnis? Und wer ist da eine Fehlbelegung? Und was kann ich tun, um weniger ins Gefängnis hinein zu tun oder auch die Leute aus den Gefängnissen herauszuholen, und sie dann besser zu integrieren und den Rückfall zu vermeiden?"

Im Knast gelten die Regeln der Subkultur

Maelicke kennt sich aus. Der Resozialisierungsexperte hat als Anwalt gearbeitet, als Wissenschaftler und war mehr als 15 Jahre Ministerialdirigent im schleswig-holsteinischen Justizministerium. Der Strafvollzug  müsse dringend reformiert werden, um die daraus erwachsende Kriminalität zu senken. Viele Gefängnisse seien noch immer "Schulen des Verbrechens", denn dort gälten andere Regeln als draußen: Gewaltbereitschaft und das Demonstrieren von Stärke z.B. zählen viel innerhalb der Knasthierarchie. Und wer nicht drangsaliert, vergewaltigt oder verprügelt werden will, der füge sich in die bestehenden Herrschaftsverhältnisse der Subkultur. Und übt damit Verhaltensweisen ein, die draußen wenig hilfreich sind: "Das, was wir heute wissen, ist eben, dass das ja nicht dazu beiträgt, dass die Leute weniger Straftaten begehen, sondern sogar eher mehr Straftaten. Und wenn wir wirklich Resozialisierung ernst meinen, und das steht im Grundgesetz, dann müssen wir Resozialisierung verstehen. Ich sage immer: erste Halbzeit Gefängnis, aber zweite Halbzeit die Phase nach der Entlassung, und wir müssen vor allem die zweite Halbzeit betonen."

„Resozialisierung muss schon am Anfang der Haftstrafe stehen!“

Jeder zweite Gefangene wird rückfällig, von einem "Drehtürvollzug" sprechen die Experten. Diese Quote ist seit Jahren stabil. Das liegt daran, so Maelicke, dass die vielen Möglichkeiten, die das deutsche Sozialsystem bereithält, nicht ausreichend mit dem Vollzugssystem verknüpft sind. Dadurch tritt die Resozialisierung in den Hintergrund:

"Wir tun gut daran jeden Straffälligen, der im Gefängnis einsitzt, bereits zu Beginn seiner Freiheitsstrafe auf den Tag seiner Entlassung vorzubereiten und ihm auch danach zur Seite zu stehen. Nicht deshalb, weil wir Mitleid mit dem Täter haben, sondern weil seine Resozialisierung die einzige Möglichkeit ist, weitere Straftaten dauerhaft zu verhindern und weitere Opfer zu schützen." (Buch-Zitat, S. 30)

„Mit der Entlassung beginnt häufig der Rückfall“

Ob Schuldenberatung, Gerichtshilfe, soziale Dienste, Bewährungshilfe, Jugendhilfe, Sozialarbeit oder Wohnraumvermittlung, diese Angebote existieren alle, nur sind sie nicht ausreichend vernetzt. Deshalb fallen viele Gefangenen bei ihrer Entlassung unvorbereitet zurück in ihr altes Leben: "Wir überlassen die Leute ihrem Schicksal selber, wenn sie da mit ihrem Pappkoffer, nach wie vor, wenn sie dann am Tag der Entlassung vor dem Gefängnistor stehen. Und das ist dann der Beginn des Rückfalls. Da fängt der Ernstfall der Resozialisierung ja erst an. Nach der Entlassung."

Eine Muss für alle, die das Wegsperren für eine Lösung halten

"Das Knast-Dilemma" ist ein ausgesprochen lesenswertes Buch. Es schafft einen bemerkenswerten Spagat: Anrührende Fallbeispiele zu erzählen, den Alltag in deutschen Gefängnissen zu schildern und den Leser mit Zahlen, Fakten, wissenschaftlichen Studien und politischen Projekten zu informieren. Ein Muss nicht nur für die Innen- und Justizpolitik, sondern auch für alle, die meinen, Wegsperren um jeden Preis sei eine Lösung.

Das Knast-Dilemma. Wegsperren oder resozialisieren? Eine Streitschrift

von
Seitenzahl:
256 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
C. Bertelsmann
Veröffentlichungsdatum:
27.04.2015
Bestellnummer:
ISBN: 978-3-570-10219-0
Preis:
19,99 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Buchtipp | 27.04.2015 | 09:20 Uhr

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