Stand: 25.11.2015 15:00 Uhr

Der Glaube an das Sinnlose

Du bellst vor dem falschen Baum
von Judith Holofernes, mit Illustrationen von Vanessa Karré
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Judith Holofernes war Frontfrau der Band "Wir sind Helden", die vor drei Jahren in den einstweiligen oder endgültigen Ruhestand getreten ist.

Eine junge Frau, die in den letzten zehn, zwölf Jahren als Pop-Sängerin und wohl beste deutsche Songtexterin unserer Zeit bekannt geworden ist, taucht aus einer längeren Schaffenspause wieder auf und sie taucht auf als Lyrikerin. Judith Holofernes also hat seitdem, wie sie sagt, eine "Müßig-Gang" gegründet, hat ausdauernd nichts getan, dann ein paar sehr schöne Lieder geschrieben und Gedichte, genauer Tiergedichte. "Du bellst vor dem falschen Baum" heißt der gerade erschienene Band.

Kampf der restlichen Welt gegen die Selbstbehauptung des Einzelnen

Du sagst:
Hrrrr!
Hrrrrrr!!
Hrrrrrrrrr!!!! Rrrwah! Rrrwah!!!!

KAI!
KAI! KAI! KAI!
Du sagst:
Neff!
Nnnnnnn - Njiff! Neff!

Ich sag:
Du bellst vor dem falschen Baum
Du sagst:
OUAH - OUAH!
WAOUUUUUUH!

Ich sag: Tu n’aboies pas dans le bon bois.
Du sagst:
BOW! BOW - OW - OW!
Ich sag: You’re barking up the wrong tree, now Leseprobe

Das aber ist kein Quatsch - jedenfalls nicht vorrangig -, das ist die lautmalerische Beschreibung des Lebensgefühls einer Frau von 39 Jahren: "Diese Redewendung 'You're barking up the wrong tree' ist, finde ich, eine fantastische Art und Weise, der Welt ihre unsinnigen Ansinnen abzuschlagen - so eine Art pauschale Absage gegen alles, wo man das Gefühl hat: Ja, das kann man sogar wollen, aber das betrifft mich nicht, ich kann noch nicht einmal die Frage unterschreiben. Und das habe ich einfach relativ oft: Alle möglichen Leute haben - und das geht aber, glaube ich, jedem so - irgendwelche Ansinnen an einen, und man denkt: Paralleluniversum. Du sprichst noch nicht einmal meine Sprache!"

 

Sprachrohr einer Generation

Judith Holofernes, die sich ungefähr ein Jahrzehnt lang dank ihrer poetischen, melancholischen Songtexte und ihres unvergleichlich innigen Gesangs durchaus nachsagen lassen musste, das Sprachrohr einer Generation zu sein, der Generation, die von den Widrigkeiten des Lebens immer wieder an der überfälligen Romantik gehindert wird, diese Judith Holofernes ist nun zurück mit fröhlichen, versponnenen, herzerwärmenden Gedichten, endreimorientiert und aus einer klaren Haltung kommend: Mensch, nimm dich nicht so ernst! Kläff nicht den anderen an, kläff auch nicht dich selbst an - sondern raff dich mal dazu auf, dich zu entspannen!

Was sie in ihren neuen Liedern propagiert, strahlt uns auch aus ihren Gedichten an: der Glaube ans besinnungslose, vielleicht auch sinnlose und darum umso unbeschwertere Einfach-Nur-So-Sein, wie es uns beispielsweise der Lemur, der ostafrikanische Feuchtnasenaffe, so schön vorführt:

Ob seine Pirouetten
In Darwins Sinn Sinn hätten?
Das kann man sich wohl fragen
und müsste dann ertragen
dass dieses Affens Anmut
zeigt, dass er, was er kann, tut
ganz ohne Sinngebäude
allein im Dienst der Freude. Leseprobe

Berühmte Lehrmeister

Die Dichterin Judith Holofernes verschweigt nicht ihre Lehrmeister - Morgenstern, Ringelnatz, Jandl -, aber man fühlt sich auch immer mal wieder erinnert an Lessing und sein Lob der Faulheit, die er nur deshalb nicht besingen kann, weil er ja von ihr befallen ist.

Ich geh spazieren
auf allen Vieren
Ich sprech mit Tieren
die nix kapieren
die alles können
und die versonnen
auf Wiesen pennen
und die versponnen
auf Wiesen rennen
die sich sonnen
und die nichts! nichts! nichts!
beim Namen nennen Leseprobe

"Was die Tiere auf jeden Fall drauf haben, ist, nicht zu leiden, wenn's keinen Grund gibt! Und das ist ja interessanterweise ein Großteil der Zeit. Und das haben wir überhaupt nicht drauf, wir leiden ja immer: nach vorne und nach hinten und zu allen Seiten hin…" Woraus dann ja immerhin Kunst entsteht, oder, wie Holofernes sagt: "Aber bei den Tieren entsteht ein schöner Mittagsschlaf, das ist auch was wert."

Aber nein: Diese Gedichte wollen wir nicht eintauschen, gegen keinen Mittagsschlaf der Welt.

Du bellst vor dem falschen Baum

von
Seitenzahl:
104 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Tropen
Bestellnummer:
978-3-608-50152-0
Preis:
17,95 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 26.11.2015 | 12:40 Uhr