Stand: 07.10.2016 10:30 Uhr

Wolf Biermanns tiefe Einsichten

Warte nicht auf bessre Zeiten
von Wolf Biermann
Vorgestellt von Tobias Wenzel
Bild vergrößern
Der 1936 in Hamburg geborene Wolf Biermann lebte von 1953 bis 1976 in der DDR.

Er glaubte an den Kommunismus und ging voller Ideale in die DDR, wurde im Westen ein gefeierter Liedermacher und Dichter, während er im Osten nicht auftreten oder publizieren durfte, von der Stasi überwacht und von der DDR schließlich ausgebürgert wurde: Wolf Biermann. Im November wird Biermann 80 Jahre. Nun erscheint seine Autobiografie "Warte nicht auf bessre Zeiten!"

In Biermanns Leben spiegelt sich deutsche Geschichte

"Du hast zehn Kinder. Und die müssen diese Geschichten kennen." Mit diesem Satz überredete Pamela Biermann ihren Mann zum Schreiben seiner Autobiografie. Wolf Biermann selbst versteht "Warte nicht auf bessre Zeiten!" als einen Schelmenroman. In jedem Fall ist es ein mitreißendes Buch über ein irrwitziges Leben, in dem sich die Dramatik der deutschen Geschichte spiegelt. Als die Nazis seinen Vater, einen kommunistischen Widerstandskämpfer und Juden, in Auschwitz ermorden, ist Wolf gerade mal sechs. Kurz darauf überleben er und seine Mutter nur knapp die Bombardierung Hamburgs.

Umzug in die DDR, um den Kommunismus aufbauen

"Also wuchs ich auf mit dem Auftrag, die Menschheit zu retten, meinen Vater zu rächen und nebenbei den Kommunismus aufzubauen. Weil ich meiner Mutter diesen kleinen Gefallen tun wollte, ging ich eben mit sechzehn Jahren 1953 nach Osten und wurde ein DDR-Bürger", erzählt Biermann. "Und das war das Beste, was ich in meinem ganzen Leben gemacht habe. Wenn ich das nicht gemacht hätte, wäre ich ja gar nicht der Biermann geworden. Ich wäre hier in Hamburg geblieben und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit verblödet."

In Ost-Berlin wird er 1957, ohne Ahnung vom Theater zu haben, bei Helene Weigel, der Schauspielerin und Intendantin des Berliner Ensembles, als Regieassistent eingestellt. Vier Jahre später entdeckt Hanns Eisler Biermanns Talent als Liedermacher.

Stasi-Überwachung und Ausbürgerung

Aber schon bald verlässt das Glück das "Glückskind", wie er sich selbst in seiner Autobiografie nennt. Die DDR erteilt ihm Auftritts- und Veröffentlichungsverbot. 1976 wird Biermann ausgebürgert. Viele Künstler der DDR protestieren und werden teils selbst von der Stasi drangsaliert. Die observiert Biermann - nach lückenloser Überwachung im Osten - nun auch im Westen.

Als Gedächtnisstütze beim Schreiben seiner Autobiografie diente Biermann neben den Tagebüchern deshalb seine Stasiakte: "Das ist natürlich ein unglaublicher Service. 'Kostenlos' würde ich das nicht nennen. Denn bezahlt haben wir alle mit Ängsten, mit Seelengeld, mit Tränen, mit Wut, mit Verbitterung. Aber wenn das dann überstanden ist, dann freut man sich doch, dass diese Verbrecher so ordentlich gearbeitet haben."

Als Biermann nach der Wende seine Stasiakte, die Aktenberge, einsieht, ist es ein Wechselbad der Gefühle. Er lacht laut auf, als er bemerkt, dass ein ungebildeter Spitzel eine Liedzeile falsch verstanden hat. Er erschaudert, als sich ein eigentlich treuer Freund als Inoffizieller Mitarbeiter entpuppt.

Aufschlussreiche Aktenberge

Scharf greift er in seiner Autobiografie jene an, die er für Stasimitarbeiter hält oder von denen er es weiß. Seinen ehemaligen Manager, den Linken-Politiker Diether Dehm, der Biermann im Westen ausspioniert haben soll, nennt er eine "dummkluge Canaille".

Aber auch mit sich selbst geht Biermann hart ins Gericht. Er bedauert seinen "hochmütigen Stumpfsinn" und den "Politschund", den er geschrieben und gesungen hat. "Die heile Heimat-Utopie hab ich verloren" heißt es in seinem Lied "Heimweh". Bleibt die Frage, was für Wolf Biermann an die Stelle der kommunistischen Idee getreten ist: "Die hoffnungslose Hoffnung auf die Vernunft des Menschen", lautet seine Antwort.

Wolf Biermann hat nicht einfach nur sein Leben aufgeschrieben. Mit "Warte nicht auf bessre Zeiten!" ist ihm eine auch sprachlich herausragende Autobiografie geglückt. Allein die Stelle, in der er beschreibt, wie er als kleiner Junge mit seiner Mutter aus den Flammen einer Hamburger Bombennacht flüchtet und sich ins Kanalwasser rettet, ist die Lektüre dieses Buchs wert.

Der Künstler im Gespräch und auf der Bühne

"Warte nicht auf bessre Zeiten"

07.10.2016 13:00 Uhr
NDR Kultur

"Ich kann Gedichte schreiben und Lieder, aber doch keinen Roman." Jetzt hat Wolf Biermann seine Autobiografie geschrieben. Mitte November feiert er seinen 80. Geburtstag. mehr

Wolf Biermann: "Warte nicht auf bessre Zeiten"

28.11.2016 22:45 Uhr

Wolf Biermann erinnert in seiner Autobiografie an seine Hoffnung an die DDR, enttäuschte Erwartungen und dramatische Schikanen. Er las am 29. November vor ausverkauftem Haus in Rostock. mehr

03:32

Pamela und Wolf Biermann

23.10.2013 13:00 Uhr
NDR Kultur

Pamela und Wolf Biermann verraten im Video-Interview, was ein richtig gutes Liebeslied ausmacht. Video (03:32 min)

Warte nicht auf bessre Zeiten

von
Seitenzahl:
576 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Ullstein/Propyläen
Bestellnummer:
978-3-549-07473-2
Preis:
28,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 07.10.2016 | 12:40 Uhr

Mehr Kultur

01:28

Geiger Weilerstein gibt Meisterkurse in Lübeck

26.07.2017 19:30 Uhr
Schleswig-Holstein Magazin
02:58

Ausstellung zeigt die "Welt der Gifte"

26.07.2017 19:30 Uhr
Nordmagazin
01:52

Abriss: Muss Schiller-Oper Hochhaus weichen?

26.07.2017 19:30 Uhr
Hamburg Journal