Sendedatum: 20.07.2015 19:00 Uhr

36 Selbstauskünfte, die Mut machen

Unser Leben mit Krebs
von Autoren des ISBW Neustrelitz 
Vorgestellt von Jette Studier
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NDR-Reporterin Jette Studier hat sich mit den Autorinnen und Autoren des Buches getroffen.

Bei einer Suche im Buchhandel finden Betroffene allein zum Stichwort "Brustkrebs" mittlerweile gut 300 Titel. Meistens geht es darin um Ernährung, alternative Therapien, das Leben mit der Krankheit. Jetzt ist ein etwas anderer Ratgeber erschienen - für Betroffene, besonders aber auch für Ihre Familien. Wie hat die Diagnose mein Leben verändert - aber auch das meiner Familie? Diese Fragen haben Claudia Zenker und 35 weitere Patienten in dem Interviewband "Unser Leben mit Krebs" beantwortet. Und das oft schonungslos offen.

Die Leute fragten sich, ob ich arbeitslos bin

Anfang Vierzig ist Claudia Zenker als sie ihre Diagnose bekommt: Brustkrebs. Das ist drei Jahre her. Sie lebt in einem kleinen Dorf und geht von Anfang an offen mit ihrer Krankheit um. Nach ein paar Wochen, sagt sie, hätten sich die Leute sonst gefragt, ob sie arbeitslos sei, weil das Auto ständig vor der Tür stand. Und dennoch seien viele damit überfordert gewesen:

Bei Bekannten, die ziehen sich entweder zurück oder sie wechseln die Straßenseite - nicht böswillig, weil sie einfach nicht wissen: Oh, die hat Krebs, was sag ich'n jetzt zu der, also war das für mich schon wichtig auch zu sagen, okay, Leute, sprecht doch einfach die Betroffenen an.

Claudia Zenker bekommt Chemotherapie und Bestrahlung. Freunde und Familie bieten Unterstützung an. Doch wann sie wirklich Hilfe braucht, das will sie selbst entscheiden:

Und mir ist das zum Beispiel wirklich - ich muss das jetzt mal so sagen - aufn Keks gegangen - wenn ich permanent jemand um mich hatte bzw. wenn ganz oft angerufen worden ist: Wie geht’s dir? Das ist Anteilnahme, das versteh ich, aber in den Situationen wo’s mir nicht gut ging hats mich ­einfach nur genervt.

"Ich liebe das Leben."

Vier Worte hat Claudia Zenker im Buch handschriftlich als ihr Motto notiert: "Ich liebe das Leben". Heute spricht sie bewusst in der Vergangenheitsform: "Ich war krank", sagt sie auch wenn sie noch immer täglich die Nebenwirkungen spürt. Und doch hat sie etwas aus dieser Zeit mitgenommen:

Wir sind so selten in dem was wir jetzt gerade tun. Das ist zum Beispiel etwas, was ich versuche, mir immer wieder näher ins Gedächtnis zu rufen. Das Jetzt zu erleben. Sicherlich gibt es viele Dinge, die kann man nicht im Moment lösen, aber es wär einfach schöner, wenn wir alle es schaffen würden, mehr im Jetzt zu sein.

Die Diagnose verarbeiten

Herausgeber des Buches ist das Institut für Sozialforschung und berufliche Weiterbildung in Neustrelitz, das auch Kurse für Krebspatienten anbietet. Geschäftsführerin Grit Thiede-Reichel glaubt, dass sie dieses Buch tatsächlich niemals geschrieben hätten, wenn sie nicht besondere Umstände gehabt hätten. Die besonderen Umstände lagen in der Erkrankung einer Kollegin und Freundin.

Die Freundin ist Martina Witt-Vogel. Als bei der Sozialpädagogin Krebs diagnostiziert wird, entwickelt sie mit drei weiteren Autorinnen das Konzept zum Buch. Ehrenamtlich führen die Frauen die Interviews, oft stundenlang. Aus dem förmlichen "Sie" am Anfang eines Gespräches wird später oft ein "Du", erzählt Martina Witt-Vogel. In dieser Zeit steckt sie selbst mitten in der Therapie:

Vielleicht hat es manchmal ein Verständnis leichter gemacht, weil bestimmte Dinge, die man gar nicht so aussprechen kann, die versteh ich dann einfach auch, weil sich ja doch Dinge ähneln. Und andererseits war ich wieder fasziniert, wie andere mit ihrer Erkrankung umgehen. Also auch nochmal neue Blicke zu kriegen, neue Perspektiven, das war schon sehr spannend und schön.

 

Unser Leben mit Krebs

Seitenzahl:
144 Seiten
Genre:
Ratgeber
Verlag:
Steffen Verlag
Bestellnummer:
978-3-95799-000-6
Preis:
19,95 €

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Kulturjournal | 20.07.2015 | 19:00 Uhr

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