Stand: 09.10.2017 15:35 Uhr

Droht uns das Ende der Natur?

Das Ende der Natur
von Susanne Dohrn
Vorgestellt von Lisa Maria Hagen
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Landwirte sollten Geld dafür bekommen, dass sie die Natur schützen, fordert Susanne Dohrn.

Susanne Dohrn ist in Schleswig-Holstein aufgewachsen. In ihrem eigenen Garten hat sie das schleichende Sterben der Natur jahrelang beobachtet - und jetzt ein Buch daraus gemacht. "Das Ende der Natur" beschreibt die Landwirtschaft als Totengräberin der biologischen Vielfalt. Allein in Schleswig-Holstein ist ein Viertel aller Tiere bereits ausgestorben oder akut gefährdet.

Uns droht das Ende der Natur. "Was wir uns nicht klarmachen, ist, dass es sich auch um ein kulturelles Erbe handelt, was hier über die Jahrtausende entstanden ist." Mit der Vernichtung der Natur würde also auch ein Stück unserer Kultur verschwinden. "Selbst der Star und der Spatz gehören zu den bedrohten Arten. Was wollen wir denn noch? Worauf warten wir denn noch? Das waren unsere häufigsten Vögel."

Buchcover: Das Ende der Natur von Susanne Dohrn © C.H. Links Verlag

Susanne Dohrn: "Das Ende der Natur"

Kulturjournal -

Früher war die Windschutzscheibe schnell voll von Insekten. Heute nicht mehr. Das Buch "Das Ende der Natur" beschreibt, wie die industrielle Landwirtschaft unsere Artenvielfalt zerstört.

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Zerstören Bauern die Artenvielfalt?

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Nicht nur Umweltschützer sondern auch Landwirte leiden unter unserer Wirtschaftsform, sagt Robert Habeck, Minister für Umwelt und Landwirtschaft in Schleswig-Holstein

Die Natur stirbt, lang lebe die Landwirtschaft. Monokulturen, Schädlingsvernichter, Billigprodukte. Susanne Dohrns Buch ist eine Anklage gegen die Agrarindustrie und politische Versäumnisse. Zerstören die Bauern die Artenvielfalt?

"Die Bauern hängen in einem System drin, von dem wir letztlich alle profitiert haben", sagt Robert Habeck, Minister für Umwelt und Landwirtschaft in Schleswig-Holstein. "Es hat Lebensmittel sehr, sehr günstig gemacht, indem es eine große Menge produziert hat. Die Bauern aber können entweder aufgeben oder intensiver werden. Intensiver heißt mehr Kühe, größere Schläge, mehr Dünger, immer intensiver, und das geht zu Lasten des Bodens, der Gewässer, der Artenvielfalt."

Glyphosat - das Ende der Ackerkräuter

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Die Suche nach Alternativen zum Glyphosat

Das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat ist in der EU stark umstritten. Es steht im Verdacht, krebserregend zu sein. Forscher suchen nach Alternativen im Pflanzenschutz. mehr

Auf knapp 60 Prozent der Landwirtschaftsflächen bauen die Bauern heute Futter für die Intensivtierhaltung an. Vor allem Mais. Unterstützt von der Regierung: mit saftigen sechs Milliarden Euro. "Wenn man Weizen überdüngt, dann kippt er irgendwann um", sagt Habeck. "Mais steht da wie 'ne eins. Der Mais hat den Artenrückgang, die Krise der Landwirtschaft eher befördert." Mais wächst nur, wenn er keine Konkurrenz hat. Also tränken viele Bauern die Felder mit dem Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat - das Ende der Ackerkräuter.

"Was man hier sehr gut sehen kann, ist, dass unter den Pflanzen auf dem Boden gar nichts mehr wächst", sagt Susanne Dohrn. "Weil der Mais unser Land, unseren Boden, unser Grundwasser, so wie er bewirtschaftet werden muss, kaputt macht, krank macht."

30 Millionen Tonnen Exkremente - jährlich

Mindestens so problematisch wie die Chemie ist die Gülle. Was bei uns Menschen sorgsam über Kläranlagen gereinigt wird, geht bei Rindern, Schweinen und Hennen aufs Feld, verpestet die Luft, verseucht das Grundwasser. 30 Millionen Tonnen Exkremente fallen jährlich in Deutschlands Ställen an. Würde man die Gülle eines Jahres in Lkw füllen: Die Schlange ginge von Berlin nach Peking und zurück. Eine neue Düngeverordnung soll das nun regulieren.

"Das wird dazu führen, dass das Problem, 'Ich habe zu viele Kühe', sich verschärft", postuliert Habeck. "Man kann das umgehen, indem man noch größere Güllebehälter baut, aber die Scheiße wird nicht weniger und sie muss ja irgendwann ausgebracht werden. Wir stehen vor einer verschärften Debatte um die Gülleausbringung in Schleswig-Holstein, beginnend mit dem 1. Januar 2018."

Das Ende der Wiesenvögel

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Die Trauerseeschwalben-Population in Schleswig-Holstein ist dramatisch zurückgegangen.

Seit 1950 gibt es in Schleswig-Holstein ein Drittel weniger grüne Wiesen. Die bringen nicht genug Geld. Wo trotzdem Wiesen wachsen, versuchen die Bauern das Maximum herauszuholen. Heute sei es so, dass die Flächen zum Teil bis zu sechs Mal gemäht würden, so Dohrn. "Dazwischen werden sie mit Güllefahrzeugen befahren. Wiesenvögel brauchen bestimmt sechs Wochen, um ihre Jungen groß zu kriegen. Wenn diese Wiesen ständig gemäht und befahren werden, heißt das: Die kleinen Vögel, die Eier werden geschreddert."

Das Ende der Wiesenvögel - nirgends wird das so deutlich wie auf der Halbinsel Eiderstedt: ein wichtiges Brut- und Rastgebiet für bedrohte Wiesenvogelarten wie die Trauerseeschwalbe. In den 50er-Jahren nisteten noch bis zu 1.600 Paare in Schleswig-Holstein. Seitdem sind die Zahlen dramatisch gefallen. Heute sind es nur noch 25.

Tierschutz versus Landwirtschaft

Für ihr Buch trifft Susanne Dohrn Claus Ivens. Seit 60 Jahren kämpft er für die Trauerseeschwalbe auf Eiderstedt. Zum Beispiel durch das Auslegen von Flößen, die auch alle bewachsen sind. Fast 100 Prozent der Trauerseeschwalben brüten darauf. 2004 sollte die Halbinsel zum EU-Schutzgebiet ernannt werden. Die Bauern protestierten. "Wir haben 'ne ganz, ganz heiße Phase gehabt, als das Vogelschutzgebiet ausgewiesen werden sollte, man hat mir alles Mögliche angedroht", erzählt Ivens.

Die Landesregierung gab dem Protest der Bauern nach. Heute sind gerade einmal 7.000 der insgesamt 30.000 Hektar Halbinsel als Vogelschutzgebiet ausgewiesen. Aber das sind nur Inseln in einem Meer der Intensivierung. Der schleswig-holsteinische Landwirtschaftsminister sagt, den Ländern seien die Hände gebunden. Ein Systemwandel müsse vom Bund her kommen.

Gefangen in der Wirtschaftsform

"Das, was ich hier erkläre, ist ja nicht: die guten Umweltschützer und die blöden Bauern", erklärt Habeck. "Sondern ich sehe es so, dass die Bauern selbst unter dem System leiden, sie sind nur gefangen in dieser Wirtschaftsform. Sie sind abhängig davon, dass dieses System, was meiner Meinung nach heiß läuft, immer heißer, heißer, heißer läuft. Gäbe es einen Landwirtschaftsminister, der sagt, ich will das anders haben, würde er auch ein paar Alliierte finden in Europa. Und Deutschland ist so wichtig, es könnte sozusagen den Stein ins Wasser werfen, der dann eine große Welle schlägt."

Susanne Dohrn fordert: "Was passieren müsste, ist, dass das Fördermodell umgedreht wird, dass die Landwirte Geld dafür kriegen, dass sie unsere Natur schützen, dass sie die Vielfalt schützen." Die Autorin kämpft im Kleinen: In ihrem Garten hat sie eine wilde Wiese gesät. Darauf wachsen jetzt Wiesen-Fuchsschwanz, Vogel-Wicke, Kuckuckslichtnelke. Ganz ohne Dünger oder Pestizide.

Das Ende der Natur

von
Seitenzahl:
272 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Ch. Links
Veröffentlichungsdatum:
August 2017
Bestellnummer:
978-3-86153-960-5
Preis:
18 €

Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 09.10.2017 | 23:15 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/kultur/buch/Susanne-Dohrn-Das-Ende-der-Natur,dohrn102.html
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