Stand: 13.01.2016 12:00 Uhr

Selbstfindung mit Hund

180° Meer
von Sarah Kuttner
Vorgestellt von Ulrike Sárkány
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Sarah Kuttner lebte ebenso wie ihre Romanheldin eine Zeit lang in London.

Wenn eine bekannte Fernsehmoderatorin (die auch noch einen berühmten Vater hat) es zu allem Überfluss wagt, Romane zu schreiben, dann ist der automatische Reflex der etablierten Literaturkritik milde lächelnde Überheblichkeit. Sarah Kuttners Romane "Mängelexemplar", "Wachstumsschmerz" und jetzt "180° Meer" handeln von jungen Frauen, die nicht optimal eingestellt sind für ein funktionstüchtiges Leben und die in zum Teil komisch überzogener Weise von ihren Problemen erzählen. So etwas wird gern als Pop-Literatur abgetan und dann nicht einmal mehr aufmerksam gelesen, dabei hat "180° Meer" sehr wohl einen genaueren Blick verdient.

Sarah Kuttner - Frau für alle speziellen Fälle

In Wirklichkeit ist dies eine Geschichte über einen Hund. Er heißt Bruno, ist nicht besonders groß und misstraut der Hand, die ihn streicheln will. Darin ähnelt er Juliane, die zu Hause in Berlin "Jule" gerufen wird und da, wo sie Bruno trifft, nämlich in England, "Jules".

Sarah Kuttner schreibt über das Innenleben

"Es geht schon immer sehr um das Innenleben von einem Menschen. Es passieren in all meinen Büchern wenig faktische Sachen wie: dann kommt der Kommissar, und dann geht man dahin, und dann explodiert etwas - sondern ganz viel spielt in den Köpfen von den Menschen, die ich porträtiere. Juliane zum Beispiel hat rein biografisch diverse Gründe, die dazu führen, dass sie so wahnsinnig unglücklich und wütend ist. Ich fand das irgendwie interessant: Wie kann ein Mensch sein Leben tatsächlich leben, wenn er sich selber furchtbar findet?", so beschreibt Sarah Kuttner ihre Geschichten.

Weil sie ihren Freund völlig überflüssigerweise mit ihrem Arbeitgeber, dem Betreiber einer Bar, wo sie als Sängerin auftritt, betrogen hat, ist Jule gezwungen, sich endlich mehr Klarheit über ihren Seelenzustand zu verschaffen. Sie fährt zu ihrem Bruder nach London. In dessen WG fristet Bruno sein klägliches Hundedasein. Weil Jule nichts anderes zu tun hat, tut sie dem Tier etwas Gutes und führt es aus.

Inzwischen wissen wir Leser schon einigermaßen gut Bescheid über Jules Traumatisierung durch ihre egozentrisch verantwortungslosen 68er-Eltern. Die Mutter hat die Tochter als verlässliche Stütze in lauter Lebenslagen missbraucht, denen das Kind noch gar nicht gewachsen war, und der Vater hat sich im Leben seiner Kinder einfach frühzeitig rargemacht. Das Resultat ist ein tiefsitzender Groll und ein Gefühl der eigenen Wertlosigkeit.

Reise ans Meer wirkt Wunder

Jetzt erfährt Jule von ihrem Bruder, dass der Vater bald an Krebs sterben wird. In all ihrer emotionalen Hilflosigkeit fährt sie erst einmal mit dem Hund nach Eastbourne ans Meer. Diese Therapie wirkt immerhin wie ein kleines Wunder:

… also wische ich Erschöpfungstränen und Coolness mit ein und demselben Wisch weg und werfe den verdammten Stock, als wenn es kein Morgen gäbe. Und dann läuft es. Alles: der Hund, ich, das mit uns. Auf einmal ist alles gut und richtig, und ich werfe, und er rennt und bringt, und ich werfe wieder, und alles ist in schöner, befreiender Bewegung.
Ich bin ein Anpacker, ein Abfinder, ein Stöckchenwerfer, ein Hundehalter. Jemand, zu dem es sich lohnt, zurückzukommen.
Ich bin vollkommen okay.
Und am Meer. Leseprobe

Literatur für eine junge Generation

Manche kühnen Vergleiche in Sarah Kuttners Prosa mögen nicht so ganz ausgereift sein, und das Thema ist vielleicht auch noch zwei, drei Schritte entfernt vom großen existenziellen Roman, aber die bei einer jüngeren Generation weit verbreitete seelische Überforderung, hervorgerufen durch mangelnde Geborgenheit in der Kindheit, ist ausgesprochen plastisch und wohl auch psychologisch fundiert dargestellt und dürfte viele Leser tief bewegen, wenn es sich nicht gerade um verknöcherte Kritiker handelt.

"Ich schreib keine Literatur oder ich kann nicht einschätzen, ob das welche ist - vermutlich eher nicht. Andererseits wer bestimmt schon, was das ist? Ich kann das nur so, wie ich spreche. Und das gefällt mir aber auch gut, weil es dann irgendwie glaubwürdig ist", sagt Kuttner selbst.

Am Ende ist man weniger besorgt darum, ob Jule sich mit ihrem Freund versöhnen wird, als vielmehr, ob sie Bruno für immer behalten kann. Aber solche kitschigen Szenarios lässt die Autorin klugerweise offen.

180° Meer

von
Seitenzahl:
272 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
S. Fischer Verlag
Bestellnummer:
978-3-10-002494-7
Preis:
18,99 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 14.01.2016 | 12:40 Uhr

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07.01.2016 18:45 Uhr
DAS!

Bereits mit Anfang 20 moderiert die Tochter eines Radiomoderators ihre erste Sendung - nun erscheint "180 Grad Meer", ihr dritter Roman. Wir freuen uns auf Sarah Kuttner! mehr