Stand: 05.09.2017 00:00 Uhr

Salman Rushdies großartiges Gesellschaftsporträt

Golden House
von Salman  Rushdie, aus dem Amerikanischen von Sabine Herting
Vorgestellt von Korinna Hennig

Mehr als ein Vierteljahrhundert ist es her, dass Salman Rushdie wegen seines Romans "Die satanischen Verse" mit einer Fatwa belegt wurde. Mittlerweile kommt er ohne Leibwächter aus und wohnt seit mehreren Jahren in New York. Ruhig geworden war es eigentlich nie um den indisch-britischen Dichter, der sich auch in seinen Romanen immer wieder in die aktuelle Weltpolitik eingemischt hat. So auch in seinem neuem Buch, "Golden House", das nun weltweit erscheint.

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"Golden House" heißt das neue Werk von Salman Rushdie, 1947 in Bombay geboren. Er studierte Geschichte in Cambridge. 2007 wurde er von der Queen zum Ritter geschlagen.

Es gibt Schriftsteller, deren Dichtkunst so unumstritten ist, dass sie sich fast alles erlauben können. Salman Rushdie ist so ein Fall, ein großer Geschichtenerzähler und Poet und zugleich hellsichtiger Zeitgeist-Kritiker. Für seinen neuen Roman ist das Segen und Fluch zugleich. "Golden House" ist ein reiches Buch, ein stolzes und üppiges, das voller Anspielungen und Bildung steckt und darüber fast seine Leser vergisst, zumindest am Anfang. Deshalb muss man viel Geduld mitbringen.

Ein Vater mit gefährlicher Aura

Es ist die Geschichte der Familie Golden - ein Vater und seine drei Söhne - die aus Indien nach New York geflohen sind, nachdem die Mutter dort bei einem Terroranschlag getötet wurde. Doch insbesondere der Vater, Nero, ist vielmehr Täter als Opfer, ein skrupelloser Baulöwe, den eine grausam-gefährliche Aura umgibt. Nach und nach wird klar, dass er eine mafiöse Vergangenheit hinter sich gelassen hat, die die ganze Familie zu Fall bringen wird.

"... Letzten Endes löste sich das Rätsel. Gründe für ihren Fall waren: ein Streit unter den Brüdern, eine unerwartete Metamorphose, das Auftauchen einer schönen, entschlossenen jungen Frau im Leben des alten Mannes, ein Mord. (Mehr als ein Mord.) Und schließlich die gründliche Arbeit des Geheimdienstes in der Ferne, in dem Land, das keinen Namen hatte." Leseprobe

Der erste Teil des Romans ist voller Anspielungen wie diese, Versprechen darauf, dass eine Spannung aufgelöst wird, die Rushdie aber frühestens nach 100 Seiten aufgebaut hat. Dann allerdings wird man reich belohnt.

Drei sehr plastische Söhne

Denn die Protagonisten und ihre seelischen Nöte wachsen dem Leser immer mehr ans Herz, weil Salman Rushdie sie so poetisch und zugleich subtil zum Leben erweckt. Da sind die drei Söhne des Nero Golden, der erste ein hochfunktionaler Autist, voller Ängste, aber extrem talentiert im Entwickeln von Computerspielen, der zweite ein Künstler, der seine Vergangenheit verdrängt. Der dritte schließlich ist sich nicht sicher, ob er sich eigentlich als Frau fühlt oder lieber ein Mann bleiben möchte, der weibliche Gefühle hat. Und über ihnen allen thront die junge Russin Vasilisa, die zielsicher und intrigant den alten Nero heiratet und immer mehr Macht über die Familie gewinnt. Richtig und falsch, gut und böse - die Grenzen verschwimmen. Salman Rushdie taucht tief ein in die menschliche Natur.

"Wir sind Eisberge, das heißt nicht, dass wir kalt sind, nur dass das meiste von uns sich unter der Oberfläche befindet und dass der Teil, der im Verborgenen liegt, die Titanic sinken lassen kann." Leseprobe

So reizvoll wie die Figuren ist das raffinierte Erzählkonstrukt von "Golden House": Ein Nachbar der Goldens, der junge René Unterlinden, ist der Ich-Erzähler, er möchte Filmemacher werden und macht ein Drehbuch aus der Geschichte der Familie, begibt sich allerdings so nah ans Feuer, dass er fast mit in den Abgrund gerissen wird.

Ein "Joker" mit den Nuklearcodes

Dieses Konstrukt erlaubt es Salman Rushdie, ganz verschiedene Erzähltechniken einzusetzen und unzählige filmische Querverweise - und es erlaubt eine deutliche Metapher beim Blick auf die USA in der Ära Trump: Den US-Präsidenten vergleicht der Ich-Erzähler mit dem "Joker" aus "Batman", verzerrt bis zur Karikatur, und spricht offen von "Neofaschismus" und der gefährlichen Blase, in der viele Amerikaner leben.

"In dieser Blase war Wissen Ignoranz, oben war unten, und die richtige Person, um die nuklearen Codes in Händen zu halten, war der grünhaarige weißhäutige Kicherer mit dem aufgeschlitzten roten Mund, der ein militärisches Beraterteam viermal fragte, warum der Einsatz von Nuklearwaffen so schlimm sei." Leseprobe

"Golden House" ist ein Buch, dem ein bisschen weniger Eitelkeit gut getan hätte. Die vielen Zitate aus Film und Literatur überfrachten die märchenhaft gut erzählte Geschichte, deren Spuren am Ende alle zusammenlaufen. Wer sich durch das erste Drittel hindurch kämpft, wird allerdings belohnt mit einem großartigen Gesellschaftsporträt, das den Finger in viele Wunden legt: Die Welt nach 9/11. Waffenpolitik in den USA. Gender- und Identitätsfragen. Kapitalismuskritik. Und natürlich: das postfaktische Zeitalter, in dem, wie Rushdie schreibt, die Wahrheit zu kennen bedeutet, elitär zu sein. Ein Schimpfwort.

Golden House

von
Seitenzahl:
512 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
C. Bertelsmann
Bestellnummer:
978-3-570-10333-3
Preis:
25,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Neue Bücher | 05.09.2017 | 12:55 Uhr

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