Stand: 28.09.2016 13:20 Uhr

Sachbücher des Monats Oktober 2016

von Andreas Wang

Die "Kräfte besser zu verstehen, die in der jüngeren Vergangenheit unsere heutige Welt geformt haben" - diese gewaltige Aufgabe hat sich der englische Historiker Ian Kershaw gestellt und sich daran gemacht,  das dramatische Geschehen in "Europa 1914 bis 1949" zu schildern. Zwei Bände sind geplant, der erste liegt jetzt vor: "Höllensturz". An einem solchen Buch kann man nicht vorübergehen, selbst wenn gerade seit dem Jahr 2014 und der Erinnerung an den Beginn des ersten Weltkrieges hundert Jahre zuvor eine große Menge ziemlich bedeutender Bücher über diesen Zivilisationsbruch und seine verheerenden Folgen für Europa und die Welt erschienen sind. Die wichtigsten sind ja auch in unserer Sachbuch-Bestenliste hervorgehoben worden.

Übersicht: Die besten Sachbücher

Kershaw will nun aber das ganze vorige Jahrhundert im Zusammenhang darstellen und periodisiert deshalb die Zeit der beiden Weltkriege zusammen als eine Art "zweiter Dreißigjähriger Krieg", wie Kershaws ebenso bedeutender Kollege Christopher Clark hervorhebt (eine Bemerkung, die sich der Verlag stolz zu eigen macht, verständlicherweise). Damit liegt das Hauptaugenmerk Kershaws auf den politischen, wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungen in Gesamteuropa; er verteilt die sich ständig verschiebenden Akzente auf buchstäblich alle Schultern und macht damit klar, wie labil die Gesamtlage in Europa in den Kriegszeiten und der Zwischenkriegszeit mit Nationalismus, territorialen Ansprüchen und Klassenkampf war. Eine Geschichtserzählung im bester angelsächsischer Tradition.

"Prinzipien für eine vernetzte Welt"

Bei eben dieser besten Tradition bleiben wir: Timothy Garton Ash, Professor für Europäische Studien in Oxford, hat sich die "Prinzipien für eine vernetzte Welt" vorgenommen und sie sehr anschaulich und bestens erzählt unter den Generalnenner "Redefreiheit" gestellt. Wäre eigentlich in einer vernetzten Welt wie heute, frage ich mich bei der Lektüre dieses Buches, eine derartig von Kommunikationsdebakeln, Geheimdiplomatien, Hysterien geprägte Lage, wie sie auf der politischen Bühne zumindest in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verbreitet war und zu eben dem Höllensturz geführt habt, den Kershaw so anschaulich beschreibt, noch möglich? Wahrscheinlich muss man mit "ja" antworten, obgleich sich die Situation durch die weltweite Vernetzung radikal verändert hat. Durch sie rückt das Grundprinzip Meinungsfreiheit in den Vordergrund: "Sie ist die Freiheit", schreibt Garton Ash, "von der alle anderen Freiheiten abhängen". Diese Freiheit ist allerdings nicht allen Menschen und speziell Machthabern gleich viel wert - sie ist umstritten und umkämpft: Zwischen Idealvorstellung und Realität liegen alle Schattierungen entfalteter und unterdrückter, gestalteter und maßloser Meinungsfreiheit. Garton Ash geht systematisch vor, und dadurch gelingt es ihm, empirische Befunde in strukturelle Zusammenhänge einzuordnen, vielleicht ein bisschen idealistisch in manchen Punkten, doch mit einer hoffnungsvollen Perspektive auf ein Überleben des freien Wortes.

Die Jury

René Aguigah (Deutschlandradio), Dr. Jens Bisky ("Süddeutsche Zeitung"), Prof. Dr. Rainer Blasius ("Frankfurter Allgemeine Zeitung"), Dr. Eike Gebhardt, Daniel Haufler ("Berliner Zeitung"), Dr. Otto Kallscheuer, Petra Kammann ("inrheinkultur"), Elisabeth Kiderlen, Jörg-Dieter Kogel (Nordwestradio), Prof. Dr. Ludger Lütkehaus, Prof. Dr. Herfried Münkler, (Humboldt Universität zu Berlin), Dr. Jutta Person ("Philosophie Magazin"), Wolfgang Ritschl (ORF Wien), Florian Rötzer (Telepolis), Dr. Johannes Saltzwedel ("Der Spiegel"), Sabine Sasse, Albert von Schirnding, Dr. Frank Schubert ("Spektrum der Wissenschaft"), Dr. Jacques Schuster ("Die Welt"), Sabine Sasse, Norbert Seitz (Deutschlandfunk Köln), Hilal Sezgin, Dr. Elisabeth von Thadden ("Die Zeit"), Dr. Andreas Wang (NDR Kultur), Dr. Uwe Justus Wenzel ("Neue Zürcher Zeitung"), Stefan Zweifel (Schweizer Kritiker)

Die Zukunft Deuschlands

Immer wieder umstritten unter den Mitgliedern dieser Jury ist die Frage, ob ein Buch aus der Feder eines Mitglieds auf der Liste erscheinen dürfe oder nicht. Wie man sieht, ist die Entscheidung positiv für das Buch ausgefallen. Diesmal ist es die Beschäftigung des Autorenpaares Marina und Herfried Münkler mit der Frage nach den "neuen Deutschen". Ihre Position ist ziemlich klar: Das Deutschland der Zukunft ist eines, in dem, so wörtlich, "die Ordnung des Stationären", die starren Grenzen des Nationalstaates und der ethnischen Homogenität mehr und mehr aufgeweicht werden durch eine prinzipielle Offenheit für Fremdes, für unterschiedliche Lebensentwürfe und eine Vielfalt von Kulturen. "Die neuen Deutschen sind sicher auch diejenigen, die eine Vorstellung davon haben, dass unser Wohlstand abhängig ist von dem, was wir die Fluidisierung von Verhältnissen nennen. Also das Ende von starren, nationalstaatlich gezogenen Grenzen und die Möglichkeit, die unterschiedlichen Vorteile wahrzunehmen, die daraus resultieren, dass Ströme von Waren, Dienstleistungen und schließlich Kapital und schließlich auch Menschen einsetzen." Die beiden Autoren werden für ihre Thesen, die bereits vielfach diskutiert werden, nicht nur Lob ernten. Ich könnte mir denken, dass gerade Verfassungsrechtler in der Frage territorialer Grenzen anders denken als der Politikwissenschaftler (Herfried Münkler) oder die Literaturwissenschaftlerin (Marina Münkler). Wohin diese Verflüssigung der Verhältnisse führt, können auch die beiden Autoren nicht schlüssig sagen, es wäre wohl auch zu viel verlangt. Klar ist aber, dass eine "kollektive Selbstreflexion" eingesetzt hat, die ein Gewinn für die Gesellschaft geworden ist und deutlich macht, worüber wir nachdenken müssen bei der Gestaltung der Zukunft Deutschlands: "Wir denken nicht darüber nach, was ist nicht deutsch. Sondern was ist die Voraussetzung dafür in dieser Gesellschaft so teilzuhaben, dass man ein Deutscher ist. Und da spielen Herkunft und der Umstand, welche Gene in einem versammelt sind, nicht die zentrale Rolle, sondern eine Fähigkeit des Zusammenlebens."

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Zusammen mit der "Süddeutschen Zeitung" gibt NDR Kultur die Sachbuchliste des Monats heraus. Hier finden Sie die Sachbücher der vergangenen Monate. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 07.09.2016 | 00:00 Uhr

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