Stand: 30.09.2015 13:53 Uhr

Sachbücher des Monats Oktober 2015

von Andreas Wang

Uns Deutschen wird nachgesagt, dass wir eine besondere Beziehung zum Wald hätten - schon der Römer Tacitus verortete die alten Germanen weit hinter undurchdringlichen Wäldern, er empfand das als barbarisch; die Romantiker hingegen schwärmten vom deutschen Wald. Uns hat aber nun der amerikanische Biologe David G. Haskell gezeigt, was in diesen und anderen Wäldern wirklich los ist: Keine Geister tummeln sich da, sondern die ganze Natur in aller Vielfalt und Pracht. Ja, es ist ein Zauberwald - Haskell nennt ihn "Mandala" -, den wir mit Haskell betreten, aber ein Zauber der Natur.

Über ein Jahr lang hat Haskell - und gewissermaßen wir mit ihm - einzelne Segmente des Waldes im Blühen und Vergehen, im Fressen und Gefressenwerden beobachtet, sich dem Moos ebenso wie den Insekten auf "Augenhöhe" genähert, das Dasein der Schnecken wie der Salamander studiert - und mit tiefer Demut wissenschaftlich exakt und poetisch zugleich diese ganze grenzenlose, beinahe unendliche Vielfalt beschrieben. Eine mystische Naturschau könnte man diese Darstellung nennen, doch ist sie auch eine Art ökologischer Feinarbeit. Und Haskell gibt uns unseren Mandala mit auf den Weg: "Wir müssen nicht nach 'unberührbaren Orten' suchen, an denen große Wunder auf uns warten. Gärten, Stadtbäume, der Himmel, Felder junge Wälder, ein Spatzenschwarm am Stadtrand. Sie alle sind Mandalas. Und es ist ebenso fruchtbar, die zu beobachten wie alte Wälder." Halten wir uns dran.

Übersicht: Die besten Sachbücher

"Als Deutschland seine Seele retten wollte"

Wir würdigen mit dem zweiten Platz unserer Liste für das Buch von Knud von Harbou nicht nur die exorbitante Darstellung der Gründerjahre der "Süddeutschen Zeitung", sondern in einer gewissen Weise auch den Mitinitiator unserer Sachbuch-Bestenliste vor vielen Jahren. Ihm, der damals Redakteur in der "SZ" war, verdanken wir die Zusammenarbeit mit der "SZ". Knut von Harbou ist nun in Archive und Keller gestiegen, um anhand von Zeitungsartikeln und Dokumenten zu erkunden, wie das war in den Jahren nach 1945, "als Deutschland seine Seele retten wollte". Sein Befund ist bemerkenswert: auch die "SZ", eine Zeitung die sich doch von Anfang an als eher linksliberal verstand, zeigte damals eine massive Schuldabwehr gegen die Ursachen und Folgen des Dritten Reichs; die Redaktion schönte durch Weglassen oder Verschweigen, zum Beispiel in Zusammenhang mit Thomas Manns Antwortbrief auf ein öffentliches Schreiben Walter von Molos an Mann 1945, die "SZ" agierte vorsichtig, vielleicht allzu lange vorsichtig bei den Kontroversen um Schuld und Sühne.

Die Jury

René Aguigah (Deutschlandradio), Dr. Jens Bisky ("Süddeutsche Zeitung"), Prof. Dr. Rainer Blasius (Frankfurter Allgemeine Zeitung), Dr. Eike Gebhardt, Daniel Haufler ("Berliner Zeitung"), Dr. Otto Kallscheuer, Petra Kammann ("inrheinkultur"), Elisabeth Kiderlen, Jörg-Dieter Kogel (Nordwestradio), Prof. Dr. Ludger Lütkehaus, Prof. Dr. Herfried Münkler, (Humboldt Universität zu Berlin), Dr. Jutta Person (Philosophie Magazin), Wolfgang Ritschl (ORF Wien), Florian Rötzer (Telepolis), Dr. Johannes Saltzwedel ("Der Spiegel"), Albert von Schirnding, Dr. Frank Schubert (Spektrum der Wissenschaft), Dr. Jacques Schuster ("DIE WELT"), Sabine Sasse, Norbert Seitz (Deutschlandfunk Köln), Hilal Sezgin, Dr. Elisabeth von Thadden ("DIE ZEIT"), Dr. Andreas Wang (NDR Kultur), Dr. Uwe Justus Wenzel ("Neue Zürcher Zeitung"), Stefan Zweifel (Schweizer Kritiker)

Interessant die immer wiederkehrende Abgrenzung gegenüber Preußen, wohl auch dies ein Versuch, die Ursachen der Nazizeit ein wenig außerhalb Bayerns zu suchen. Diese Verengung des Blickwinkels, die sich auch zeigte, als es 1948 um die Konzeption einer neuen Verfassung ging, war lange ein wunder Punkt in der Geschichte der Zeitung. Der Bayerische Blick, um das einmal so zu nennen, führte gelegentlich auch zu erschreckenden, zum Teil "vernichtenden" Fehleinschätzungen, wie von Harbou schreibt, etwa in ihrem Urteil über den Hitler-Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Wer Geduld hat, wird in diesem Buch manche historische Facette entdecken, die nirgendwo sonst als in diesen Archiven auffindbar ist. Gerade junge Leser sollten auf diese Entdeckungstour gehen, sie werden erstaunt sein, wie krumm die Pfade waren, die zu unserem heutigen Bewusstsein führten.

"Moral ist älter als Religion"

Kehren wir noch einmal zur Natur zurück, genauer: zu den Quellen des Seins. Was wir vielleicht noch nie so recht bedacht haben, ist die Erkenntnis, dass nicht nur die Hardware des Lebens, sondern auch deren Software dort ihren Ursprung haben, und zu dieser gehören auch unsere Moral und die Religion. Frans de Waal, Biologe, Primatenforscher und Professor für Psychobiologie, hat sich auf die Suche deren Ursachen begeben und kommt zu dem Ergebnis: "Moral ist älter als Religion". Warum dies so ist, das beschreibt de Waal anschaulich, kenntnisreich, überraschend. Darüber kann man wirklich nachdenken.

Sachbücher des Monats: Rückblick

Sachbücher

NDR Kultur

Zusammen mit der "Süddeutschen Zeitung" gibt NDR Kultur die Sachbuchliste des Monats heraus. Hier finden Sie die Sachbücher der vergangenen Monate. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 02.10.2015 | 14:20 Uhr