Stand: 31.10.2016 17:00 Uhr

Sachbücher des Monats November 2016

von Andreas Wang

Natürlich - das Buch der diesjährigen Preisträgerin des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels Carolin Emcke gehört selbstverständlich auf unsere Liste der Sachbücher des Monats. Ihr "Gegen den Hass" gerichtetes, sehr persönlich geprägtes Plädoyer für einen humanen Umgang der Menschen miteinander ist eine Streitschrift gegen Rassismus, Fanatismus und Demokratiefeindlichkeit.

Übersicht: Die besten Sachbücher

Die engagierte Journalistin Carolin Emcke, die auch zwei Jahre Mitglied der Jury des NDR Kultur-Sachbuchpreises war, kämpft in ihren Schriften und so auch in diesem Buch um die Vielgestaltigkeit der Pluralität und jene gesellschaftlichen und politischen Freiräume, die das Individuelle und Abweichende erlauben. Ihr Wunsch: wieder zu einer offenen Gesellschaft zurückzukehren mit Debatten, in denen jeder das Recht hat, mit seiner Meinung und seiner Position teilzunehmen. Und dabei geht es ihr nicht nur um die aktuell durch die Flüchtlingsproblematik hervorgerufenen Widersprüche verschiedener Religionen oder Kulturen, sondern um alle Ausgrenzungen und Infragestellungen, die Menschen widerfahren: politische, religiöse, kulturelle, geschlechtliche. Verwundbarkeit ist eines der Kriterien, das alle Menschen trifft bzw. treffen kann - jeder ist demzufolge Subjekt und Objekt in diesem Geschehen. Es geht also immer ums Ganze - im Kleinen wie im Großen.

"Ursprünge und Formen puritanischer Verschärfung"

Es ist spannend zu sehen, wie ein einzelner Autor mit seinen Arbeiten Fragestellungen aktualisieren und gegebenenfalls Themen ziemlich entlegener akademischer Fächer aus der Versenkung zaubern und in den Fokus allgemeiner Interessen stellen kann. Jan Assmann ist so einer: Ägyptologie, klassische Archäologie und Gräzistik, das sind seine Gebiete - und aus dieser historischen Tiefe fordert er seit Jahren mit seinen Untersuchungen über die Wirkungen und Auswirkungen der monotheistischen Religionen höchst bedeutsame und zentrale Fragestellungen heraus. In seinem neuen Buch über "Totale Religion" geht es wie in den vorausgehenden um die "Unterscheidung von Reinheit und Profanität" und damit um zentrale Grundlagen, die den drei Religionen Judentum, Christentum und Islam gemeinsam sind, sie aber zugleich auch trennen. Jeder Gläubige wird anders zu der "Entscheidung für ein Leben im Zeichen der Reinheit" gezwungen, und daraus entstehen Zwänge nach innen und Gewalt nach außen. "Es geht", schreibt Assmann, "um eine semantische Formation, die zum ersten Mal in bestimmten biblischen Texten greifbar wird und die Welt bis heute in Atem hält". Die Aufgabe der Religionen ist es, so lässt sich Assmanns kleine Studie zusammenfassen, die eigene Rechtfertigung für Gewalt in eine Befreiung des in den Religionen liegenden Potentials zur Humanität umzuarbeiten - eine nach wie vor schwierige und ungelöste Aufgabe.

Die Jury

René Aguigah (Deutschlandradio), Dr. Jens Bisky ("Süddeutsche Zeitung"), Prof. Dr. Rainer Blasius ("Frankfurter Allgemeine Zeitung"), Dr. Eike Gebhardt, Daniel Haufler ("Berliner Zeitung"), Dr. Otto Kallscheuer, Petra Kammann ("inrheinkultur"), Elisabeth Kiderlen, Jörg-Dieter Kogel (Radio Bremen), Prof. Dr. Ludger Lütkehaus, Prof. Dr. Herfried Münkler, (Humboldt Universität zu Berlin), Dr. Jutta Person ("Philosophie Magazin"), Wolfgang Ritschl (ORF Wien), Florian Rötzer (Telepolis), Dr. Johannes Saltzwedel ("Der Spiegel"), Sabine Sasse, Albert von Schirnding, Dr. Frank Schubert ("Spektrum der Wissenschaft"), Dr. Jacques Schuster ("Die Welt"), Norbert Seitz (Deutschlandfunk Köln), Hilal Sezgin, Dr. Elisabeth von Thadden ("Die Zeit"), Dr. Andreas Wang (NDR Kultur), Dr. Uwe Justus Wenzel ("Neue Zürcher Zeitung"), Stefan Zweifel (Schweizer Kritiker)

"Die 'Politik der Straße' hat Hochkonjunktur"

Religionen sind Kollektiverscheinungen mit großen Auswirkungen auf jeden Einzelnen - sie sind aber in aller Regel organisiert und gestaltet. Anders ist es mit Kollektiven, die sich mehr oder minder spontan bilden und sich zu dem, was man früher eine "Bewegung" nannte, entwickeln. "Occupy Wall Street, Gezi-Park, Tahrir, Majdan. Ferguson und Hongkong, Tea Party, Pegida. Die 'Politik der Straße' hat Hochkonjunktur", beschreibt der Suhrkamp Verlag den Ausgangspunkt der "Anmerkungen zu einer performativen Theorie der Versammlung" von Judith Butler. Unter diesem sehr nüchternen Titel beschreibt und analysiert die Hochschullehrerin aus Berkeley in Kalifornien die Dynamiken und Taktiken öffentlicher Versammlungen unter den derzeit herrschenden ökonomischen und politischen Bedingungen. Was sie sucht, ist eine Ethik des gewaltlosen Widerstands in einer überaus gefährlichen Welt. Schwer zu sagen, ob sie Erfolg hat. Was wir erleben, ist aber in jedem Fall eine neue politische Wende der Moderne.

Spannende Freud-Biografie

"Wer von der Moderne spricht", schreibt der Literaturhistoriker Peter-André Alt, "redet notwendig über die Psychoanalyse" - und insofern ist es für ihn, der sich von der Literatur- und Geistesgeschichte der Frühen Neuzeit in eben diese Moderne vorgearbeitet hat, naheliegend, einmal das Leben des Vaters der Psychoanalyse, Sigmund Freud, "in den Horizont der modernen Ideengeschichte" zu stellen. Biografien erzählen, das kann Peter-André Alt allerdings wirklich: Beweis ist nicht zuletzt seine zweibändige Schiller-Biografie - und diese Biografie über den "Arzt der Moderne" ist nicht nur kolossal, sondern auch überraschend 'spannend'. Denn obgleich man das meiste ja nun wirklich bereits aus zahllosen Darstellungen kennt, kann Alt ein "System der verschlungenen Verbindungen und verwirrenden Spiegelungen" erschließen und darin verborgene Spuren und Zeichen unserer Gegenwart sichtbar machen - und womöglich auch Bedingungen, denen jeder Einzelne mehr oder minder ausgesetzt ist. Erstaunlich bis zur letzten Seite.

Sachbücher des Monats: Rückblick

Die Sachbücher des Monats

NDR Kultur

Zusammen mit der "Süddeutschen Zeitung" veröffentlicht NDR Kultur die Sachbuchliste des Monats. Hier finden Sie die Sachbücher der vergangenen Monate. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 03.11.2016 | 10:20 Uhr

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