Stand: 28.02.2017 17:10 Uhr

Sachbücher des Monats März 2017

von Andreas Wang

Zusammen mit der "Süddeutschen Zeitung" gibt der NDR die Sachbuchliste des Monats heraus. Für den März wählte die Jury "1517. Weltgeschichte eines Jahres" auf den ersten Platz.

500 Jahre Reformation, Luthers Thesenanschlag - welch ein Jubeljahr für die evangelischen Kirchen. Alles blickt gebannt nach Wittenberg, dorthin, wo scheinbar mit einer Zeitenwende alles neu begann. Wenigstens einer tut das allerdings nicht: Heinz Schilling, Professor für Europäische Geschichte der frühen Neuzeit an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er nimmt das ganze Jahr 1517 in den Blick und stellt es in das Zentrum seiner "Weltgeschichte eines Jahres". In diesem Buch, so beschreibt er seine Absicht, "ist die Lupe der Wittenberger Feldforschung zu ergänzen durch das Fernrohr, das die welthistorischen Entscheidungen im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit auch anderwärts in Europa und der weiteren Welt erkennen lässt".

Übersicht: Die besten Sachbücher im März

Und plötzlich sieht man: Es gab ja noch andere Regionen auf dieser Welt, in denen sich um 1517 Entscheidendes, unerhört Neues vollzog, etwa in Italien und Spanien, im Reich der Osmanen und der Moskowiter, in der Kultur der Azteken in Südamerika und sogar extrem entfernt am chinesischen Kaiserhof. Die ganze Welt überspannt Heinz Schillings Blick und unsere Wahrnehmung damit - wir erkunden eine Welt im Werden, mit unglaublichen Entdeckungen, mit neuen geografischen, naturwissenschaftlichen, mathematischen Erkenntnissen, mit der Überwindung alter Vorurteile. Es war nicht nur Wittenberg oder die schwer atmende 'teutsche' Provinz, wo sich ein frischer und neuer Geist bemerkbar machte - die Welt insgesamt war im Aufbruch, Gleichzeitiges mischte sich mit Ungleichzeitigem - die Zeit um 1517 war wohl eher keine schöne, aber doch eine starke Zeit, in der neben religiösen Bewegungen eben auch enorme politische Ordnungsentwürfe entstanden. Vielleicht der originellste Beitrag zum Lutherjahr, sehr spannend zu lesen.

"Spekulationen über die Zukunft"

Unsere Liste zeigt, dass man nicht nur in die Vergangenheit schauen kann, sondern auch in die Zukunft. Freilich ist die Faktenlage deutlich anders: Zwingt die der Vergangenheit zu Interpretationen, verführt diejenige der Zukunft zu Spekulationen. Yuval Noah Harari geht raffiniert vor: Er lässt seine Spekulationen über die Entwicklung des Menschen in der Zukunft aus Fakten entstehen, die einigermaßen gesichert erscheinen. Dabei entführt er uns an die Grenzen zwischen menschlichem Vermögen und göttlichem Willen - und zeigt uns ein Morgen, in dem der Mensch göttliche Maßstäbe erreichen könnte. Letztlich laufen die Bemühungen des Menschen demnach über die Beherrschung der immer wieder aufgerufenen Trias von Hunger, Krankheit und Krieg auf eine von Daten beherrschte Welt hinaus, mit fatalen Folgen. "Indem der Dataismus die menschliche Erfahrung mit Datenmustern gleichsetzt", schreibt Harari und kreiert sogar in Analogie zu Monotheismus und Polytheismus den Dataismus als neuen Begriff, "bringt er unsere wichtigste Quelle von Autorität und Sinn ins Wanken und kündet von einer ungeheuren Glaubensrevolution, wie wir sie seit dem 18. Jahrhundert nicht erlebt haben". Zweifel sind jedoch angebracht, das Buch wird hoch gelobt.

Die Jury

René Aguigah (Deutschlandradio), Dr. Jens Bisky ("Süddeutsche Zeitung"), Prof. Dr. Rainer Blasius ("Frankfurter Allgemeine Zeitung"), Dr. Eike Gebhardt, Daniel Haufler ("Berliner Zeitung"), Dr. Otto Kallscheuer, Petra Kammann ("inrheinkultur"), Elisabeth Kiderlen, Jörg-Dieter Kogel (Radio Bremen), Prof. Dr. Ludger Lütkehaus, Prof. Dr. Herfried Münkler, (Humboldt Universität zu Berlin), Dr. Jutta Person ("Philosophie Magazin"), Wolfgang Ritschl (ORF Wien), Florian Rötzer (Telepolis), Dr. Johannes Saltzwedel ("Der Spiegel"), Sabine Sasse, Albert von Schirnding, Dr. Frank Schubert ("Spektrum der Wissenschaft"), Dr. Jacques Schuster ("Die Welt"), Norbert Seitz (Deutschlandfunk Köln), Hilal Sezgin, Dr. Elisabeth von Thadden ("Die Zeit"), Dr. Andreas Wang (NDR Kultur), Dr. Uwe Justus Wenzel ("Neue Zürcher Zeitung"), Stefan Zweifel (Schweizer Kritiker)

Die Gefahren unserer Gegenwart

Zwischen Vergangenheit und Zukunft liegt leider die Gegenwart; sie ist alles andere als rosig und mit der haben wir nun wirklich genug zu tun. Unsere Liste hat die Analysen über sie in den zurückliegenden Monaten oft genug sichtbar gemacht, und auch jetzt stehen mit Noam Chomsky, Andreas Baier und ihren Mitstreitern und Frederik Obermaier Bücher auf ihr, die die Gefahren unserer Gegenwart und deren Quellen sichtbar machen. Der unermüdliche Kritiker amerikanischer Machtinteressen hat noch einmal und wie immer scharfäugig die fatalen Folgen der imperialen Politik der USA geschildert - die Stimme eines Moralisten und Antiimperialisten als Streiter für die Freiheit. Dabei kommt aus Amerika nicht nur Trumps neuer Kampf um Hegemonie, sondern mit düsteren Schatten auch eine Erscheinung, deren Existenz auch bei uns man gar nicht glauben mag - Kapuzenmänner. Wir weisen als besondere Empfehlung auf diese Dokumentation über den "Ku-Klux-Klan in Deutschland" hin.

Wie wir die Welt reparieren können

Eine Antwort auf die aus den Fugen geratene Welt schildern die Autoren des Projekts "Die Welt reparieren. Open Source und Selbermachen als postkapitalistische Praxis" - mit einer Fülle guter Ratschläge. In diesen - jenseits von Markt und Staat angesiedelten - kollaborativen Zusammenhängen wird ein basisdemokratisches Verständnis von Zusammenleben und Urbanität erprobt und zugleich nach ökologisch und sozial sinnvollen Lösungen für die Versorgung mit Nahrungsmitteln, Energie sowie einer für alle zugänglichen Technik gesucht. Wir könnten wirklich mehr tun für das Wohlergehen der Welt, als die meisten glauben - das kann man immerhin lernen. Aber ach: Läuft nicht doch alles auf das Verderben hinaus? Wir hoffen es nicht. Aber dass im Manesse Verlag nun die uralte Apokalypse, diese Schreckensvision vom Untergang der Welt, in neuer Übersetzung erscheint, mag uns doch zu denken geben.

Sachbücher des Monats: Rückblick

Die Sachbücher des Monats

NDR Kultur

Zusammen mit der "Süddeutschen Zeitung" veröffentlicht NDR Kultur die Sachbuchliste des Monats. Hier finden Sie die Sachbücher der vergangenen Monate. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 02.03.2017 | 11:20 Uhr

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