Stand: 29.02.2016 16:23 Uhr

Sachbücher des Monats März 2016

von Andreas Wang

Ein dringliches Problem ist dies nicht - und doch auf eine eigentümliche Weise anrührend. Die Mitglieder der Jury, vielleicht erstaunt über die Besonderheit dieser "Reise zu alten Bäumen", fühlen sich jedenfalls angesprochen. Noch steht ja auch die "Dicke Marie"; sie scheint auch nicht zu wanken, obgleich sie die Jüngste nicht ist: Unter ihrem Schatten hat einst Goethe geruht, und die Humboldt-Brüder haben um sie herum als Kinder gespielt. Sie ist eine Eiche, steht im Tegeler Forst und gilt als der älteste Baum Berlins, ja, als ein Baum, der sogar älter sein soll als die Stadt selbst, die Datierung geht bis auf das Jahr 1107 zurück. Dabei ist die "Dicke Marie" beileibe nicht das extremste Exemplar dieser uralten Gewächse: Die mit 9.500 Jahren älteste Pflanze, ein kleines, eher mickriges Gestrüpp, soll in Schweden in einem Hochmoor zu finden sein - wenn man sich denn auf die Suche nach ihr macht wie die Architektin Zora del Buono. Erstaunlich, welche Geschichten sich um diese Bäume - bleiben wir bei der Pflanzenmetaphorik - herumranken, und großartig, dass del Buono sie uns erzählt und durch ihre Fotografien zeigt. Fantastisch sind viele der Geschichten, weit in die Geschichte zurückgreifend, lehrreich und oft überraschend. Ihre Begegnung mit Indianern, Förstern und Baumpflegern und deren Erzählungen macht aus diesen stummen Bewohnern der Welt beredte Zeugen der Menschheit - erstaunlich und schön, und lesenswert nicht nur für Waldmenschen.

Übersicht: Die besten Sachbücher

Über die Probleme der Gegenwart

Buchtipp

Warum der Westen schuld am IS ist

Al Qaida, Islamischer Staat - für Michael Lüders sind das Gründungen der US-Außenpolitik. In "Wer den Wind sät" veranschaulicht der Nahost-Experte kenntnisreich die Zusammenhänge. mehr

Natürlich übersieht die Jury nicht jene Bücher, die sich mit der höchst problematischen und gefährdeten Gegenwart beschäftigen: auf empirisch nachdenkliche Weise Carlos Fraenkels Versuch, "Mit Platon in Palästina" zu erkunden, ob Philosophie ein Rezept gegen Krieg, Armut, Ungerechtigkeit und den Fanatismus sein könne; Fraenkel plädiert für eine Debattenkultur, für die er Chancen sieht, wenn sie denn kraft ihrer inneren Gesetze auf Ausgleich der politischen und religiösen Gegensätze drängt. Die Jury hat auch Navid Kermanis Reportage seiner Reise dorthin wahrgenommen, wo die Flüchtlinge in Europa ankommen, in der Türkei und auf der griechischen Insel Lesbos. Er ist auf der "Balkanroute" gewesen, hat den "Einbruch der Wirklichkeit" hautnah erlebt und lässt uns die Schicksale der Flüchtlinge ahnen. Schließlich erinnert sich die Jury an die mittlerweile nicht mehr ganz vereinzelt dastehende Verurteilung der westlichen Politik gegenüber dem Nahen Osten durch den Islamwissenschaftler und Publizisten Michael Lüders. "Wenn man sich die Verhältnisse in der Region, im Nahen und Mittleren Osten anschaut, Stichwort: Entstehung der Taliban, Stichwort: Entstehung des islamischen Staates, von Al Quaida: Die Spuren führen immer in Richtung Washington, in Richtung amerikanischer Politik", sagt Lüders in einem Interview. Seine Anklageschrift beruft sich zurecht auf die alttestamentliche Warnung, die uns Schaudern lässt: "Wer den Wind sät", denn wir wissen, wir werden den Sturm ernten.

Die Jury

René Aguigah (Deutschlandradio), Dr. Jens Bisky ("Süddeutsche Zeitung"), Prof. Dr. Rainer Blasius (Frankfurter Allgemeine Zeitung), Dr. Eike Gebhardt, Daniel Haufler ("Berliner Zeitung"), Dr. Otto Kallscheuer, Petra Kammann ("inrheinkultur"), Elisabeth Kiderlen, Jörg-Dieter Kogel (Nordwestradio), Prof. Dr. Ludger Lütkehaus, Prof. Dr. Herfried Münkler, (Humboldt Universität zu Berlin), Dr. Jutta Person (Philosophie Magazin), Wolfgang Ritschl (ORF Wien), Florian Rötzer (Telepolis), Dr. Johannes Saltzwedel ("Der Spiegel"), Albert von Schirnding, Dr. Frank Schubert (Spektrum der Wissenschaft), Dr. Jacques Schuster ("DIE WELT"), Sabine Sasse, Norbert Seitz (Deutschlandfunk Köln), Hilal Sezgin, Dr. Elisabeth von Thadden ("DIE ZEIT"), Dr. Andreas Wang (NDR Kultur), Dr. Uwe Justus Wenzel ("Neue Zürcher Zeitung"), Stefan Zweifel (Schweizer Kritiker)

Lieder von Liebe und Schmerz

Wohl nicht vom Schaudern, aber doch von tiefen emotionalen Bewegungen schreibt der große Liedersänger Ian Bostridge, und wir haben uns von dem weiten Spektrum, in der er "Schuberts Winterreise" einbettet, beeindrucken lassen. Bostridge macht anschaulich und sehr warmherzig klar, wie tief die musikalische Quelle ist, die uns in Gefühlserregungen versetzen kann, dass dieses Aufbrechen aber auch - früher würde man sagen: Aufwallen - von Gefühlen erkennbare und erklärbare historische Dimensionen besitzt. Behutsam führt Bostridge uns vom Thema zum Motiv, vom Motiv zur 'Seele' und dem 'Wesen' des Musikstücks, streift dabei die Kultur- und Sittengeschichte, und öffnet damit ein erstaunliches Panorama. Dass er Schubert wegen dieses Liederzyklus' gleichberechtigt neben Shakespeare, Dante und van Gogh stellt, ist vielleicht etwas übertrieben. Nicht nur dem Musikliebhaber und -kenner in höchstem Maße anempfohlen, und nicht zu vergessen: einmal die Winterreise oder doch Teile davon auf NDR Kultur wiederhören.

Sachbücher des Monats: Rückblick

Sachbücher

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Zusammen mit der "Süddeutschen Zeitung" gibt NDR Kultur die Sachbuchliste des Monats heraus. Hier finden Sie die Sachbücher der vergangenen Monate. mehr