Stand: 31.05.2016 15:16 Uhr

Sachbücher des Monats Juni 2016

von Andreas Wang

Niemand weiß ganz genau, wohin die Reise des Kapitalismus geht - einer weiß es aber, und das ist Paul Mason, den manche schon als "neuen Marx" feiern. Nanu, sagen wir, geben ihm gleichwohl unsere Höchstnote in diesem Monat und folgen einmal diesem Nicht-Fachmann auf seinem Weg durch die Schuttmassen des gegenwärtigen Kapitalismus in den "Postkapitalismus".

Übersicht: Die besten Sachbücher

Dass die Widersprüche des Kapitalismus zum Zusammenbruch desselben führen sollten und etwas Neues beginnen müsse, wissen wir eigentlich seit dem originalen Marx; dass diese These so nicht stimmt, haben wir inzwischen auch erfahren. Uns gefällt an diesem Buch des überwiegend als Journalist tätigen Paul Mason, über das man, klar, gut streiten kann, dass es irgendwie Hoffnung macht, aus der Dauerkrise unseres Wirtschaftssystems herauszukommen, ohne zu radikalen Mitteln greifen zu müssen. Im Grunde müsse man, meint er, das fortschreitende Ausbleiben der Produktionsfortschritte des überalterten Kapitalismus bloß sich selbst überlassen, dann werde der zunehmende Informationsreichtum den Kapitalismus schon zwingen, zu anderen Funktionsweisen, genauer gesagt zu einer Abkehr vom klassischen Kapital, überzugehen. An seine Stelle tritt ein durch Digitalisierung und weitere technologische Entwicklungen ermöglichter Open-Source-Kapitalismus, der womöglich wieder Spaß macht, weil wir uns alle daran beteiligen können. Einen "Projektplan" zur Verfertigung des Postkapitalismus in der "Wikopolis" bietet Mason auch. Viel Vergnügen, nicht nur virtuelles.

Sterbehilfe für Maschinen

Teile dieser schönen neuen Welt gibt es bekanntlich schon - und sie leisten, wie man jetzt lesen kann, auf informationsbasiertem Wege massiv Sterbehilfe für Maschinen. Thomas Rid hat dieses Faktum entdeckt, als er seine "kurze Geschichte der Kybernetik" geschrieben hat. Sieben historische Stränge zeichnet der Politikwissenschaftler nach, in denen die sich selbst regulierenden Systeme der Kybernetik den Ausgangspunkt für unterschiedlichste Ideologien bildete, von den Anfängen in den 1940er-Jahren, als der US-Amerikaner Norbert Wiener die Disziplin begründete, bis in die Gegenwart. Detailreich, mittels unzähliger Fakten und Geschichten beschreibt Rid, wie immer neue Vorstellungen davon aufkamen, was durch Technik alles möglich wird. In den 50er-Jahren etwa experimentierte die Armee mit der Idee, Mensch und Maschinen könnten zu einem System verschmelzen, heute hat man es sogar geschafft. Gleichzeitig verglichen Vertreter der Gegenkultur Computer mit psychedelischen Drogen. Für die Hippies waren sie ein "mächtiges Werkzeug" zur Schaffung einer sozialen Gemeinschaft, mit der sich die Welt verbessern ließ - eine Vorstellung, die heute viele mit dem Internet und allem, was irgendwie mit "cyber" zusammenhängt, verbinden. Faszinierend zu erfahren, wie wir uns alle mehr oder minder lustvoll im Krypto-Cyber-Netz verheddern.

Die Jury

René Aguigah (Deutschlandradio), Dr. Jens Bisky ("Süddeutsche Zeitung"), Prof. Dr. Rainer Blasius ("Frankfurter Allgemeine Zeitung"), Dr. Eike Gebhardt, Daniel Haufler ("Berliner Zeitung"), Dr. Otto Kallscheuer, Petra Kammann ("inrheinkultur"), Elisabeth Kiderlen, Jörg-Dieter Kogel (Radio Bremen), Prof. Dr. Ludger Lütkehaus, Prof. Dr. Herfried Münkler, (Humboldt Universität zu Berlin), Dr. Jutta Person ("Philosophie Magazin"), Wolfgang Ritschl (ORF Wien), Florian Rötzer (Telepolis), Dr. Johannes Saltzwedel ("Der Spiegel"), Sabine Sasse, Albert von Schirnding, Dr. Frank Schubert ("Spektrum der Wissenschaft"), Dr. Jacques Schuster ("Die Welt"), Norbert Seitz (Deutschlandfunk Köln), Hilal Sezgin, Dr. Elisabeth von Thadden ("Die Zeit"), Dr. Andreas Wang (NDR Kultur), Dr. Uwe Justus Wenzel ("Neue Zürcher Zeitung"), Stefan Zweifel (Schweizer Kritiker)

Ein Angriff auf unsere Selbstbestimmung

Bleiben wir beim Thema: Harald Welzer, seines Zeichens Direktor der Futurzwei - Stiftung Zukunftsfähigkeit und außerdem noch Professor für Transformationsdesign an der Uni Flensburg - ein Mann mit Durchblick also und der entsprechend lockeren Schreibe, zeigt uns wieder einmal, in welches Unglück wir rennen, wenn es uns nicht gelingt, die in sozialen Medien, im digitalen Kapitalismus etc. verlorenen Werte und Wertschätzungen zurückzugewinnen. Er beobachtet einen Angriff auf unsere Selbstbestimmung durch die "smarte" Industrie - es weiß wohl heute jeder, was damit gemeint ist -, und gibt uns zu bedenken, dass wir im Begriff sind, unsere individuellen und politischen Freiheiten aufs Spiel zu setzen. Schleunigste Umkehr, entschiedener Bewusstseinswandel, ja eine "Ästhetik des Widerstands" ist nötig, um gegen die "Effizienzhölle" mobil zu machen. Packen wir's an - schon mal durch Lektüre.

Das Nachdenken mit Worten

Nicht durch Lektüre, sondern durch das gesprochene Wort hat seinerzeit Thomas Mann gegen die Barbarei der Zeit, und das heißt: die Nazis Stellung bezogen. In seinen Radiosendungen der BBC zwischen 1940 und 1945 hat er nicht immer den hohen Ton des berühmten Romanciers angeschlagen. Er hat "Steine in Hitlers Fenster geworfen". Sonja Valentin zählt einige seiner derbsten Formulierungen auf: Die Nazis nennt er "mörderische Provinzler", die deutsche Regierung eine "fluchbeladene Schinderbande", Adolf Hitler einen "fanatischen Idioten". Die Reden sind ja bekannt, sie liegen auch, für uns Menschen, die gewohnt sind "mit den Ohren zu denken" (Adorno), besonders interessant, als CD-Veröffentlichung vor. Wissenschaftlich wahrgenommen wurden sie aber nicht. Nun können wir mit Erstaunen nachvollziehen, dass der zumeist politikferne Dichter in dieser Phase seines Leben ein gewaltiges - und auch wortgewaltiges - Engagement für politisches Engagement, Mut zum Widerspruch, Kampfbereitschaft gegen Faschismus und Barbarei aufgebracht hat. Resignation gab es auch, etwa Anfang 1944, als immer noch keine Wende des Krieges abzusehen war und Mann nicht mehr wusste, "wie er dem deutschen Volk helfen sollte" - das war ja sein Anliegen. Wir lernen aus der Analyse diese Reden enorm viel über das Nachdenken mit Worten. Das können wir gut gebrauchen. Insgesamt: Wissenschaft zum Besten.

Sachbücher des Monats: Rückblick

Sachbücher

NDR Kultur

Zusammen mit der "Süddeutschen Zeitung" gibt NDR Kultur die Sachbuchliste des Monats heraus. Hier finden Sie die Sachbücher der vergangenen Monate. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Kulturnachrichten | 01.06.2016 | 12:00 Uhr

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