Stand: 29.01.2016 16:45 Uhr

Sachbücher des Monats Februar 2016

von Andreas Wang

Diese Überraschung ist gelungen - ein großes Buch über einen Filmregisseur zu veröffentlichen, von dem man meinte, doch alles zu kennen. Aber die feine edition text+kritik hat die Jury überzeugt: Über Michelangelo Antonioni, der mit seinem Film "Blow Up" 1967 die Goldene Palme gewann und damit seinen Weltruhm begründete, und 1970 mit dem Roadmovie "Zabriskie Point" der 68er-Bewegung ein filmisches Denkmal setzte, wussten wir eben doch nicht alles. Jetzt aber doch: Matthias Bauer hat nun alle Regiearbeiten, auch die frühen der Schwarzweißfilme, gewürdigt; er hat den Zusammenhang von Werk und Werkgruppen, von Medien und Texten hergestellt und auf diese Weise überzeugend den Beweis erbracht, dass dieser wichtigste Vertreter des europäischen Autorenkinos sich und sein Kino mehrfach neu erfunden hat: in Abgrenzung zum italienischen Neorealismus, im Dialog mit Malerei und Literatur, in der Auseinandersetzung mit der Post- und Pop-Moderne. Ein kinematographischer Kosmos wird noch einmal sichtbar - man möchte wieder eine Retrospektive erleben.

Übersicht: Die besten Sachbücher

"Geschichte des frühen Christentums"

Für manche war Antonioni ein Gott des Kinos - in damaligen bescheidenen und vor allem desorientierten Verhältnissen erschien der Künstler überlebensgroß. Aber natürlich: Die Geschichte des "echten" Gottes ist von einem anderen Kaliber. Das zeigt uns Manfred Clauss in seiner "Geschichte des frühen Christentums". Dort ging es nämlich um nichts Geringeres als um die einzige, die unteilbare Wahrheit, die der "neue Gott für die alte Welt" forderte und die seine Anhänger schließlich durchsetzen. "Wahr und falsch sind Kategorien", schreibt Clauss, "deren Zuordnung dem rationalen Diskurs entzogen sind. Die Irrationalität ist Kennzeichen des Christentums. Das Eigene ist wahr, alles andere ist falsch, doch nur, wenn die staatliche Macht ins Spiel kommt, kann die Orthodoxie - beziehungsweise die Wahrheit - definiert und durchgesetzt werden." Abgrenzung, Abwehr und Vernichtung der Feinde des Glaubens - Opfergang und Leiden um des Glaubens Willen - das sind die Folgen dieses Anspruchs auf absolute Wahrheit. Er hat das Christentum nicht immer zum Heil geführt.

Die Jury

René Aguigah (Deutschlandradio), Dr. Jens Bisky ("Süddeutsche Zeitung"), Prof. Dr. Rainer Blasius (Frankfurter Allgemeine Zeitung), Dr. Eike Gebhardt, Daniel Haufler ("Berliner Zeitung"), Dr. Otto Kallscheuer, Petra Kammann ("inrheinkultur"), Elisabeth Kiderlen, Jörg-Dieter Kogel (Nordwestradio), Prof. Dr. Ludger Lütkehaus, Prof. Dr. Herfried Münkler, (Humboldt Universität zu Berlin), Dr. Jutta Person (Philosophie Magazin), Wolfgang Ritschl (ORF Wien), Florian Rötzer (Telepolis), Dr. Johannes Saltzwedel ("Der Spiegel"), Albert von Schirnding, Dr. Frank Schubert (Spektrum der Wissenschaft), Dr. Jacques Schuster ("DIE WELT"), Sabine Sasse, Norbert Seitz (Deutschlandfunk Köln), Hilal Sezgin, Dr. Elisabeth von Thadden ("DIE ZEIT"), Dr. Andreas Wang (NDR Kultur), Dr. Uwe Justus Wenzel ("Neue Zürcher Zeitung"), Stefan Zweifel (Schweizer Kritiker)

Die Lebensgeschichte von Theodor Herzl

Wer weiß das besser als die Menschen jüdischen Glaubens? Mit ihnen verbindet uns eine düstere Geschichte mit wenigen Lichtblicken. Ein solcher leuchtet am Anfang dieses Buches über Theodor Herzl auf. Welche historische Chance wäre dies für Deutschland gewesen, was hätte aus einer Begegnung Herzls mit Kaiser Wilhelm II. in Jerusalem werden können - es stockt der Atem, wenn man diese ersten Seiten der Lebensgeschichte Herzls von Shlomo Avinieri  liest. Doch immerhin: Der moderne Staat Israel verdankt sich als Idee und als realisiertes Projekt wesentlich diesem Mann, der aus den Verwerfungen der österreichisch-ungarischen Monarchie am Ende des 19. Jahrhunderts seine Schlüsse zog und in einer außergewöhnlichen intellektuellen und spirituellen Odyssee seinen Weg fand, der ihn zu einer Utopie führte. Dass aus einer solchen Realität werden kann, sollte man nicht vergessen.

Versäumte Augenblicke

Zum Schluss noch ein Wort zu meiner persönlichen Empfehlung: Wer einmal durch Günther Ortmann auf die versäumten Augenblicke des "Noch nicht - nicht mehr" hingewiesen worden ist, der wird, wie ich, beinahe täglich weitere Beweise für die Richtigkeit seiner These finden, dass wir in unserem Leben und Arbeiten immer irgendwo dazwischen stehen, d.h. immer der Tücke des Alltags ausgesetzt sind. Das muss uns nicht zur Verzweiflung bringen - verschafft uns aber, wer selbstkritisch und ironisch genug ist, mancherlei Anlass zum Lachen über eben diesen Augenblick und über unsere eigenen Wertschätzungen, die ungenutzt an uns vorüberziehen.

Sachbücher des Monats: Rückblick

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Zusammen mit der "Süddeutschen Zeitung" gibt NDR Kultur die Sachbuchliste des Monats heraus. Hier finden Sie die Sachbücher der vergangenen Monate. mehr