Stand: 18.02.2016 14:00 Uhr

Seltsame Ereignisse

I Saw a Man
von Owen Sheers, aus dem Englischen von Thomas Mohr
Vorgestellt von Stefan Maelck
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Owen Sheers, geboren 1974, hat eine Professur für Kreativität in Swansea inne.

Der Waliser Dichter Owen Sheers ist 41 - und er ist ein Multitalent. Er hat Reportagen in großen Blättern wie "The Guardian", "Granta", "Times" und "Financial Times" veröffentlicht, außerdem Gedichte und erfolgreiche Theaterstücke. Sein erster Roman "Resistance" wurde in zehn Sprachen übersetzt, sein neuer Roman "I Saw a Man" kann bereits auf eine Nominierung für einen französischen Literaturpreis und verkaufte Filmrechte verweisen. Was macht den Mann so erfolgreich? Ganz einfach: Er kann wirklich erzählen.

Seltsame Abwesenheit der Freunde

Vermeintlich fällt Owen Sheers im ersten Satz gleich mit der Tür ins Haus, vermeintlich, denn "I Saw a Man" beginnt wie ein Suspense-Roman von Patricia Highsmith - und die Tür entpuppt sich als Hintertür.

Der Vorfall, der ihrer aller Leben veränderte, ereignete sich an einem Samstagnachmittag im Juni, kurz nachdem Michael Turner - in der Annahme, es sei niemand da - das Haus der Nelsons durch die Hintertür betreten hatte. London ächzte unter einer Hitzewelle. Überall im South Hill Drive standen die Fenster offen, und das Blech der Autos war so heiß, dass die Schweißnähte in der Sonne knackten. Leseprobe

Aber Michael Turner ist kein Eindringling, kein Dieb, kein Krimineller. Er ist lediglich der Nachbar, der im Haus von Josh und Samantha Nelson ein und aus geht und sich eigentlich nur seinen Schraubenzieher zurückholen will. Da niemand zu Hause zu sein scheint, macht er sich selbst auf die Suche.

Erzählung mit vielen Rückblenden

Das ist die Ausgangssituation, die das Leben aller Beteiligten verändern wird. Allerdings verrät uns Owen Sheers 167 Seiten lang nicht, um was für ein unerhörtes Vorkommnis es sich handelt, denn in stetigen Rückblenden erzählt er erst einmal Michaels Geschichte und die der Freundschaft mit den Nelsons.

Seine Frau Caroline war Fernsehjournalistin, die sich, bevor sie Michael heiratete, an den Brennpunkten dieser Welt herumgetrieben und die Gefahr gebraucht hatte. In Wales arbeitete sie für eine kleine Produktionsfirma, aber ihr fehlten die großen Einsätze, und als ihre Firma einen Auftrag für Pakistan bekommt, greift sie zu und wird dort, versehentlich, von einer US-Drohne getötet.

Auch Michael ist Journalist, ein sogenannter "immersion journalist", der für lange Zeit eintaucht in seine Recherche und dann lange, ausführliche, tiefschürfende Artikel daraus macht. Aus seiner Recherche über die Brüder Nico und Raoul, die er in seiner Zeit in New York City kennenlernte, entsteht sein erstes Buch "BrotherHoods", das ein Weltbestseller wird.

Michael ist finanziell unabhängig, mietet in London die Wohnung eines Freundes in Hampstead Heath, versucht Carolines Tod zu verarbeiten und findet in den Nelsons eine Art Ersatzfamilie. Er versucht sich quasi, wie es sein Stil ist, aus seinem eigenen Leben herauszuschreiben. Dabei fällt ihm schon auf, dass nicht alles rund läuft bei Samantha und Josh.

Josh ist Banker bei Lehman Brothers, ein trinkender Workoholic oder umgekehrt. Wir schreiben das Jahr 2008. Samantha hat Fotografie studiert, fristet aber wegen der beiden Töchter ein unbefriedigendes Hausfrauendasein. Cocktailparties, Eifersüchteleien, Boshaftigkeiten - Michael kommt den beiden als Katalysator gerade recht, durch ihn fühlen sie sich wieder jung, und die Töchter lieben Michael.

Späte Auflösung der Geschichte

Immer wieder blendet Owen Sheers zurück in die Einstiegsszene und dann passiert der schon im ersten Satz antizipierte Vorfall. Zuvor jedoch wird noch Major Daniel McCullen eingeführt, ein amerikanischer Offizier, der die Drohne abschoss, die Carolines gesamtes Team töten sollte.

Im zweiten Teil geht es um das eigentliche Thema des Buches: Drei Männer, die Schuld auf sich geladen haben, und versuchen, irgendwie damit klar zu kommen. Josh und Daniel verlieren Familie und Job, und auch Michael muss sich Verlust und Schuld stellen und sich nach neuem Schreib- und Lebensstoff umsehen.

Das Ende ist so überraschend wie der ganze, wunderbar komponierte, geheimnisvolle Roman. Hier trifft Ian McEwan auf Paul Auster - ein großer Wurf.

I Saw a Man

von
Seitenzahl:
304 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
DVA
Bestellnummer:
978-3-421-04669-7
Preis:
19,99 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 19.02.2016 | 12:40 Uhr

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