Stand: 20.03.2017 10:00 Uhr

Äußere und innere Landschaften

Nachts leuchten die Schiffe
von Nico Bleutge
Vorgestellt von Guido Pauling
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"Nachts leuchten die schiffe" ist das neue Werk von Nico Bleutge. Er wurde 1972 in München geboren, lebt in Berlin. Für sein Schreiben wurde er vielfach ausgezeichnet.

"Seine Gedichte öffnen dem Leser die Sinne", hat der spätere Deutsche Buchpreisträger Lutz Seiler bereits 2012 über den Dichter Nico Bleutge gesagt. Und weiter: "Sie lassen ihn teilnehmen am Schauen und Lauschen." In seiner Lyrik begibt sich Bleutge auf Landschaftserkundungen, und zwar sowohl von äußeren Landschaften in der Natur als auch von inneren Landschaften der Seele. Seit seinem Erstling "klare konturen" 2006 hat Bleutge zwei weitere Gedichtbände und ein Opernlibretto veröffentlicht. Gerade ist sein vierter Gedichtband mit dem Titel "nachts leuchten die schiffe" erschienen.

Verse über das Licht

Gedankenversunken dasitzen und aufs Wasser schauen, an einer Mole, in einem Hafen, oder von Weitem aus einem Fenster heraus. Vor ein paar Jahren, bei einem längeren Aufenthalt in Istanbul, tat Nico Bleutge genau das, und allmählich formte sich in seinem Kopf eine Idee für einen Gedichtzyklus:

versenk dich in die bewegung des wassers
mischte sich jenes licht mit dem licht, erzeugte ihre verbindung
ein anderes licht Leseprobe

Den zweiten Vers "mischte sich jenes licht mit dem licht" - versteht der Leser dabei erst, wenn er innehält, den vorigen Vers noch einmal neu liest, mit neuer Pause, und den Sinn über den Zeilensprung entdeckt:

versenk dich …
in die bewegung des wassers mischte sich jenes licht mit dem licht
erzeugte ihre verbindung ein anderes licht … Leseprobe

Plötzlich wird klar: Wie die Lichtstrahlen, die im schwankenden Wasser aufblitzen, auf den Wellen schaukeln, ebenso schwanken und schaukeln die Verse dieses Gedichts selbst; deuten mit verschwimmenden Worten an, wie Wellen und Licht sich mischen, bewegt von fern vorbeigleitenden Schiffen.

Gedanken an die Kindheit

Auf einmal, einige Seiten weiter, in einem anderen Gedicht aus dem Zyklus, der dem ganzen Band "nachts leuchten die schiffe" den Titel gegeben hat, gleiten die Träume und Gedanken bis in die Kindheit zurück.

(...) wie ein flug von mücken über dem gebüsch
die erinnerungen, aus einem sommer irgendwann Leseprobe

Das Gefühl, das der junge Mann am Ufer des Bosporus hat, scheint ihm seltsam vertraut; so ähnlich hatte es sich doch auch damals angefühlt, als er klein war: "... auf einem recht hässlichen Mietshausbalkon an der Mainzer Uferstraße, mit dem vom Großvater geklauten Fernglas runter auf den Rhein zu schauen … Und gerade so in der Zeit der Dämmerung zu sehen, wie die verschiedenen Positionslichter angehen, rot und grün. Die Tanker, die damals noch viel zahlreicher den Rhein runterfuhren, stundenlang zu beobachten."

Erinnerungssplitter

Solche Erinnerungssplitter in Sprache zu fassen, in seinen Versen wie helle Funken aufblitzen zu lassen, ist Nico Bleutges große Kunst.

während ich auf den fluß blicke und die frachter höre, ihr
klopfen. schau wie die wärme sich dehnt, schau wie die frachter
auf ihren decks die strahlung mitnehmen
während ich ein paar blätter aufsammle, sie mit der hand
umschließe und ihren duft abwarte (...) Leseprobe

"Je länger ich schreibe, desto bewusster wird mir immer, dass sehr prägend für die Art, wie ich zum Beispiel auf Sprache schaue, dieser tiefgründige - nennen wir's mal - "Erfahrungsspeicher der Kindheit" ist…", erklärt Bleutge, den er stets aufs Neue erkunden muss, um darin in glücklichen Momenten etwas zu finden, das er dann in sensibel verdichteter Sprache ausdrücken kann.

Kompositionen aus fremden und eigenen Worten

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Schreiben in konzentrierter Euphorie

Gerade ist Nico Bleutges neuer Gedichtband "nachts leuchten die schiffe" erschienen. Im Interview spricht er über dessen Enstehungsprozess und das Wesen der Lyrik. mehr

Doch Nico Bleutge belässt es nicht bei der Innenschau, dem Sich-Versenken in die eigene Kindheit. In seine Verse fließen zudem fremde Stimmen ein: Alfred Döblins Roman "Berge Meere und Giganten" klingt in einigen Zeilen an. So unterschiedliche Autoren wie Reinhard Jirgl und W.G. Sebald, Inger Christensen und Wolfgang Hilbig oder Volker Braun, Marcel Beyer und viele mehr liefern Material. Bleutge schafft daraus Kompositionen aus fremden und eigenen Worten, nach Art des von ihm gleichfalls verwendeten argentinischen Dichters Juan Gelman.

Mal glimmt dieses Sprachmaterial in einzelnen Versen nur auf, mal beeinflusst es den Ton eines Gedichts und wird deutlich heraushörbar. "Stimme tauschen" heißt - sicher nicht umsonst - ein anderer Zyklus von Nico Bleutges Gedichten.

So ist "nachts leuchten die schiffe" ein unheimlich dichter, sprachlich virtuoser Lyrikband, der viele Rätsel aufgibt, viel Schönheit in sich birgt und dazu einlädt, Worte zu entdecken wie Grundlawinen, Vorsommernacht, Kalkschatten.

Nachts leuchten die Schiffe

von
Seitenzahl:
87 Seiten
Genre:
Lyrik
Verlag:
C.H. Beck
Bestellnummer:
978-3-406-70533-5
Preis:
16,95 €

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