Stand: 26.03.2016 08:00 Uhr

Die Schrullen von Bob Dylan

Die Köchin von Bob Dylan
von Markus Berges
Vorgestellt von Andrea Gerk
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Nach "Ein langer Brief an September Nowak" ist "Die Köchin von Bob Dylan" bereits der zweite Roman von Markus Berges.

Dass Musiker auch Talent zum Schreiben haben, wissen wir spätestens seit Sven Regener - Kopf der Band "Element of Crime" - seinen Bestseller "Herr Lehmann" veröffentlicht hat oder Patti Smith mit ihren romanhaften Erinnerungen an ihre Zeit mit Robert Mapplethorpe begeisterte. Auch Markus Berges dürften viele vor allem als Sänger und Songschreiber der Kölner Band Erdmöbel kennen. Vor vier Jahren erhielt er viel Lob für seinen ersten Roman "Ein langer Brief an September Nowak". Jetzt ist sein zweites Buch erschienen: "Die Köchin von Bob Dylan".

"Eine klassische Flüchtlingsgeschichte"

Der Titel ist fast ein wenig irreführend, denkt man doch, es handle sich um ein Musik-Buch, ein unterhaltsames, heiteres Stück Pop-Literatur. Umso überraschender ist es, wie tief der Autor mit seiner Hauptfigur Jasmin Nickenig in die jüngere Geschichte eindringt. Die junge Frau, gerade erst als Köchin von Bob Dylan eingestellt, ist mit dem Musiker in der Ukraine auf Tournee, als sie eines Tages einen Anruf erhält: Ein alter Mann aus Odessa behauptet, er sei Florentinius Malsam, Jasmins 1944 verschollener Großvater, der eine entbehrungsreiche Kindheit und Jugend zwischen Hitler und Stalin erlebte.

"Es ist so, dass ich selbst russland-deutsche Vorfahren habe", erzählt Berges. "Meine Familie mütterlicherseits kommt aus der Süd-Ukraine. Es ist also eine klassische Flüchtlingsgeschichte, nur eben ukrainisch-russisch. Und deswegen hat mich dieses Thema immer ein bisschen begleitet. Es waren Erzählungen meiner Großmutter, die ich nochmal eingehend befragt habe, als Ausgangspunkt für den Roman."

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Seit über 20 Jahren ist Berges (zweiter von links) Mitglied der Band Erdmöbel.

Markus Berges' Großmutter darf stolz sein, wie eindringlich ihr Enkel von Jalta und Odessa erzählt, von Wölfen, die eine Kutsche verfolgen, bis die Reisenden auch ihr Letztes - ein kleines Ferkel - geopfert haben. Oder wie er die große Hungersnot in der Ukraine 1932/33 beschreibt, die furchtbare Not der Menschen: Wenn die Kinder hungrig nach Schneeflocken schnappen, Kiefernzapfen kauen und mit Scharen anderer vor einer Bäckerei warten, und auf buchstäbliche Brosamen hoffen, gelingt Berges das Kunststück vergangenes Leid zu vergegenwärtigen und doch so etwas wie erzählerische Distanz zu bewahren.

Die Schrullen von Bob Dylan

Das gelingt sicher auch durch den Wechsel auf die zweite Ebene dieser Geschichte, in der Bob Dylan und seine Köchin die Hauptrolle spielen: "Ich habe mal einen Journalisten getroffen, der mir erzählt hat, er würde die Köchin von Bob Dylan kennen", so Berges. "Ich war total fasziniert und habe mir das sofort aufgeschrieben. Im Grunde war es zu dem Zeitpunkt schon klar, dass da etwas Größeres draus werden würde."

Wenn Jasmin Wacholderkraut und Safran-Kaninchen kocht, dazu dunkles Brot, Granatapfelsaft und zum Nachtisch Pudding serviert, verputzt ihr in die Jahre gekommener Chef meist alles - schließlich muss sein Bauchansatz ja auch irgendwoher kommen. Überhaupt sind die Schrullen von Bob Dylan mit das Lustigste an diesem Buch - etwa, wenn der Musiker seinen Angestellten neue Namen verpasst, weil er sie sich besser merken kann und zudem meint, damit sei ihre Persönlichkeit besser getroffen; oder wenn er im Tschechow-Museum in Jalta nicht mal bei der Filmvorführung die Sonnenbrille abnimmt.

Die Kraft des Erzählens

Ist Markus Berges ein Bob Dylan Fan? "Ich mag Dylan als Songschreiber gern und ich habe auch viel von ihm gelernt, aber er interessiert mich eigentlich eher als Figur", antwortet Berges. "Er inszeniert sich ja auch stark selbst und das finde ich toll." Und Dylan ist schließlich auch selbst ein Dichter - nicht umsonst wird er seit Jahren als Anwärter auf den Literaturnobelpreis gehandelt.

Der Lesestoff vom  "Gemischten Doppel" vom 6. März 2012 bei NDR Kultur © NDR Fotograf: Patricia Batlle

Markus Berges: "Die Köchin von Bob Dylan"

NDR Kultur -

Markus Berges' Roman "Die Köchin von Bob Dylan" handelt von der Kraft des Erzählens.

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Dylans Spiel mit Identitäten setzt Berges mit Leichtigkeit in Szene. Sich und die sogenannte Wirklichkeit immer wieder neu zu erfinden, ist hier ein künstlerischer Akt, während es im Hungerwinter der 30er-Jahre und in den Kriegsjahren, von denen dieser Roman auch handelt, eine Strategie ist, um zu überleben. So erzählt dieses schöne Buch auf ganz unterschiedliche Weise von der Kraft des Erzählens und erinnert daran, wie wichtig es ist, uns unsere Geschichte(n) zu erzählen - oder uns neue zu erfinden.

Die Köchin von Bob Dylan

von
Seitenzahl:
288 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Verlag Rowohlt Berlin
Bestellnummer:
978-3-87134-709-2
Preis:
19,95 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 26.03.2016 | 15:20 Uhr