Stand: 11.04.2017 12:40 Uhr

Wege zur Versöhnung

Sweet Occupation
von Lizzie Doron, aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler
Vorgestellt von Esther Willbrandt
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In Israel hat sich bisher kein Verlag für dieses Buch gefunden.

Die Tragödie des Anderen zu verstehen, ist die Voraussetzung, um einander keine weiteren Tragödien zuzufügen - sagt die israelische Schriftstellerin Lizzie Doron. Nachdem sie sich literarisch mit den Traumata der Holocaust-Generation auseinandergesetzt hat, wurde der israelisch-palästinensische Konflikt ihr großes Thema. Gerade ist ihr neues Buch erschienen: "Sweet Occupation". Dafür hat sie Gespräche mit den so genannten "Friedenskämpfern" geführt: drei ehemaligen palästinensischen Terroristen und zwei israelischen Kriegsdienstverweigerern - gewaltfrei kämpfen sie für Frieden in Israel.

Erzählungen halten die Vergangenheit lebendig

In Gottes Namen, erzähle von uns, schreibe, bevor wir tot sind. Erzähle, dass wir lieben, weinen, lachen, frustriert und nervös sind, dass wir hoffen, ich weiß nicht was - schreib, dass auch meine Mutter salzige Tränen weint, schreib, dass auch wir nicht gerne sterben. Leseprobe

Mohammed stammt aus Ost-Jerusalem. Während der ersten und zweiten Intifada wurden die meisten Männer in seiner Familie inhaftiert, viele seiner Freunde starben. Nach einem Anschlag auf einen israelischen Armeejeep saß er selbst im Gefängnis. Heute leistet er gewaltfreien Widerstand - genau wie Jamil, ein berühmt-berüchtigter Steinewerfer aus einem Flüchtlingscamp im Westjordanland.

"Ich war elf, als ich Mordlust gegen euch entwickelte. Umso mehr, als ihr damals eine militärische Straßensperre direkt vor unserem Haus errichtet habt. … und damit wir keine Angst haben, hat meine Mutter die Rollläden geschlossen.
Die Kinder von Dheisheh standen auf den Hügeln, warfen Steine auf alles, was israelisch war, und träumten davon, im Krieg zu sterben." Leseprobe

Galgenhumor hilft bei der Vergangheitsbewältigung

Die Sprache der Palästinenser in diesem Buch ist bitter und voller Galgenhumor - das Gefängnis bezeichnen sie als Universität, einen Verkaufsstand mit Sonnenblumenkernen als Bombengeschäft. Auch der Begriff "Sweet Occupation" - süße Besetzung - stammt von ihnen. Ein Jahr lang hört Lizzie Doron sich ihre Lebensgeschichten an - und ringt dabei permanent mit ihrer eigenen.

"Ich bin eine Linke, aber soll ich neben einem Mörder vor einem Teller Hummus und Salat sitzen? Welchen Autobus hat er in die Luft gejagt? Wen hat er umgebracht? Auch Frauen und Kinder? Hat er geplant oder ausgeführt? Hat er triumphiert, als sie starben?" Leseprobe

"Ich bin aufgewachsen mit einem bestimmten Narrativ: Das hier ist unser Land, unsere Zuflucht, wir Juden sind stärker und besser, wir haben genug gelitten… ", erinnert sich die Autorin. "Mir war lange gar nicht klar, welchen Preis andere für unsere Unabhängigkeit bezahlen mussten."  

Ringen um Verständnis

Wie schon in ihrem letzten Buch "Who the Fuck is Kafka" blicken wir auch hier ins Innerste des israelisch-palästinensischen Konflikts. Das Ringen um Verständnis für die Traumata des Anderen, die großen Ängste und bescheidenen Träume und nicht zuletzt die kleinen Momente der Menschlichkeit zwischen der Autorin und ihren Gesprächspartnern - das alles überträgt sich beim Lesen unmittelbar.

Aus der Tochter einer Holocaustüberlebenden und einer Handvoll ehemaliger palästinensischer Terroristen sind inzwischen Freunde geworden. Doch der Preis dafür ist hoch. Die Autorin hat viele jüdische Freunde verloren, ihr Buch wird in Israel nicht verlegt. Sie leidet, sagt sie, aber es gibt für sie keine Alternative: "Ich bin keine Verräterin. Aus den Gräbern wird keine Veränderung kommen. Auch ich habe viele Jahre gebraucht, um das zu verstehen."

Sweet Occupation

von
Seitenzahl:
208 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
dtv
Bestellnummer:
978-3-423-26150-0
Preis:
16,90 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 13.04.2017 | 12:40 Uhr

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