Stand: 28.11.2017 10:30 Uhr

Ein neuer Fall für Kimmo Joentaa

Sakari lernt, durch Wände zu gehen
von Jan Costin Wagner
Vorgestellt von Ulrike Sárkány

Jan Costin Wagner ist ein Kriminalschriftsteller, der eigentlich keine Kriminalromane schreibt. Vielmehr sind es Erforschungen der Psyche, die in Extremsituationen geraten ist. Seit 2003 lässt der Autor den Polizisten Kimmo Joentaa im finnischen Turku ermitteln. Der mittlerweile sechste Band dieser Reihe ist soeben erschienen und heißt "Sakari lernt, durch Wände zu gehen".

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Jan Costin Wagners neuer Krimi ist Joentaas sechster Fall. Seine Bücher wurden vielfach ausgezeichnet und zum Teil auch verfilmt.

Es ist ja nicht selbstverständlich für einen deutschen Schriftsteller, der aus der Gegend von Frankfurt stammt, dass er als Schauplatz für eine Krimireihe eine Stadt im Südwesten Finnlands wählt, aber wenn man weiß, dass Jan Costin Wagner seit 25 Jahren mit einer Finnin aus Turku verheiratet ist, leuchtet das ein.

"Weil Finnland meine zweite Heimat ist, die mir sehr nahe ist, ein Ort, den ich im Herzen verortet habe", erzählt er. "Ich hatte diesen Menschen, diesen Romanprotagonisten sofort auch dort verortet, er war mir sofort sehr nahe. Ja, da war dann Kimmo Joentaa. Ich wusste zu dem Zeitpunkt noch nicht, dass er mich so lang begleiten würde, aber ich finde es schön, dass es so gekommen ist."

Menschen auf neuen Wegen

Der erste Band, in dem Kimmo Joentaas Frau stirbt, hieß "Eismond". Es folgten "Das Schweigen", "Im Winter des Löwen", "Das Licht in einem dunklen Haus" und "Tage des letzten Schnees". Jetzt also "Sakari lernt, durch Wände zu gehen". Wie kam es zu diesem Titel?

"Der kam während des Schreibens, und zu einem bestimmten Zeitpunkt wusste ich einfach, das muss der Titel sein, weil tatsächlich Sakari, dieser Teenager, 19 Jahre alt, abgleitet in eine andere Welt, in eine Welt, in der er das Trauma zu bewältigen hofft, aber er erkrankt letztlich psychisch, aber in dieser Welt kann er durch die Wände gehen, und diese Sehnsucht teilen alle Protagonisten in dem Roman."

In Jan Costin Wagners Romanwelt geht jeder Mensch einen Weg, den er sich nur zum Teil selbst aussucht und auf dem er gegen Wände stößt. Das gilt auch für seinen Helden Kimmo Joentaa, obwohl der sich von seinem Beruf als Polizist nicht in kleine Kästchen sperren lässt.

"Tatsächlich ist er zunehmend zwar immer noch Polizist, aber vor allem derjenige, der auf so eine ganz andere Weise diese Menschen betrachtet und diese Ereignisse betrachtet."

Alleinerziehender Vater ohne Probleme

Kimmo Joentaa hat großes Einfühlungsvermögen und weiß intuitiv, was er von einem Menschen erwarten kann. So hat er zum Beispiel kein Problem damit, seine zehnjährige Tochter Sanna mit einem Kollegen allein im Haus zu lassen, der gerade ohne Not einen jungen Mann erschossen hat, weil der nackt in einem Springbrunnen saß und sich selbst mit einem Messer ritzte.

Überhaupt mutet der alleinerziehende Vater Kimmo seiner Tochter einiges zu. Oft lässt er sie den ganzen Tag ohne Aufsicht - wie leicht könnte sie sich beim Kochen verbrennen oder beim Baden im See ertrinken! -, aber Jan Costin Wagner setzt auf die starke Bindung zwischen den beiden.

"Die ist so vertrauensvoll und so gewachsen, dass ich das tatsächlich so vor Augen hatte, dass vor allem Sanna, die kleine Tochter, auf dieser Basis sich immer von ihm begleitet fühlt, auch wenn er nicht immer da ist", erzählt Wagner. "David, der Junge, der das Schlimme erlebt, das Katastrophalste, was man sich vorstellen kann, sein Zuhause brennt ab, und er ist letztlich dann im Roman auch allein und auf sich gestellt, und da gibt es eine Stelle im Roman, an der - und das fand ich natürlich schön - auch Kimmo und Sanna ihm zur Seite stehen können und zumindest eine Ahnung aufzeigen können von diesem gangbaren Weg zurück. Und das war eigentlich einer der schönsten Momente, wie überhaupt für mich die schönsten Momente in einem so dunklen Roman die sind, in denen diese heimlichen Flammen lodern, ja, das Licht, das zurückkommen könnte sozusagen."

Erforschungen der Familienpsychologie

Familien können durch einen Todesfall zerstört werden oder sie können noch enger zusammenwachsen. Jan Costin Wagner entwirft Zusammenhänge und stellt die großen Fragen.

"Woran lässt sich Schuld festmachen und welchen Momenten ist man ausgeliefert und muss damit zurechtkommen, dass das Leben kippt innerhalb einer einzigen Sekunde?, fragt sich der Autor. "Da hat Kimmo eben einen ganz bestimmten Blick, den ich selbst interessant finde. Das führt mich auch immer wieder zurück zu dieser Figur, weil ich es selbst für mich wichtig finde, das auszuloten, wie dieser andere Blick aussehen kann."

Sakari lernt, durch Wände zu gehen

von
Seitenzahl:
240 Seiten
Genre:
Krimi
Verlag:
Galiani Berlin
Bestellnummer:
978-3-86971-018-1
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

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