Stand: 09.06.2017 12:06 Uhr

Essay über moderne Kunst und die documenta

Kassel: eine Fiktion
von Enrique Vila-Matas, aus dem Spanischen von Petra Strien
Vorgestellt von Claudio Campagna
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Pünktlich zum Start der 14. Ausgabe der Ausstellung ist der Roman in der Anderen Bibliothek auf Deutsch erschienen.

Am 10. Juni beginnt in Kassel die documenta, die weltweit bedeutendste Ausstellung zeitgenössischer Kunst. Vor fünf Jahren, als zuletzt Künstler aus aller Welt ihre Werke in der hessischen Stadt präsentierten, war der spanische Schriftsteller Enrique Vila-Matas dort Writer in Residence. Aus seinen Erfahrungen bei der documenta13 hat er einen Roman gemacht.

Ein Buch voller Finten und Verwirrspiele

"Je avantgardistischer ein Autor, desto weniger kann er es sich leisten, unter dieses Label zu fallen", schon der erste Satz ist eine Finte. Denn Avantgardist ist Enrique Vila-Matas gerade nicht, eher müsste man sagen: ein Postmodernist. Der spanische Schriftsteller ist kein Überwinder des Alten, der auf zu neuen Ufern strebt, sondern einer, der lustvoll sammelt und das, was er vorfindet, neu zusammenwürfelt und ironisch zitiert.

Finten und Verwirrspiele gibt es reichlich in diesem Buch. Das gilt auch für die Bezeichnung: "Eine Fiktion". Denn so viel ist hier gar nicht erfunden, bis auf die Rahmenhandlung: Unter dem Vorwand, ihm werde das Geheimnis des Universums enthüllt, lockt eine gewisse Maria Boston den Autor nach Kassel. Dort soll er einige Tage in einem chinesischen Restaurant verbringen und neugierigen documenta-Besuchern zeigen, was er schreibt.

Boston, die im Auftrag der spanischen Kuratorin Chus Martínez handelt, gibt sich immer wieder als eine andere aus. Auch der Autor nimmt verschiedene Identitäten an, um das durchzuziehen, was er seine "chinesische Nummer" nennt.

Geheimniskrämerei um ein Werk

Anschließend begann ich, einen Plan auszuhecken, damit keiner all derer, die im Dschingis Khan meine Arbeit ausspionieren wollten, auch nur den geringsten Einblick in das bekommen konnte, was ich schrieb. Dafür erfand ich eine völlig andere Person, als ich es bin; einen Schriftsteller, den zwei Probleme umtrieben, zwei Themen, die vor den Augen des gesamten Publikums auszuarbeiten mir nicht schwerfallen würde. Leseprobe

Ihn selbst würden diese Themen - Kommunikation und Flucht - nicht die Bohne interessieren, betont Vila-Matas; tatsächlich dreht sich sein Roman aber um nichts anderes. Doch was heißt hier "Roman"? Weite Strecken sind Reportagen und Gedanken zu Werken, die auf der documenta13 wirklich zu sehen waren; wie etwa der Hunde-, Bienen- und Humus-Garten des französischen Künstlers Pierre Huyghe oder die Installation FOREST (for a thousand years ...) von Janet Cardiff und George Bures Miller, die ein Waldstück mit Kriegslärm erfüllten.

Das war ohne jeden Zweifel das Allerschockierendste. Man sah sich schließlich selbst als Ziel dieses Bombenhagels, wähnte sich durch diese täuschend echte Beschallung tatsächlich mitten im Kampfgeschehen. Es hörte sich an, als fände alles wahrhaftig direkt neben einem statt: die haarsträubenden Schreie der Mann gegen Mann Kämpfenden, die darüber kreisenden Hubschrauber, das Keuchen, die Schüsse, die Schritte im trockenen Laub, das nervöse Gelächter, der Wind, die von Regen und Sturmböen geschüttelten Blütenblatter, das geheimnisvolle Rauschen des Waldes, sich entfernendes Gewittergrollen, alter Schlachtenlärm, durch die Luft zischende Bajonette, Schüsse, Explosionen, Kugelhagel ... Leseprobe

Zwischen Ernst und Satire

Vila-Matas hat mit "Kassel: eine Fiktion" einen halb ernsthaften, halb satirischen Essay über die moderne Kunst geschrieben. Die Rahmenhandlung ist ein "McGuffin" - ein Begriff, der öfter fällt. McGuffin heißt ein Handlungselement, das eine Entwicklung in Gang setzt, für den späteren Verlauf aber völlig unbedeutend bleibt. Hitchcock war ein Meister des McGuffin und er war auch ein Meister des Suspense.

Hier, muss man leider sagen, kann Vila-Matas nicht ganz mithalten. Seine Beschreibungen sind voll Humor, seine Beobachtungen sind fein. Aber dafür, dass er so tut, als sei es geradezu ein Thriller, zu ergründen, was es mit der Avantgarde heute auf sich hat, zieht sich seine Fiktion doch ziemlich in die Länge. Gleichsam in Echtzeit versucht der Autor zu vermitteln, was er selbst in Kassel gelernt zu haben glaubt: "... dass Kunst immer etwas ist, das uns widerfährt, dass die Kunst vergeht wie das Leben und das Leben wie die Kunst?"

Kassel: eine Fiktion

von
Seitenzahl:
300 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Die Andere Bibliothek
Bestellnummer:
978-3-847-70388-4
Preis:
42,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 09.06.2017 | 12:40 Uhr

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