Stand: 16.11.2015 08:00 Uhr

NDR Kultur Sachbuchpreis für Christoph Reuter

Die schwarze Macht - Der 'Islamische Staat' und die Strategen des Terrors

Spätestens seit den verheerenden Anschlägen von Paris ist der sogenannte "Islamische Staat" noch stärker in das Bewusstsein der Europäer gerückt. Der blutige Terror dieser fanatischen Organisation ist nicht mehr allein auf Syrien und den Irak beschränkt.

Interview

"Das ist exakt, was der "IS" sich wünscht"

Christoph Reuter, Journalist und Autor des Buchs "Die Schwarze Macht - Der 'Islamische Staat' und die Strategen des Terrors", spricht über die Taten und das Kalkül des "IS". mehr

So erhält die Entscheidung der NDR Kultur Sachbuchpreis-Jury, Christoph Reuters Recherche über den "Islamischen Staat" auszuzeichnen, eine beklemmende Aktualität. In dem herausragenden Buch über diese "Schwarze Macht" entlarvt Christoph Reuter die Strukturen und Hintermänner des sogenannten "Islamischen Staates" und zwar fundiert und exzellent recherchiert. Besonders nach dem 13. November enorm wichtig. Die Entscheidung der Jury fiel wenige Tage vor den brutalen Mordanschlägen, die man sich in dieser Brutalität und Grausamkeit nicht hätte vorstellen können. Die Aufklärung über die Hintergründe dieser islamistischen Organisation hat eine neue, traurige Relevanz bekommen.

Der IS unter der Lupe - eine Rezension von Claas Christophersen

Bild vergrößern
Christoph Reuters Buch ist eine tiefergehende Analyse des sogenannten "Islamischen Staats".

Seit eineinhalb Jahren ist der "Islamische Staat" allgegenwärtig in den deutschen Medien. Brutal, fanatisch und extrem erfolgreich - so werden die selbst ernannten Gotteskrieger präsentiert, und so wollen sie sich wohl auch selbst gerne sehen. Was in der Atemlosigkeit des Geschehens und der Berichterstattung untergeht, ist eine tiefergehende Analyse dieser neuen Generation von Dschihadisten. "Spiegel"-Korrespondent Christoph Reuter hat sie vorgelegt. Den erstaunlichen Erfolg der Organisation erklärt er vor allem mit deren Flexibilität.

"Zerlegt man den kometenhaften Aufstieg des IS (…) in einzelne Schritte (…) so offenbart sich das hochflexible, präzise eingesetzte Strategiearsenal einer Organisation, die Fanatismus als Methode der Mobilisierung einsetzt, wechselnde Zweckallianzen auch mit erklärten Feinden eingeht und dabei äußerst rational agiert. Scheinbar mühelos gegensätzliche Elemente vereinend, passt sich der IS stets aufs Neue an seine Umgebung an, tritt auf wie ein mutierender Virus." Leseprobe

Einblicke in ein Terrorsystem

Noch nie haben Islamisten so große Gebiete erobert wie der IS. Dafür braucht es keine Predigten, sondern Geld, zum Beispiel aus Schutzgelderpressungen oder Spenden, die aus Saudi-Arabien kommen - und es braucht eine rigide Organisation. Christoph Reuter belegt dies mit den handgeschriebenen Skizzen für die Expansion des "Islamischen Staates".

Sie stammen nicht von einem Fanatiker, sondern von einem ehemaligen Funktionär der Baath-Partei Saddam Husseins im Irak. Sein Pseudonym: Haji Bakr. 2014 wird der Mann bei einem Gefecht mit Rebellen in Nordsyrien erschossen und hinterlässt Anweisungen, wie ausgewählte Gefolgsleute ihr eigenes Dorf für den IS auszukundschaften haben: "Zähle die machtvollen Familien auf. Finde ihre Einkunftsquellen heraus. Nenne Namen und Mannstärke der (Rebellen-)Brigaden im Dorf. Eruiere ihre illegalen Aktivitäten, mit denen wir sie im Bedarfsfall erpressen können", zitiert Reuter aus den Papieren.

Angst als Waffe

Bild vergrößern
Gegen die Strukturen des IS sehen Al Kaida und andere islamistische Vorläufer blass aus.

"Stasi-Kalifat" nennt Reuter das Gebilde, das Haji Bakr hier entwirft und das ab 2014 in Syrien und im Irak ganz nach Plan umgesetzt worden sei. Dazu gehört, dass es in den Verwaltungsstrukturen des "Islamischen Staates" stets Personen gibt, die die anderen politischen Führer ausspionieren - und sie bei Bedarf auch exekutieren. Al Kaida und andere islamistische Vorgänger sehen dagegen blass aus."Nüchtern gesehen waren sie religiöse Romantiker, die in ihrer Illusion über das revolutionäre Potenzial der Massen den europäischen Linksterroristen der siebziger Jahre ähnelten", schreibt er.

"Schwarze Macht" entzaubern

Im Juni 2014 überrollt der IS große Teile Syriens und Iraks, nimmt die irakische Millionenmetropole Mossul ein, vertreibt und massakriert im irakischen Sindschar-Gebirge die religiöse Minderheit der Jesiden. Die Grausamkeit ist wohlkalkuliert und bestimmt auch den Alltag im ausgerufenen "Kalifat". Das zeigen Christoph Reuters akribische Recherchen. Vor allem aber liegt der Aufstieg des IS in den Fehlern und Verfehlungen "der anderen" begründet.

Der Journalist schlüsselt im längsten Kapitel seines Buches genau auf, wie das Regime des syrischen Diktators Assad sogar mit dem IS kooperierte. Damit trägt Reuter viel dazu bei, die "schwarze Macht" zu entzaubern. Mit religiösen Fundamentalismus allein wäre sie wohl niemals so weit gekommen.

Weitere Informationen

Christoph Reuter: "Der "IS" ist eben nicht unter Druck"

NDR Kultur: Journal plus

Der Islamismusexperte und NDR Kultur Sachbuchpreisträger 2015 Christoph Reuter erklärt im Gespräch mit Martin Tschechne, welche Schlüsse er aus den Anschlägen von Paris zieht. mehr

Die schwarze Macht - Der 'Islamische Staat' und die Strategen des Terrors

von
Seitenzahl:
352 Seiten
Verlag:
Deutsche Verlags-Anstalt
Preis:
19,99 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 13.11.2015 | 19:00 Uhr