Stand: 21.07.2017 12:40 Uhr

Zwischen Ideal und Satansanbetung

Les Fleurs du Mal - Die Blumen des Bösen
von Charles Baudelaire Baudelaire, neu übersetzt von Simon Werle
Vorgestellt von Tobias Wenzel


Er war ein Dandy, hatte Syphilis, nahm Drogen und trank zu viel Alkohol. Vor allem aber war er einer der größten Dichter aller Zeiten: Charles Baudelaire. Als Mitte des 19. Jahrhunderts sein Gedichtband "Die Blumen des Bösen" erschien, jubelte ihm zwar Victor Hugo zu, aber die meisten Zeitgenossen erkannten nicht, was dieser Dichter da geschaffen hatte. So blieb Baudelaire für sie vor allem ein guter Kunstkritiker und der herausragende Übersetzer von Edgar Allan Poe.

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Charles Baudelaire wurde 9. 4. 1821 in Paris geboren. Für sein Werk "Les Fleurs Du Mal" erhielt er seinerzeit einen Strafprozess wegen Beleidigung der öffentlichen Moral.

Den mit seinem Hauptwerk verbundenen Ruhm konnte Baudelaire nicht mehr miterleben. Stattdessen musste er erfahren, wie einige seiner Gedichte zensiert und er für sie mit einer hohen Geldstrafe belangt wurde. "Die Blumen des Bösen" liegt hier in einer Neuübersetzung von Simon Werle vor.

 "L'Ennui", der "Überdruss", dieses "feinsinnige Monster", ist das Gefühl, von dem Charles Baudelaire in seinem einleitenden Gedicht zu seinem Band "Die Blumen des Bösen" behauptet, es verbinde ihn und den Leser.

Darin und in der Heuchelei seien sie Brüder.

Lasterhaftigkeit gegen höheres Ideal

"Die Blumen des Bösen", zuerst 1857 erschienen, ist das Zeugnis eines Dichters, der eingesteht, dass er nicht nur hehren Idealen nachstrebt, sondern oft auch radikal dem Laster und den Lüsten frönt, dem Makabren und Seltsamen, faustisch mit den dunklen Mächten einen Pakt eingeht oder sich melancholisch bis zur Todessehnsucht treiben lässt:

[…] "Da gibt es die, die niemals kennenlernten ihr Idol, Und diesen Bildhauern, verfemt, mit einem Mal geprägt, Deren geballte Faust auf Brust und Stirne schlägt, Bleibt einzig eine Hoffnung, ihr bizarres, düsteres Kapitol: Dass er, der sie wie eine neue Sonne überschwebt, Der Tod, die Blumen ihres Hirns in die Entfaltung hebt! " Leseprobe


Schon dieser Auszug aus dem Gedicht "Der Tod der Künstler" zeigt die Stärken und Schwächen von Simon Werles Neuübersetzung.

Neue Übersetzung dichter am Original

Während Stefan George und andere Übersetzer Baudelaire sich so zurechtbogen, dass es ihrem oft einseitigen Bild, das sie von ihm hatten, entsprach, bleibt Werle vorbildlich dicht an der französischen Vorlage dran und zeigt Baudelaire in seinen präzisen, bildreichen Gedichten so, wie er war: zerrissen und schwankend zwischen Licht und Dunkelheit.

Allerdings hat sich Werle für das Korsett von Reim und Versmaß entschieden und sich so selbst das Leben schwer gemacht. Die Sprache wirkt des Reimes wegen oft antiquiert. "Gefilde" steht dann da zum Beispiel und nicht das schlichte Wort "Landschaft", das dem französischen "paysage" entspricht. Um im Versmaß zu bleiben, schreibt Werle "ohn" statt "ohne" und liefert immer wieder unnatürliche Wortstellungen.

Seelenachterbahn mit Baudelaire

Das erschwert dem Leser das Verständnis. Und wer des Französischen mächtig ist und in dieser zweisprachigen Ausgabe nach links blickt, wundert sich dann, wie einfach doch das Original klingt. Dieses Buch ist aber trotzdem ein Gewinn, und nicht nur für die, die kein Französisch verstehen.

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Der Leser streift mit dem Dichter durch Paris, spricht mit ihm eine Frau an, die zu fröhlich für die düstere Seite der Realität erscheint, und lauscht den damit verbundenen Gewalt- und Sexfantasien. Man hört, wie das lyrische Ich Satan persönlich anbetet. Man fährt mit der Seele Baudelaires Achterbahn, wird in idealistische Höhen katapultiert, um dann mit ihm gemeinsam tief zu fallen. Wie "Der Albatros", der im gleichnamigen Gedicht von Matrosen gefangen wird.

[…] Wie ist er plump und lahm, dieser geflügelte Trabant! Er, jüngst so schön, wie lachhaft hässlich in der Schmach! Der eine sengt den Schnabel ihm mit Pfeifenbrand, der andre äfft das Wrack, das flog, mit Hinken nach! Der Dichter gleicht dem Prinzen auf der Wolken Thron, Der jedes Schützen lacht und haust im Sturmeswehen; Verbannt zu Boden und umbuht von lautem Hohn, Verwehren seine Riesenschwingen ihm das Gehen. Leseprobe

"Die Blumen des Bösen", dieser Vorläufer der modernen Lyrik, das Buch, für das Charles Baudelaire einst strafrechtlich verfolgt wurde und das zu seinen Lebzeiten kaum jemand schätzte, ist nun auf Deutsch neu zu entdecken. Wer das Leben in seiner tiefen Widersprüchlichkeit nachempfinden will, dem sei, trotz der Schwächen der Übersetzung, diese zweisprachige Ausgabe empfohlen.

Les Fleurs du Mal - Die Blumen des Bösen

von
Seitenzahl:
528 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Rowohlt
Bestellnummer:
978-3- 498-00677-8
Preis:
38,00 €

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