Stand: 18.01.2016 19:51 Uhr

Selbstporträt eines Übergewichtigen

Weil ich ein Dicker bin
von Bertram Eisenhauer
Vorgestellt von Gabriele Denecke
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Bertram Eisenhauers Buch "Weil ich ein Dicker bin" ist eine schonungslose Offenbarung einer Sucht.

Bertram Eisenhauer ist Redakteur bei der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", er ist charmant, klug und sprachgewandt - in seinen Artikeln versucht er, seinen Lesern die Zusammenhänge dieser Welt zu erklären. Aber es gibt etwas auf dieser Welt, das kann Eisenhauer weder seinen Lesern noch sich selbst erklären: Er wiegt fast 180 Kilogramm und er schafft es einfach nicht, von seinem massiven und krankmachenden Übergewicht loszukommen.

Ich war ein pummeliger Teenager, ich war ein dicker Student, ich bin ein adipöser Erwachsener. Eines Tages bin ich einfach aufgeplatzt. Wie eine Bratwurst, der es in der Pfanne zu heiß wird. Was eben so passiert, dachte ich, wenn ein Körper alle Maße sprengt. Die Bauchwand reißt. Also schnitten sie mich auf, pflanzten ein Netz aus Kunststoff ein, klammerten mich wieder zu. Leseprobe

 

Dicksein führt zu Einsamkeit

Dicksein macht einsam. Denn wo kannst du schon noch hingehen, wenn dir nach 200 Metern die Puste ausgeht? Eisenhauer hat es mit einer Diät versucht, um in die Gemeinschaft der Lebenden zurückzukehren. 52 Wochen lang hält er durch. Die Erfahrungen seines Selbstversuchs schreibt er auf. Mit dem Nahrungsersatzpulver in den Geschmacksrichtungen Schoko, Erdbeere, Vanille aus dem Abnehmprogramm verliert das Leben für Eisenhauer aber seinen Reiz.

"Das ist eigentlich albern", sagt er. "Ich komme mit dem Essen nicht zurecht. Hat man schon mal von Leuten gehört, die sagen: 'Ich atme nicht richtig'? Aber dieses Essen hat eine derartige Verführungskraft, es hilft einem bei so vielen verschiedenen Dingen. Wenn's einem nicht gut geht: Das Essen hilft. Wenn man was feiern will: Das Essen hilft. Wenn einem langweilig ist: Das Essen hilft. Viele Leute sagen: 'Wenn du so darunter leidest, dann iss doch einfach mal eine Pizza weniger.' Aber man macht sich nicht klar, was das für ein verführerisches Monster ist."

Übergewicht als Zeichen mangelnder Selbstbeherrschung?

Der Heißhunger auf Rollmöpse, Hamburger oder Bockwurst treibt ihn wieder um. Tankstellen werden zu leuchtenden Rettungsinseln der Hungrigen in der Nacht. Doch auf die Straße zu gehen, bedeutet auch immer zu sehen, dass er aus der Norm fällt. Jeder Hosenkauf macht Übergewichtigen die Abnormität ihrer Erscheinung klar. Eisenhauer passt in keine Umkleidekabine. Und wenn doch, sieht er im Spiegel seinen Körper als Beweis seiner mangelnden Selbstbeherrschung. Er hat sich nicht im Griff. 

"Dicke sind undiszipliniert, sie sind faul. Das sind so Klischees, die, glaube ich, dadurch entstanden, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der jeder immer sein Optimum geben muss", sagt er. "Man muss an sich arbeiten, und wer nicht an sich arbeitet, der macht irgendwas falsch. (...) Und dem Dicken sieht man auch an, oder glaubt man auch ansehen zu können, dass er irgendwas falsch macht.

Eisenhauer schreibt über sein Scheitern

Bertram Eisenhauer macht sein Dicksein trotzdem öffentlich. In einer wöchentlichen Kolumne in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" schreibt er über seine Scham, über das Vertuschen und Verheimlichen seiner Sucht und darüber, dass er am Ende des Jahres sein Ziel, 40 Kilo abzunehmen, nicht geschafft hat. Ein Buchkapitel widmet er dem großen Selbstvernichter Elvis Presley - in seinen späten Jahren eine clowneske, aufgedunsene Figur. Trotzdem konnte sein Körperfett seine Brillanz und sein Charisma niemals ganz ersticken.

"Was das Dramatische an dem Übergewicht ist, ist, dass man sich selber so ruiniert", sagt Eisenhauer. "Dass man es zumindest zulässt, dass dieses Problem mit so etwas scheinbar Einfachem wie dem Essen, einem das ganze Leben so verkorkst und vermurkst."

Durchschnittsmenschen können auf solche Erleichterung nicht hoffen. "Weil ich ein Dicker bin" ist die schonungslose Offenbarung einer Sucht und ihrer Folgen. Mit Selbstironie und Wehmut erzählt Bertram Eisenhauer von dem Versuch, sie in den Griff zu bekommen und seinem Scheitern.

Weil ich ein Dicker bin

von
Seitenzahl:
336 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
C. Bertelsmann
Veröffentlichungsdatum:
25.01.2016
Bestellnummer:
978-3-570-10218-3
Preis:
19,99 Euro €

Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 18.01.2016 | 22:45 Uhr

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