Stand: 01.09.2015 15:08 Uhr

Ein Sommerroman-Autor auf Abwegen

von Heide Soltau
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Der Schweizer Schriftsteller Rolf Lappert hat Hamburg zum Schauplatz seines neuen Romans "Über den Winter" gemacht.

Die Idee hatte Rolf Lappert lange. Eine seiner Geschichten sollte irgendwann in Hamburg spielen. "Die Stadt hat etwas", sagt er. Das habe er sofort gespürt, als er sie bei seinem ersten Besuch stundenlang zu Fuß durchstreifte. "In Hamburg liegt ganz viel nebeneinander", so Lappert. "Das Gutbürgerliche und das Völkergemisch mit Asia Grill, Handy-Laden, heruntergekommenen Hotels und African-Beauty-Shop."

Der Sonne entgegen

Lappert, 1958 in Zürich geboren, ist ein jungenhafter Typ, lässig gekleidet mit Jeans, T-Shirt und einem zerknittertem Sakko. Man kann ihn sich gut vorstellen, wie er auf Turnschuhen durch Wilhelmsburg schlendert, wo sein neuer Roman "Über den Winter" spielt. Ein schmaler Mann mit grauen verstrubbelten Haaren und einer auffälligen Kummerfalte zwischen den Augen. Kummerfalte, er lacht, als er das Wort hört.

Aber vielleicht verdankt sich die Kerbe auch nur der Sonne, die er früher so gern gesucht hat. "Zwischen 25 und 35 war ich jeden Winter in Asien unterwegs und habe dort von Oktober bis April billig gelebt", erzählt er. Im Gepäck seine Schreibmaschine, Marke Hermes Baby, auf der er "unter einer Palme sitzend" seine Texte geschrieben hat. Und wenn ein Stück fertig war, ging er in den nächsten Copyshop, vervielfältigte es und schickte es sich nach Hause in die Schweiz. "Das war der Memorystick der frühen Jahre." Arbeiten kann er überall, nur ruhig muss es sein. Lärm lenkt ihn ab, deshalb hat er stets Ohropax dabei.

Bislang spielten alle Romane im Sommer

Sein Sonnenhunger hat auch literarisch Spuren hinterlassen. Lapperts Romane spielten bislang alle im Sommer, seine Protagonisten trugen T-Shirt und gingen schwimmen.  Deshalb wollte er diesmal unbedingt einen Winterroman schreiben. Es sollte dunkel sein und klirrend kalt und die Leute sollten ordentlich frieren. So kam er auf Hamburg. Dass es dort nur selten strenge Winter gibt und schneit und die Alster auch nur selten zufriert wie in seinem Roman, scheint ihm entgangen zu sein. Aber vielleicht wirkt das typische feucht-kalte Schmuddelwetter weniger inspirierend.

In der Mitte der Schweiz aufgewachsen

Aufgewachsen ist Lappert in Olten, in der Mitte der Schweiz, wie er betont. Jeweils 60 Kilometer von Basel, Zürich, Bern und Luzern entfernt. Im selben Haus wie Alex Capus. Den kenne er seit seinem fünften Lebensjahr. Aber Kumpels seien sie nicht gewesen, was vielleicht am Altersunterscheid gelegen habe. Sein Schriftstellerkollege ist vier Jahre jünger als er.

Befreundet sind sie auch heute nicht, haben aber ein herzliches, gutes Verhältnis  zueinander. So beschreibt es Lappert. Er gehe öfter mal in die Bar, die Alex Capus in Olten betreibt und lese dessen Bücher. "Natürlich", sagt er, "natürlich lese ich die." Ob Capus auch seine Romane kennt? "Das weiß ich nicht". Mehr ist ihm nicht zu entlocken.

Der blaue Finger

Lappert ist ein Spätentwickler. Für seinen Roman "Nach Hause schwimmen" bekam er 2009 den Schweizer Buchpreis. Die Geschichte des Jungen namens Wilbur, der mutterlos aufwächst und durch Welt zieht, um seinen Vater zu suchen, schaffte es auch in Deutschland auf die Shortlist des Buchpreises, unterlag dann aber Uwe Tellkamps DDR-Opus "Der Turm".

Geschrieben hat er schon früher, sein erster Roman erschien 1982. Auf den großen Erfolg jedoch musste er lange warten und legte zwischenzeitlich sogar eine schriftstellerische Pause ein. Zusammen mit einem Freund hat er zehn Jahr lang einen Jazzclub betrieben, für den sie ein altes Kino umgebaut haben. "Hier", sagt er und zeigt auf den Stützverband am rechten Handgelenk. "Das sind die Folgen". Eine hartnäckige Sehnenscheidenentzündung macht ihm seitdem zu schaffen. Beim Tippen geht es zum Glück, doch sobald er länger als ein paar Minuten mit der Hand schreibt, wie beim Signieren, schmerzt das Gelenk.

Und der linke blaue Zeigefinger? Lappert lacht. "Da habe ich mir nur mit dem Hammer drauf gehauen." Er baut sich gerade ein Haus in der Schweiz in Zofingen, in der Nähe seiner Eltern.

Solidarität und Familie

Nach Jahren des Reisens und Herumstromern in der Welt und einer Zeit in Irland ist er Ende 2011 in die Schweiz zurückgekehrt. Das habe auch etwas mit dem Älterwerden zu tun. Seine Eltern sind über 80, beide noch sehr fit, aber das könne sich ändern. "Man merkt ja auch selbst, dass körperlich nicht mehr alles funktioniert. Fußballspielen geht nicht mehr."

Das Thema beschäftigt Lappert schon lange. In dem Jugendbuch "Pampa Blues" erzählt er von einem demenzkranken Großvater und seinem Enkel, der von der großen weiten Welt träumt. Auch Lennard Salm, der Künstler und Protagonist seines neuen Romans, sieht sich mit dem Problem konfrontiert. Soll er sein bindungsloses Leben weiterführen, das sich um die Kunst und seine persönliche Freiheit dreht oder soll er sich um seinen alten, hilfebedürftigen Vater kümmern? Beide, der Enkel und der Künstler, entscheiden sich für die Familie. Beide übernehmen Verantwortung.

Der Künstler und sein Engagement

Darum gehe es ihm, sagt Lappert. Um eine Welt, in der Empathie und Solidarität  die Beziehungen der Menschen prägen. In der man sich nicht nur um Familienmitglieder kümmert, sondern Verantwortung für die Nachbarschaft und den Ort übernimmt, in dem man lebt. "Also, dass man im Kleinen versucht, die Welt einigermaßen erträglich zu machen, indem man sich gegenseitig hilft." 

Lappert lebt seit vielen Jahren allein. Er kennt die Probleme des Künstlerdaseins nur zu gut und weiß, was das für andere Menschen bedeutet. "Als Schriftsteller muss ich reisen können und frei sein - und die Möglichkeit haben, mich zwei, drei Jahre in einen Roman zu versenken."  Das sei tödlich für eine Liebesbeziehung und niemandem zuzumuten.

Aber Verantwortung für andere übernehmen könne man trotzdem, glaubt er. Mit der Rückkehr in die Schweiz hat er seiner Familie signalisiert: Ich bin da.

Weitere Informationen

NDR Buch des Monats: "Über den Winter"

In "Über den Winter" erzählt Rolf Lappert, wie sich ein fast 50-jähriger Mann vom egoistischen Künstler zum liebevollen Menschen wandelt. Ort der Handlung ist Hamburg-Wilhelmsburg. mehr