Stand: 22.09.2015 12:00 Uhr

Die erschreckenden Folgen der Erreichbarkeit

Digitaler Burnout
von Alexander Markowetz
Vorgestellt von Mayke Walhorn

Handy-Nacken, so werden Verspannungen heute immer öfter beschrieben, weil viele Menschen ständig mit gesenktem Kopf umhergehen, um ihr Smartphone zu betrachten, SMS schreiben, E-Mails oder die in den letzten Minuten eingegangenen Anrufe checken. Mit einer App untersuchen Wissenschaftler das Handynutzer-Verhalten und welche Folgen es hat. 

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Die Folge der ständigen Erreichbarkeit durch Smartphones ist der digitale Burnout, meint der Wissenschaftler Alexander Markowetz.

Ob im Bus, im Restaurant oder auch beim Spaziergang:  Es düdelt und düdelt - und wir gehen ran. Unser Smartphone ist zum ewigen Begleiter in unserem Leben geworden. Und das ist ein nicht zu unterschätzendes Problem, sagt der Informatikprofessor Alexander Markowetz: "Die Smartphones sind so nicht für uns geschaffen!" Gemeinsam mit Kollegen entwickelte der Wissenschaftler eine App, mit der aufgezeichnet und untersucht wird, wie und wie häufig wir mit unserem Handy beschäftigt sind - und welche Folgen das für uns haben kann.

Kontrollieren wir unser Handy - oder es uns? Fragen, die sich auch viele Nutzer gestellt haben: Mehr als 300.000 Menschen haben die App, die seit dem vergangenen Jahr erhältlich ist, auf ihr Handy geladen. Das Verhalten von mehr als 60.000 von ihnen haben die Wissenschaftler bereits analysiert - mit erschreckenden Ergebnissen: "Die Smartphones haben zu einem ganz neuen Zustand in unserer Gesellschaft geführt", sagt Markowetz. "Es ist ein ziemlich dämlicher Zustand: der digitale Burnout. Mit den ganzen Unterbrechungen durch diese Handys, schaffen wir es, die Quelle für Produktivität und Glück ganz zu eliminieren!"

Ständige Unterbrechungen im Tagesablauf

Über den digitalen Burnout hat Markowetz nun auch ein Buch geschrieben. In ihm berichtet der Wissenschaftler, wie die Handynutzung zu einer ständigen Unterbrechung in unserem Tagesablauf geführt hat. Alles vor dem Hintergrund der fast beängstigenden Daten, die er und seine Kollegen durch die Zählungen und Recherchen mit der App sammeln konnten.

"Wir schalten den Bildschirm unseres Smartphones durchschnittlich 88 Mal am Tag ein. 35 Mal davon schauen wir auf die Uhr oder sehen nach, ob eine Nachricht eingegangen ist - eine geringfügige Unterbrechung. Doch die restlichen 53 Mal entsperren wir tatsächlich das Handy, um mit ihm zu interagieren, also E-Mails zu schreiben, Apps zu benutzen oder zu surfen."  Leseprobe

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Den Kick, der durch das Smartphone verursacht werden kann, vergleicht Markowetz mit dem, was am Glücksspielautomaten passiert.

Aus welchem Grund auch immer - im  Schnitt unterbrechen wir alle 18 Minuten am Tag die Tätigkeit, mit der wir gerade beschäftigt sind, so die Erkenntnis der wissenschaftlichen Untersuchung. Ergebnisse, die Markowetz und seine Kollegen erschreckt haben: "Wir konnten das nicht begreifen, warum wir das machen. Es ist unproduktiv, es macht uns nicht glücklich! Aber wir tun es trotzdem: E-Mails checken, etwas in WhatsApp anklicken. Und das ist tatsächlich eine spezielle Form der Internetsucht. Der Mechanismus, der da abläuft, ist ein sogenannter dopaminärer Prozess. Es ist genau das Gleiche, was am Glücksspielautomaten passiert: Der Überraschungsmoment löst einen Dopamin-Schub aus - und Dopamin ist ein Hormon der Glückserwartung!"

Soziales Leben hat sich massiv verändert

Das Hormon einer Glückserwartung - aber keines des Glücklichseins, betont der Wissenschaftler. Nicht zuletzt habe sich auch unser soziales Leben massiv verändert: "Wir haben Kulturtechniken, wir haben eine Etikette, wie wir miteinander umgehen. Die muss sich natürlich an den technischen Fortschritt anpassen. Dieser war aber so abrupt, dass wir überhaupt nicht hinterherkamen. In den 80er-Jahren galt noch: Zwischen 12 und 15 Uhr ruft man niemanden an. Das war ganz klar! Aber heute kann ich Ihnen nachts um 23.30 Uhr eine WhatsApp schicken. Wir haben mit den Smartphones innerhalb von fünf Jahren unsere Freundschaften, unsere Beziehungen und unser Freizeitverhalten auf den Kopf gestellt!"

Wissenschaftler rät zur Reduzierung der Handynutzung

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Jugendliche schicken sich gegenseitig täglich mehrere Hundert Kurznachrichten - und "zerschießen sich so den ganzen Tag", sagt Markowetz.

Ob Veränderungen im Umgang miteinander oder ständige Unterbrechungen im Tagesablauf und damit auch weniger Zeit für Ideen, Kommunizieren ohne Handy, Glücklichsein oder Produktivität: "Der digitale Burnout ist die Folge", sagt Markowetz. Um das zu verhindern, rät er zu einer Handy-Diät. Die Handys ließen sich nicht mehr abschaffen, aber ihre Nutzung sollten wir so weit es geht reduzieren, meint der Wissenschaftler. "Kaufen Sie sich eine Uhr, kaufen Sie sich einen Wecker", sagt Markowetz und nennt ein krasses Beispiel: "Wenn beispielsweise zwei 14-jährige Mädchen miteinander vereinbaren könnten, jeden Tag nur drei Stunden miteinander zu telefonieren, wäre das ein Riesenerfolg! Denn von den 16 Stunden, die sie am Tag nutzen können, wären noch 13 übrig. Wenn die beiden eine solche Absprache nicht treffen, schicken sie sich 500 WhatsApp-Nachrichten hin und her - und zerschießen sich den ganzen Tag."

Je früher so eine Handy-Diät beginne, desto besser, weiß Markowetz. Plötzlich klingelt mitten im Gespräch sein Mobiltelefon. "Oh, Entschuldigung! Ich muss da mal...", sagt er auf sein Handy blickend - und fügt sofort energisch hinzu: "Nein, ich muss da nicht rangehen! Ich muss es nur leise stellen!"

Digitaler Burnout

von
Seitenzahl:
224 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Droemer
Veröffentlichungsdatum:
01.10.2015
Bestellnummer:
978-3-426-27670-9
Preis:
19,99 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 22.09.2015 | 06:55 Uhr

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