Stand: 11.06.2015 10:15 Uhr  | Archiv

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von Oliver Vorwald
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Das Kirchenlexikon - A wie Abschiedsriten

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"Als mein Großvater gestorben ist, hat meine Oma ganz seltsame Dinge getan. Sie hat mit einem Tuch den Spiegel im Schlafzimmer verhüllt und anschließend das Fenster geöffnet. Ich habe mich nicht getraut, sie darauf anzusprechen. Wozu ist das gut?"

Stille. Mit einem Mal ist sie da, steht förmlich im Raum. Kein Atemzug mehr zu hören. Nur die Wanduhr läuft leise weiter. Dann greift einer hinein, stoppt das Pendel. Auch das Ticken erstirbt. Noch so eine Sitte im Trauerhaus. Ich habe sie selbst erlebt. Vor allem die Leute auf dem Land kennen noch solche Abschiedsriten. Die älteren unter ihnen können deren vermeintlichen Sinn meist sogar erklären.

Riten ohne christlichen Ursprung

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Durch ein geöffnetes Fenster kann die Seele den Raum verlassen.

Das Öffnen des Fensters beispielsweise soll wie eine Tür zum Paradies funktionieren. Durch sie kann die Seele das Sterbezimmer verlassen, in die Ewigkeit wandern. Um diese Wanderung zu unterstützen, wird die Zeit angehalten. Dahinter steckt die Sorge, der Verstorbene könne sonst keine wirkliche Ruhe finden. Das Verhüllen des Spiegels wiederum funktioniert wie ein "Schutzzauber". Wird dieser unterlassen, folgt im Trauerhaus womöglich ein zweiter Todesfall - munkeln die Alten. Um es klipp und klar zu sagen: Diese Riten weisen zwar eine jahrhundertealte Tradition auf. Aber sie gehören in den Volksglauben, haben keinen biblischen Bezug geschweige denn einen christlichen Ursprung.

Bei meinem Besuch im Trauerhaus habe ich solche Bräuche dennoch weder untersagt noch verhindert. Abschied ist ein scharfes Schwert. Und das stimmt. Der Tod eines Menschen wiegt schwer, löst ganz viel aus. Gut, wenn es dann feste Rituale gibt. Sie können ein wenig dabei helfen, mit der Stille im Sterbezimmer umzugehen. Einen Einfluss auf das Seelenheil haben sie allerdings nicht. Weder für den Verstorbenen noch die Angehörigen. Das ist mir als Pastor sehr wichtig.

Literatur zum Thema

Andreas Fahl/Alheidis von Rohr
Lebenslauf- und Lebensfeste: Geburt, Heirat, Tod.
Historisches Museum,1994

Antje Krumrey
Sterberituale und Todeszeremonien: Ihr Wandel in der Zeit.
Viademica-Verlag, 1997

Gott weist den Weg ins Paradies

Alle Zeit steht in Gottes Händen, sagt die Bibel (Psalm 31,15). Das Buch der Bücher beschreibt Christus als den Herrn dieser Welt und der Ewigkeit. Nach dem Tod eines Menschen kann das Fenster also genauso gut verschlossen bleiben. Der Spiegel muss nicht verhüllt werden. Die Wanduhr darf ruhig weiter laufen und ticken. Gott allein öffnet den Weg zu sich - ins Paradies.

Mehr aus dieser Sendereihe lesen Sie in: "Noch eine Frage, Herr Pfarrer. 111 himmlische Antworten", LVH, 2010.

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