Das Interview mit Michael Schmidt
Die Langversion des Interviews mit dem Fernsehjournalisten von "NDR".
Video starten (30:52 min)Friedlich sieht es wieder aus, schön ordentlich und sauber. In Rostock-Lichtenhagens Sonnenblumen-Häusern, die vor 20 Jahren auf so traurige Weise Berühmtheit erlangt haben. Auch Journalisten waren damals dabei als Deutschland mal wieder seine hässliche rassistische Fratze zeigte. Aber es war keine Sternstunde des Journalismus. Nur die wenigsten Medien beschäftigten sich mit den Opfern. Im Gegenteil, viele hatten die ausländerfeindliche Stimmung im Vorfeld sogar mit angeheizt.Gehwegplatten als Wurfgeschosse, pöbelnde Anwohner, ein meuternder Mob. Was das wiedervereinigte Deutschland in Rostock-Lichtenhagen erlebte: einfach hässlich.
Ein Film von Lida Askari und Ada von der Decken.
Der NDR Fernsehredakteur Michael Schmidt erinnert sich: "Mir war schlecht. Meine Rolle als Journalist hab ich gar nicht so gesehen. Ich hab meine Rolle als normaler Mensch eher gesehen. Ich war entsetzt über das, was sich da abgespielt hat. Ich wollte es nicht glauben. Diese üble, dumpfe rassistische Stimmung, hab ich so noch nie erlebt. Noch nie so hautnah."
Spätestens als das angrenzende Wohnheim in dem sich über 100 Vietnamesen aufhalten, in Brand gesteckt wird, sind alle Medien vor Ort. An der Stimmung, die sich an diesem Tag in Rostock-Lichtenhagen entlädt, hatten Journalisten auch vorher ihren Anteil.
Die Ostseezeitung zitiert: "Schlepperbanden bringen die nächsten" (06.08.1992). Zu Wort kommen besorgte Anwohner: "Die Asylanten schlafen vor unserem Fenster. Wir haben Angst." Klischees ohne Einordnung: Von Diebstählen durch rumänische Zigeuner ist die Rede.
"Wenn man in die Lokalzeitungen guckt, in die Rostocker Lokalzeitungen, dann hat man schon den Eindruck, dass da eine Stimmung gemacht worden ist.", beschreibt der Fernsehjournalist Jochen Schmidt.
Vorurteile werden bedient , Ängste geschürt. Die Norddeutschen Neuesten Nachrichten kündigen eine "heiße Nacht an" (Norddeutsche Neueste Nachrichten. 19.08.1992) und schreiben, dass eine "Bürgerwehr" endlich "aufräumen will". Die Quelle anonym.
Michael Schmidt, Fernsehredakteur des NDR, kritisiert: "Ich denke mal ich kann mich nicht gemein machen als Journalist mit solchen Absendern und dann einfach sagen "ja, das ist nun mal die Bürgermeinung", ich denke mal das ist immer so die Haltung gewesen."
Sogar der Spiegel titelt im April 92: "Asyl - die Politiker versagen" (April 1992)
Michael Schmidt beschreibt das Titelbild der Ausgabe: "Man hat nur eine unüberschaubare, große Menge gesehen, die alle irgendwie durch eine Tür, durch ein Tor alle nach Deutschland rein. So, den armen Deutschen, den blonden wenn es geht hat man gar nicht mehr gesehen. Man hat nur diese unüberschaubaren fremden Menschenmassen gesehen, die uns erdrücken, und verschlingen, ja - uns zusetzen."
Deutschland als Arche Noah. In diesem "Spiegel"-Titel drängen alle auf das Schiff, das schon viel zu voll ist. Flüchtlinge, Aussiedler, Asylanten: Ansturm der Armen. (09.09.1991)
Der Migrationsforscher Yasar Aydin hält das für keinen Einzelfall: "Also, Deutschland als Insel wurde dargestellt, sei es durch Bilder, aber auch durch die Symbole durch Metaphern, Welle, Asylantenwelle. Man sprach von Asylantenflut, Naturkatastrophen. Das war sehr bedeutsam für diese Zeit, charakteristisch für diese Zeit."
Fast panisch: Die "Bild"-Titel dieser Zeit. "Fast jede Minute ein neuer Asylant" (2.4.1992), "Asylanten-Flut – Unser Boot ist voll" (Bild, 25.6 .1992) "Asyl: Bonn, tu was." (Bild, 26.09.1991).
In Rostock-Lichtenhagen findet die national emotional geführte Debatte dann ihre Bühne. Und diese Bühne lockt Kamerateams von überall. "Es gibt zahlreiche Fernsehteams, die sich hier versammelt haben, weil sie alle auf Die Unruhe, nach der Ruhe auf den Sturm warten." Heißt es im "ARD Brennpunkt" (25.08.1992).
Zurückblickend sagt Jochen Schmidt: "Das war schon auffällig, dass da viele Leute auf dieser Wiese vor diesem Sonnenblumenhaus waren, viele Kamerateams dort waren und das Haus war mit großen Scheinwerfern angestrahlt, am helllichten Tag. Wir reden über den 24. August also da geht die Sonne doch recht spät unter, da ist eine Bühne bereitet worden damals."
Diese Szenen hat Jochen Schmidt als junger Fernsehjournalist direkt vor Ort erlebt. Die Randalierer suhlen sich in der medialen Aufmerksamkeit, nutzen die Gelegenheit. "Ich bin gefragt worden von einem kleinen Steppke, ob ich Interesse hätte an einem Hitlergruß. 50 DM müsste ich dafür bezahlen und er macht mir den Hitlergruß. So ein 10, 12-Jähriger. Wir haben das nicht getan. Andere haben das getan. Ich weiß von Kollegen, von ausländischen Sendern, die dafür bezahlt haben. Und ich gehe davon aus, dass viel bezahlt worden ist in Lichtenhagen an diesem Abend."
Als Fernsehpraktikant des ZDF ging Jochen Schmidt damals mit Kollegen in das bedrohte Wohnheim der Vietnamesen. Hinterher wurde dem ZDF-Team Sensationsgier vorgeworfen.
Jochen Schmidt: "Als Journalist, natürlich. Ich würde es genau wieder so machen. Denn ich würde mich um die Seite der Opfer kümmern und das ist etwas was ich in Lichtenhagen damals in der Berichterstattung sehr vermisst habe."
Die rechtsextremen Täter hatten Mittäter: aufgebrachte Anwohner und auch Journalisten.
Michael Schmidt meint: "Gut, Medienleute haben keine Steine geworfen, Medienleute haben keine Brandfalschen geworfen, haben nicht auf wehrlose Sinti und Roma eingeschlagen oder Vietnamesen attackiert. Aber Medienleute und das meine ich jetzt nicht auf Rostock bezogen, sondern auf Deutschland, haben mit dazu beigetragen, dass eine fremdenfeindliche Stimmung in der Bundesrepublik Deutschland herrschte."
Rostock
mögen sie Sonnenblumen ? [mehr]