Die Entdeckung der Kernspaltung
6. Januar 1939: Die Fachwelt erfährt von der ersten erfolgreichen Kernspaltung. mehr
"Duck & cover", sang die Zeichentrick-Schildkröte Bert the Turtle im amerikanischen Zivilschutz-Filmchen der 50-Jahre: Wenn die Atombombe fällt, duck dich und halte dir was über den Kopf - zum Beispiel eine Zeitung! Die Supermächte USA und UdSSR wetteiferten um die Entwicklung der Wasserstoffbombe, kraftmeierten mit ihrer neuen Waffentechnik und luden Zuschauer zu Atomtests in die Wüste ein. Grotesk-naiv erscheint aus heutiger Sicht der Umgang mit der atomaren Gefahr zu Beginn des Kalten Krieges.
Konrad Adenauer und Franz Josef Strauß schauen sich 1958 während des Herbstmanövers ein Schützenpanzermodell an.
Auch die Bundesregierung stufte die "Wirkungen dieser furchtbaren Waffe" (Konrad Adenauer) als durchaus beherrschbar ein. War es Naivität oder politische Unverfrorenheit - am 5. April 1957 verkündete Kanzler Adenauer in einem Interview, die taktischen Atomwaffen seien "nichts weiter als die Weiterentwicklung der Artillerie", und natürlich müsste die Bundesrepublik "auch in der normalen Bewaffnung die neueste Entwicklung mitmachen".
Hintergrund dieser brisanten Aussage: Adenauer und sein Verteidigungsminister Franz Josef Strauß wollten taktische, also "kleine" Atomsprengköpfe für die damals noch nicht mal zwei Jahre alte Bundeswehr. Die Bundesrepublik, jüngstes NATO-Mitglied, sollte die von US-Verteidigungsminister Charles E. Wilson ausgegebene "Doktrin der abgestuften Abschreckung" mit umsetzen und sich damit im Atlantikbündnis als gleichberechtigter Partner etablieren.
Otto Hahn, Carl Friedrich von Weizsäcker und Walther Gerlach (v.l.) treffen am 17. April 1957 in Bonn zu einer Unterredung ein.
Die öffentliche Verharmlosung von Nuklearwaffen auf höchster politische Ebene löste in der Wissenschaft Bestürzung aus und rief die "Göttinger 18" auf den Plan. Die westdeutschen Kernphysiker - darunter Otto Hahn, Werner Heisenberg und Carl Friedrich von Weizsäcker - formulierten binnen einer Woche einen Appell, der als "Göttinger Erklärung" vom 12. April 1957 in die Geschichte einging.
Das von Otto Hahns Büro an die Presse lancierte Papier setzte das von den Nuklearwaffen ausgehende Gefahrenpotenzial ins rechte Licht und schloss mit den Worten: "Für ein kleines Land wie die Bundesrepublik glauben wir, dass es sich heute noch am besten schützt und den Weltfrieden am ehesten fördert, wenn es ausdrücklich und freiwillig auf den Besitz von Atomwaffen jeder Art verzichtet. Jedenfalls wäre keiner der Unterzeichneten bereit, sich an der Herstellung, der Erprobung oder dem Einsatz von Atomwaffen in irgendeiner Weise zu beteiligen."
Die "Göttinger Erklärung" sollte den Anstoß für die erste breite außerparlamentarische Opposition in der Bundesrepublik liefern. Sie wirkte als Initialzündung für die Kampagne "Kampf dem Atomtod", die sich mit Unterstützung von SPD, Kirchen und Gewerkschaften allmählich zu formieren begann.
Demonstranten mit Transparenten gegen die Atomrüstung auf einer Maikundgebung 1958.
In einer repräsentativen Meinungsumfrage vom Februar 1958 sprachen sich 83 Prozent der Bundesbürger gegen die Aufstellung atomarer Abschussrampen in Westdeutschland aus. Trotzdem beschloss der Bundestag am 25. März 1958 nach hitzigen Debatten, die Bundeswehr mit Trägersystemen für Atomwaffen auszurüsten. Die Sprengköpfe selbst sollten in amerikanischer Obhut bleiben.
Nach diesem Beschluss brach eine Lawine von spontanen Schweigemärschen, Protestkundgebungen und Arbeitsniederlegungen los. Am 19. April 1958 fanden Großdemonstrationen in Hamburg, Bremen, Kiel, München, Mannheim, Dortmund und Essen statt. In Hamburg gingen 120.000 Menschen auf die Straße - ein Nachkriegsrekord. Die SPD forderte sogar eine Volksbefragung zur Atombewaffnung. Die Mai-Kundgebungen waren vom Thema dominiert, und noch im Juni hielten die Proteste an.
Die CDU-Regierung schaffte es jedoch, die Kampagne in Misskredit zu bringen, indem sie sie als "kommunistisch gesteuert" brandmarkte. Als die CDU dann bei den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen im Juni 1958 einen überwältigenden Sieg einfuhr, begann sich die SPD deutlich aus der Bewegung zurückzuziehen. Mit ihrem Bad Godesberger Programm orientierte sich die Partei schließlich 1959 in Richtung große Koalition und Befürwortung der Bundeswehr.
Durch das Fehlen dieser wichtigen logistischen Unterstützung fiel die Bewegung "Kampf dem Atomtod" endgültig in sich zusammen. Aus ihren Trümmern sollte sich später die Ostermarsch-Bewegung rekrutieren.