Hintergrund
Otto Hahn und Fritz Strassmann erklären ihre Entdeckung. © picture-alliance / KPA/TopFoto Fotograf: 91050/KPA/TopFoto
 

Die Entdeckung der Kernspaltung

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Porträt
Otto Hahn, 1966. © picture-alliance / KPA/TopFoto Fotograf: 91050/KPA/TopFoto
 

Otto Hahn - Entdecker der Uranspaltung

Er kämpfte für die friedliche Nutzung wissenschaftlicher Entdeckungen. mehr

Dossier
Schild warnt vor radioaktiver Strahlung © picture-alliance/dpa
 

Dossier: Der Streit um die Atomkraft

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Der kurze Traum vom Atomschiff

von Carina Werner

"Ich kann nicht versprechen, dass es funktioniert." Mit diesen Worten eröffnet Professor Erich Bagge am 28. Oktober 1958 in Geesthacht-Tesperhude den ersten Forschungsreaktor in Norddeutschland - und damit den bislang größten Atomreaktor der Bundesrepublik. Vor allem soll der Reaktor dazu dienen, einen Nuklearantrieb für Schiffe zu konstruieren, um nichtmilitärische "Atomschiffe", wie sie im Volksmund hießen, zu bauen.

Atomenergie, die strahlende Zukunft

Die Bundesrepublik Deutschland in den 50er-Jahren: Noch gibt es "Atomminister", noch gilt die Kernenergie als die große Zukunft. 1955 wird die Bundesrepublik zum souveränen Staat erklärt und darf auf dem Gebiet der friedlichen Nutzung von Atomenergie aktiv werden. Im selben Jahr wird das "Bundesministerium für Atomfragen" ins Leben gerufen. Der erste Atomminister ist Franz Josef Strauß, 1956 folgt ihm Siegfried Balke.

Die Gründung der GKSS

Luftaufnahme der GKSS bei Geesthacht. © picture-alliance / dpa Fotograf: Holger Weitzel - Aufwind In der Nähe der Forschungsanlage der GKSS und des Atomkraftwerks Krümmel haben sich Krebsfälle gehäuft. Am 18. April 1956 wird die "Gesellschaft für Kernenergieverwertung in Schiffbau und Schiffahrt mbH" (GKSS), gegründet. Zu den Gründervätern gehören Kurt Diebner und der Kieler Professor Erich Bagge. Beide hatten bereits erfolglos daran mitgewirkt, für Hitler die Atombombe zu bauen. Das GKSS-Forschungszentrum wird am Elbufer von Geesthacht errichtet, umgeben von Bunkertrümmern der ehemaligen Dynamitfabrik Krümmel. Das Interesse der GKSS gilt der angewandten Atomforschung: Die Entwicklung von kernenergiegetriebenen Schiffen steht im Mittelpunkt. Der "Kernenergieantrieb" ist in diesen Jahren weltweit ein wichtiges Thema. Ob für Schiffe, U-Boote, Raumfahrzeuge oder sogar Lokomotiven: Zahlreiche Forscher arbeiten daran, nuklearbetriebene Fahrzeuge zu entwickeln. Die UdSSR und die USA sind hier führend.

 

Der Bau des Reaktors "FRG-1"

Auch die GKSS will auf diesem Feld mitmischen: Über einen Zeitraum von drei Jahren baut sie den Forschungsreaktor "FRG-1". Auf Drängen von Bagge und Diebner werden Teile des Reaktors in den USA eingekauft, um den Bau zu beschleunigen. Im Herbst 1958 ist er fertig: von außen ein neun Meter hoher Betonklotz, neuneinhalb Millionen Mark teuer. "FRG-1" ist nicht der erste Forschungsreaktor in der Bundesrepublik. 1957 wurde bereits ein Reaktor in der Nähe von München gestartet. Doch mit einer Leistung von bis zu fünf Megawatt ist "FRG-1" nun der größte Forschungsreaktor im Land. Seine Leistungskraft sei hundert Mal größer als die der Reaktoren von Frankfurt oder Berlin, wo ebenfalls Nuklearanlagen gebaut werden, wie Erich Bagge 1958 in einem NDR Interview stolz mitteilt.

Festakt in Geesthacht

Blick in den geöffneten Atomreaktor eines Schiffs. © picture-alliance / dpa Fotograf: Heidtmann Detailansicht des Bildes Dieser Reaktor arbeitete im ersten europäischen Handelsschiffs mit Atomantrieb, der "Otto Hahn". Nach einem kurzen Testlauf am 23. Oktober 1958 ist es fünf Tage später endlich so weit: 800 Gäste aus Ministerien und Hochschulen, der deutschen Wirtschaft und sogar der UdSSR reisen nach Geesthacht, um bei der feierlichen Eröffnung des Reaktors dabei zu sein. Darunter sind zahlreiche Vertreter der vier Küstenländer Niedersachsen, Bremen, Schleswig-Holstein und Hamburg. Diese haben sich an dem Bau finanziell beteiligt und setzen in das Projekt große Hoffnungen. Die Gäste versammeln sich im festlich geschmückten Fabriksaal. In der Mitte steht ein Flügel, die Frau eines Werkangehörigen spielt eine Prélude von Rachmaninoff, in Moll. Getragene Reden werden gehalten, auch von Siegfried Balke, dem "Bundesminister für Atomenergie und Wasserwirtschaft", und von Erich Bagge. Schließlich sagt dieser: "Nun werden wir versuchen, den Reaktor in Gang zu setzen. Ich kann nicht versprechen, dass es funktioniert." Kai-Uwe von Hassel, Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, drückt auf den Startknopf.

Der Reaktor wird gestartet

Im Inneren des Reaktors beginnt es zu ticken. Die Festgäste verfolgen das Geräusch über Lautsprecher. Es klinge wie das Ticken eines Metronoms, das vom Andante zum Furioso übergeht, schrieb damals die Wochenzeitung "Die Zeit". Die Gäste lauschen dem Klopfen der Neutronen, die den Uran-Atomen entweichen und selbst wieder andere Atomkerne spalten: Die nukleare Kettenreaktion läuft. Die Gäste sehen dies auf einem Bildschirm an der zitternden Nadel, die eine senkrechte Linie zeichnet. Sie spenden tosenden Beifall.

Eine Frage der Sicherheit

Welches Gefahrenpotenzial von radioaktiven Strahlen ausgeht, scheint den Beteiligten schon damals bewusst. "Vergessen wir nie, dass wir es hier mit der ungebändigten Natur zu tun haben. Und reden wir lieber nicht vom Atomzeitalter oder Raketenzeitalter! Es gibt immer nur das Zeitalter der Menschen", mahnt Siegried Balke im humanistischen Ton dieser Zeit. Und Erich Bagge weist in mehreren NDR Interviews darauf hin, dass eine wichtige Aufgabe darin bestehe, die Menschen auf nuklearbetriebenen Schiffen vor den Strahlen optimal zu schützen.

Der Bau des Atomfrachters NS "Otto Hahn"

Atomversuchsschiff "Otto Hahn". © picture-alliance / dpa Fotograf: Kruse Detailansicht des Bildes Anfang der 60er-Jahre wurde der Atomfrachter NS "Otto Hahn" gebaut und 1964 fertiggestellt. Doch der Traum vom nukleargetriebenen Schiff in Deutschland währt nur kurz und wird nur ein Mal Realität: Anfang der 60er-Jahre wird der Atomfrachter NS "Otto Hahn" gebaut und 1964 fertiggestellt. Benannt ist das Schiff nach dem Kernchemiker und Nobelpreisträger Otto Hahn, der beim Stapellauf 1964 persönlich anwesend ist. Nach dem sowjetischen Eisbrecher "Lenin" und der amerikanischen "Savannah" ist die NS "Otto Hahn" das dritte zivile Atomschiff der Welt. Sie gilt als Symbol einer "strahlenden" Zukunft. Doch erst 1968 findet die erste offizielle Fahrt statt. Während der zehnjährigen Betriebszeit legte der Frachter fast 650.000 Seemeilen zurück. Im Laufe der Fahrten und im Zuge neuerer Forschungen zeigt sich jedoch, dass der Betrieb von nuklearbetriebenen Schiffen wirtschaftlich nicht rentabel ist. 1979 wird der Betrieb der NS "Otto Hahn" eingestellt. Nur in Russland wird weiter auf Atomschiffe gesetzt: Mehrere russische Eisbrecher mit Nuklearantrieb sind noch heute unterwegs.

Mutmaßungen über militärische Zwecke

Ob die GKSS in ihrer Anfangsphase wirklich nur die zivile Nutzung von Atomenergie vor Augen hatte, wird heute infrage gestellt. Der Journalist und Atomenergie-Experte Paul Reimar argumentiert, dass die GKSS auch Geräte gebaut habe, die untersuchen konnten, wie viel waffentaugliches Plutonium ein Brennelement enthält. Belegt seien ferner Verbindungen zur "Neue Technologien GmbH" in Gelnhausen, die bei der Verbreitung von Tritium-Technik nach Pakistan und Indien mitgemischt hat. Zudem habe Franz Josef Strauß, seit 1956 Verteidigungsminister, dafür plädiert, U-Boote mit atomarem Antrieb zu bauen. Der Atomantrieb der NS "Otto Hahn" war, wie Reimar betont, für ein Frachtschiff ungewöhnlich klein und so dimensioniert, dass er in ein U-Boot gepasst hätte.

Aus GKSS wird Helmholtz-Zentrum

Seit Herbst 2010 firmiert die GKSS, die 2006 ihr 50-jähriges Bestehen feierte, unter dem Namen Helmholtz-Zentrum Geesthacht - Zentrum für Material- und Küstenforschung GmbH. Zu den Schwerpunkten gehören die Entwicklung von Methoden zum Schutz der Schutz der Küsten weltweit sowie die Entwicklung besonders leichter und umweltschonender Werkstoffe.

Der Forschungsreaktor "FRG-1" wurde am 28. Juni 2010 offiziell endgültig abgeschaltet. Umstritten ist bis heute, ob die Häufungen von Leukämie-Erkrankungen in der Elbmarsch mit den Aktivitäten der GKSS zu tun haben: Von einem mutmaßlichen Atomunfall im GKSS-Forschungszentrum im Jahre 1986 ist zu lesen. Doch konkrete Beweise gibt es nicht. Als wahrscheinlicher gilt, dass die Erkrankungen auf das Atomkraftwerk Krümmel zurückzuführen sind. Dieses wurde 1983 in der Nähe des GKSS-Forschungszentrums in Betrieb genommen.

Damals im NDR Radio
Luftaufnahme der GKSS bei Geesthacht. © picture-alliance / dpa Fotograf: Holger Weitzel - Aufwind
 
Audio

Der Kernreaktor wird kritisch

Der NDR war bei der Eröffnungsfeier des Reaktors dabei. Ein Bericht mit einem Kommentar von Bundesatomminister Siegfried Balke.

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Interview mit Physiker Erich Bagge

Erich Bagge über die Anwendungsmöglichkeiten der Kernergie für die Schifffahrt und die Verbesserung des Strahlenschutzes.

Audiobeitrag starten (03:34 min)
Links

Die Gesellschaft ist der Nachfolger der GKSS.

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