Stand: 08.08.2016 11:08 Uhr

Michael Haller: "Selbstgefällige Willkommenskultur"

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Der Medienwisschaftler Michael Haller hat in einer Studie ausgewählte Medien verglichen, wie sie über die Flüchtlingskrise berichteten.

Der Medienwissenschaftler Michael Haller hat eine Erhebung über die Flüchtlingsberichterstattung in den Medien* im Jahr 2015 durchgeführt. Erste Ergebnisse der vergleichenden Analyse liegen nun vor. Der Autor kritisiert, dass die Medien die Erzählungen über die "Willkommenskultur" vor allem zu Hochzeiten der Einwanderung im Juli und August 2015 ungefragt übernommen haben.

Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingswelle im Sommer 2015 berichten Medien zwar auch schon über Probleme, einen Meinungsumschwung gab es aber erst ab Mitte September. Zu diesem Zeitpunkt hätte sich die Stimmung in der Bevölkerung bereits gedreht, sagt Haller. Viele Medien verloren in dieser Zeit an Glaubwürdigkeit, fasst Haller in einer ersten Deutung seine Ergebnisse zusammen.

ZAPP: Inwiefern haben sich Journalisten von dem Satz "Wir schaffen das" mitreißen lassen?

Michael Haller: In der Berichterstattung, vor allem der großen Onlinemedien, war schon früher der Tenor vorherrschend, dass "wir Deutsche" mit der Flüchtlingsflut klarkommen. Da schwang auch ein leicht überheblicher Ton mit, wenn über die gravierenden Flüchtlingsprobleme im Mittelmeerraum, insbesondere in Italien, Griechenland, dann über die Balkanroute und Ungarn berichtet wurde. 

Der Satz "Wir schaffen das" passte zu diesem medialen Meinungsklima recht gut. Vermutlich spielte auch eine Rolle, dass die deutsche Politik erst ein Jahr zuvor in Sachen Griechenland-Krise von vielen Europäern als egozentrisch wahrgenommen wurde. Und jetzt wollte "man" demonstrieren, dass auch wir Deutsche besonders mitmenschlich denkende Europäer sind.

ZAPP: Wie bewerten Sie die Entwicklung in den Medien von der "Willkommens"- zur "Ablehnungs"- bzw. jetzt sogar "Abschiedskultur"?

Haller: Die in den Medien mit Euphemismen gefeierte "Willkommenskultur" wirkt im Rückblick selbstgefällig. Nur ausnahmsweise wurde angesprochen, was konkret auf Deutschland zukommen wird. Viele Menschen dachten wohl an Situationen, wie man sie früher mit den türkischen Gastarbeitern und später mit den sogenannten Russlanddeutschen erlebt und bewältigt hat. Als dann Hunderttausende Nordafrikaner, Araber, Afghanen - und dazwischen syrische Flüchtlinge - vor unseren Türen standen, da entdeckten sehr viele hilfswillige Deutsche, dass diese Realität ganz anders ausschaut als die, die von den Medien vorgezeichnet worden war.

Viele Menschen reagierten frustriert und bestraften die Journalisten mit Vertrauensverlust. Ich denke, dass diese starken Stimmungsausschläge - von der überzogenen Willkommenseuphorie zur bitteren Enttäuschung - eng mit einer Seite der deutschen Mentalität verbunden ist, ein Schleuderkurs, der von der Bevölkerungsmehrheit und "ihren" Medien durchlaufen wird.  

Michael Haller

Prof. Dr. Michael Haller leitet die Journalismusforschung an der Hamburg Media Schoool (HMS) und ist außerdem wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Praktische Journalismus- und Kommunikationsforschung (IPJ) in Leipzig. Bis zu seiner Emeritierung im Herbst 2010 hatte er den Lehrstuhl Journalistik an der Universität Leipzig inne, wo er den 1993 reformierten Diplomstudiengang Journalistik aufgebaut hat.

ZAPP: Worauf sollten Journalisten bei der Berichterstattung über die Flüchtlingsthematik achten?

Haller: Bei derart folgenreichen Problemthemen sollten die Medien zuerst Erfahrungs- und Fachwissen auswerten - und dann die naheliegenden Fragen stellen. Nehmen Sie das deutsche Asylrecht, das viele Hunderttausend Bewerber während vieler Monate zum Nichtstun zwang. Für Individuen, die in Großfamilienverbünden aufwuchsen und lebten, ist das nicht auszuhalten. Auch die von vielen Kommunen beschlossenen Maßnahmen, mehrere Tausend Flüchtlinge in provisorischen Siedlungen zusammenzupferchen, widerspricht allen Erkenntnissen der Migrations- und Sozialisationsforschung.

In Hamburg zum Beispiel mussten Bürgerinitiativen auf dem Gerichtswege während vieler Monate dafür kämpfen, dass die Flüchtlinge so unterbracht werden, dass eine Integration überhaupt denkbar wird. Zurück zu Ihrer Frage: Dies alles hätten die Journalisten im Juni, Juli und August 2015 recherchieren und die verantwortlichen Akteure konkret und kritisch befragen können. Stattdessen wurde im Geist der Willkommenskultur palavert.

ZAPP: Was ist aus der Berichterstattung über Flüchtlinge über "mediale Verhaltensmuster" abzuleiten?

Haller: Natürlich gab und gibt es in den deutschen Medien aufklärende Recherchen und exzellente Reportagen. Das will ich nicht kleinreden. Doch auf der strukturellen Ebene erstaunt doch, dass die reichweitestarken Informationsmedien stets derselben Themenagenda folgen. Beispiel Silvesternacht: Bis in die Weihnachtszeit wurde das prekäre Verhalten vieler junger Asylbewerber quasi übersehen: Willkommenskultur! Dann kam der Schock der Silvesternacht und alle sagten sich rückblickend, wir haben offenbar geträumt, jetzt aber ran an die Realität! Diese besteht jetzt aus sexbesessenen jungen Arabern. Also von der einen Einseitigkeit in die andere. Dahinter steckt wohl auch der Hordeneffekt, der durch den digitalen Newsstream stark befeuert wird. Motto: Immer mithalten mit den andern, damit man nicht alt aussieht und bei den Klickraten abgehängt wird.

ZAPP: Was können Journalisten zukünftig bei der Berichterstattung über Geflüchtete besser machen?

Haller: Sie sollten sich auf das journalistische Handwerk besinnen und ihren kritischen Verstand einschalten. Also nicht gleich tolle Geschichten erzählen, nicht gleich mit einer steilen These losziehen, nicht nachäffen und Vorurteile bedienen. Sondern Informationen prüfen und auswerten. Sachverstand nutzbar machen. Naheliegende Fragen stellen. Hartnäckig bleiben, also die Fragen immer wieder stellen, bis sie von den Entscheidern hinreichend beantwortet sind. Und bei der Bewertung der Vorgänge keinen Schaum vor dem Mund haben, sondern Augenmaß nehmen. Und nicht zuletzt: Die Sorgen auch der Spießbürger ernst und sich selbst weniger wichtig nehmen.

*Die von der Otto-Brenner-Stiftung geförderte Studie beschränkt sich auf Nachrichtenformate. Kommentare, Reportagen und weitere Darstellungsformen wurden nicht berücksichtigt. Als Datenbasis dieser Studie diente eine Vorlaufstudie aus den Jahren 2009-2016. Für den Themenbereich "Willkommenskultur" wurden alle Tageszeitungen, die per e-paper zugänglich sind, analysiert. Zudem wurden für den Zeitraum Februar 2015 bis Februar 2016 tagesschau.de, spiegel.de, welt.de, focus.de analysiert.

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Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 10.08.2016 | 23:15 Uhr