Sendedatum: 11.11.2009 23:00 Uhr

Propagandablatt "DDR-Revue" - die Imagepflege der DDR

von Susann Kowatsch

20 Jahre Mauerfall: Darüber wurde wirklich viel berichtet. Wochenlang wurde das Ereignis in seine Einzelschicksale zerlegt, wurde jede noch so kleine Erinnerung abgefragt und ausgetauscht. Nur an sie hat sich offensichtlich niemand erinnert: die DDR-Revue - das Magazin aus der Deutschen Demokratischen Republik. Dabei ist sie wirklich etwas besonderes. Nicht ganz so billig gemacht, wie viele andere DDR-Zeitschriften, sondern echter Hochglanz mit tollen Fotos. Ein Exemplar hat Zapp noch aufgetrieben, was übrigens gar nicht so leicht war. Denn pro Jahr wurden zwar knapp eine Million Exemplare gedruckt, nur lesen - das durfte sie in Ostdeutschland keiner.  

Propagandablatt "DDR-Revue" - die Imagepflege der DDR © NDR

Propagandablatt "DDR-Revue" - die Imagepflege der DDR

Mit tollen Fotos, Reportagen über glückliche Kinder und in Hochglanz-Druck von Spanien bis Schweden erhältlich: die "DDR-Revue" sollte das Bild der DDR im Ausland positiv beeinflussen.

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Propere Krippen-Kinder aus Dresden, glückliche Olympiasieger aus Gera und euphorische Bauern mit Menschenrecht auf Arbeit. Die Botschaft der DDR-Revue ist mehr als eindeutig: der real existierende Sozialismus, ein Paradies auf Erden. Überzeugt werden muss nur noch der Klassen-Feind, das imperialistische Ausland von Frankreich bis Schweden. Die Revue posaunt es in Hochglanz und neun Sprachen heraus: So schön ist die DDR.

Petra Siemon, ehemalige Redakteurin der DDR-Revue, erklärt: „Es gab da schon von Anfang an so eine Art Zaubersatz, der mir gesagt wurde und der lautete: Petra, wenn du mal Besuch zu Hause empfängst, du zeigst denen doch auch nicht zuerst die Dreckecken. Sondern du machst es schön, du machst es möglichst perfekt, damit das Ganze ein gutes Bild abgibt.“ Kein Wort zu Mauertoten, kein Satz zu Stasi-Gefängnissen, kein Bild zur Mangelwirtschaft. Dank Zaubersatz und doppelter Pressezensur. Nach der Chefredaktion kontrolliert auch das ZK der SED, Abteilung Agitation und Propaganda. Sicher ist sicher. 

Journalismus ohne Zeitdruck und mit Privilegien

Die Journalistin Petra Siemon ist Mitte 20, als sie 1977 zur DDR-Revue kommt. Schreiben ist ihre Leidenschaft, Politik weniger. Sie ist kein SED-Mitglied. Petra Siemon meint: „Das hat einen gewissen Vorteil, dass ich nicht in diese Haus- und Hofberichterstattung eingegliedert wurde, sondern, dass ich wirklich richtig rausfahren durfte zu Reportagen, und dort das breite Spektrum wirklich abdecken durfte.“ 23 Jahre lang lässt Petra Siemon die DDR glänzen, im breiten Spektrum, in zahlreichen Artikeln und manchmal auch als glückliche DDR-Mutter vor der Kamera. 

Die Bilder wurden von Carla Arnold gemacht, die heute 71 Jahre alt ist. Für die Revue fotografiert sie zwei Jahrzehnte lang ausschließlich die schönen Seiten der DDR. Ebenfalls ohne Parteibuch, dennoch mit viel Überzeugung. Carla Arnold erklärt: „40 Jahre DDR, das prägt doch irgendwie. Und wenn sie von Anfang an gar nichts anderes kennengelernt haben, dann empfindet man das nicht so.“ Ausgerüstet sind die Revue-Fotografen mit der besten und teuersten Ausrüstung, ab den 70er-Jahren sogar mit einer schwedischen Hasselblad-Kamera. Das ist keine offizielle DDR-Ware. Carla Arnold erinnert sich: „Die war gar nicht im Handel. Nee, nee, das gab es also nur für uns. Das ist wahrscheinlich ein Privileg.“ Genau wie auch der verlagseigene Fuhrpark samt Chauffeur. Bourgeoise Verhältnisse für sozialistische Mitarbeiter. Ein schönes, abwechslungsreiches Leben.

Bis Carla Arnold 1982 eine folgenschwere Entscheidung trifft. Sie verabredet sich in der damaligen Tschechoslowakei mit einem Bekannten, der zuvor in den Westen ausgereist war. Die Fotografin erzählt, was nach ihrer Rückkehr passiert: „Zwei Tage später: Also du bist nicht mehr tragbar, entlassen - fristlos. Hausverbot. Und da brach natürlich für mich alles zusammen. Ich war mir keiner Schuld bewusst. Bloß weil ich mich da mit jemanden getroffen hatte, das ist doch kein Verbrechen.“ 

Propaganda gegen Feindbilder

Der Sozialismus fordert seine Opfer und schießt scharf gegen den Feind. Knallharte Propaganda, das war die andere Seite der DRR-Revue. Ein Teil des Blattes ist genau dafür reserviert, besonders in den 80er-Jahren. Keine Ausgabe ist ohne Agitation gegen die Nato. Der Imperialismus wird etwa dargestellt als gruseliges Skelett oder als Kriegstreiber mit Gier nach Weltherrschaft. Der Gegensatz bringt die Wirkung: Auf der einen Seite wird über einen drohenden Atomkrieg berichtet, auf der anderen über Erich Honecker auf Friedensmission in Sofia oder Helsinki. Für Hans Henning Paulsen sind diese politischen Artikel die nervigsten gewesen. Der Däne arbeitet bis zur Wende als Übersetzer bei der DDR-Revue. Vor allem die sozialistischen Worthülsen sind für ihn ein Graus wie etwa Erich Honeckers zahlreiche politische Titel. Hans Henning Paulsen meint: „Wir wollten eine Extra-Taste auf der Schreibmaschine haben, wo man drauf drückt und da steht '1. Sekretär des ZK der SED und Vorsitzender des Verteidigungsrates'. Mit einer Taste: gedrückt, geschrieben.“ Die Liebe treibt ihn 1959 in den Osten und auch ein bisschen die Politik. In Dänemark war er Mitglied der Kommunistischen Partei. Hans Henning Paulsen erklärt: „Es war eine schöne Arbeit, gut bezahlte Arbeit, eine sichere Stelle, ich hab mich eigentlich sauwohl gefühlt. Aber nebenbei wusste man, dass so viel daneben geht.“ Er bleibt dennoch in der Deutschen Demokratischen Republik. „Weil ich immer gehofft habe, dass sie die Kurve kriegen und endlich mal Reformen beschließen.“

DDR-Revue in acht Sprachen

Paulsen und seine Kollegen übersetzen die Revue in acht Sprachen. Zum ausländischen Leser kommt das Blatt per Abo. Die jährliche Auflage beträgt 850.000 Exemplare. Viel Aufwand für ein Ziel: Die Leser im bösen Kapitalismus vom guten Sozialismus überzeugen. Hans Henning Paulsen, ist klar: „Alles war Friede, Freude, Eierkuchen und es gab keine Probleme. Damit kann man keinen Blumentopf gewinnen, damit kann man auch niemanden überzeugen.“ Und Petra Siemon erklärt: „Wir hatten ja auch mitunter Delegationen von gerade Jugendlichen aus den westlichen Ländern zu Gast. Und da hat man dann gefragt: Na Mensch, wäre das denn nicht was, hierher zu kommen und hier zu arbeiten und hier zu leben. Und da hatten die immer nur ein müdes Lächeln übrig und haben gesagt: Ne, also die Freiheit ist uns dann doch lieber.“

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 11.11.2009 | 23:00 Uhr