Sendedatum: 26.09.2012 23:20 Uhr

Medienarbeit der Deutschen Energie-Agentur

Es gibt Themen, die bringen einen als Journalist zur Verzweiflung, weil sie so verdammt schwierig einzuordnen sind. Die Energiewende zum Beispiel: Im Prinzip gibt es keine neutralen Informationen. Jede Studie, jede Aussage ist irgendwie interessengesteuert. Selbst die Daten der "dena" - der Deutschen Energie-Agentur - die doch irgendwie staatlich und hochoffiziell klingt - gilt es zumindest zu hinterfragen. ZAPP über mangelnde Transparenz in der Engergie-Berichterstattung.

Das Szenario 2050: Trotz Energiewende kommt der Strom überwiegend aus Kohle- und Gaskraftwerken. Immer noch. Grundlage dieser Prognose: Eine Studie "zur Integration der erneuerbaren Energien", beauftragt vom Stromkonzern RWE, veröffentlicht von der Deutschen Energieagentur, der "dena".

Die Kernaussagen sind in  Zwischentiteln wie: "Konventionelle Kraftwerke auch 2050 in großem Umfang nötig!" In der Pressemitteilung heißt es: "Erneuerbare Energieträger zur Stromerzeugung auch 2050 nicht marktfähig!" (Studie: "Integration der erneuerbaren Energien", RWE).

Viele Zeitungen übernehmen diese Botschaften:
"Ökostrom auch 2050 nicht marktfähig" (Die Welt, 23.08.2012).
"Ohne Kohle keine Energiewende" (Handelsblatt, 23.08.2012)
"Fossil in die Energiewende" (Der Tagesspiegel, 23.08.2012).

Kein Fragezeichen, keine kritische Einordnung.

Die Erfahrung hat auch der Journalist, Gerd Rosenkranz, gemacht: "In der heutigen Zeit haben die Journalisten selten Zeit genug um solche Studien, die meistens mehrere Hundert Seiten umfassen im Detail zu lesen. Also lesen sie die Überschriften und machen daraus ihre Botschaften und deshalb steht am nächsten Tag in den Zeitungen in etwa das, was in der Pressemitteilung der 'dena' steht und ich glaube, das ist auch so gewollt."

Nur wenige wissen von der Nähe der "dena" zu Energiekonzernen

Rosenkranz ist ehemaliger Spiegel-Journalist, arbeitet heute für die Deutsche Umwelthilfe. Er beobachtet die "dena" und ihre Strukturen seit Jahren kritisch. Public private partnership: halb staatlich, halb privat organisiert wurde die "dena" einst unter rot-grün ins Leben gerufen. Was lange nicht öffentlich war: Die "dena" bekommt Drittmittel auch von Energiekonzernen. "Dena"-Kongress letzte Woche in Berlin,  um die Energieeffizienz  voranzutreiben. Der "dena"-Chef, Stephan Kohler, ist in der Politik auch privat gut vernetzt, gilt in der Branche als kompetent. "Ich war 1980 bei Ökoinstitut und wir haben damals die Energiewende geschrieben.", sagt  er in einem Interview.

"Das ist aber auch inzwischen 30 Jahre her und ich glaube, er hat inzwischen doch ziemlich die Seite gewechselt.", meint Gerd Rosenkranz.

Stephan Kohler: "Die 'dena' ist ja genau dazu gegründet worden, um als Bindeglied zwischen Politik und Wirtschaft zu arbeiten. Also es ist geradezu unser Auftrag mit der Wirtschaft zusammen zu arbeiten."

Und das unter dem Siegel staatlicher Unabhängigkeit. So präsentiert Kohler glaubwürdige Kernaussagen auch für  die Medien: "Also das ist unsere Aufgabe, dafür haben wir auch eine gute Öffentlichkeitsarbeit, komplizierte Sachverhalte so aufzubereiten, dass sie eben auch für Nicht-Wissenschaftler oder Ingenieure oder Physiker verständlich sind. Aber die Interpretation trifft jeder selber und wie sagt man? Da haben wir in unserer Medienlandschaft eine große Bandbreite."

Botschaften der Studien spiegeln die Untersuchungsergebnisse nicht wieder

Komplizierte Sachverhalte verständlich rüber bringen: Joachim Nitsch kennt sich aus mit Zukunftsprognosen. Er berät das Bundesumweltministerium, analysiert die jüngste "dena"-Studie auf ihre öffentliche Wirkung: "Wenn man diese Schlagzeilen nur so liest, dann ist es natürlich eine relativ starke Aussage. Insofern halte ich das schon für fragwürdig.", meint Nitsch, "Es hängt sehr viel davon ab, wie die Zusammenfassung einer Studie formuliert ist. Wird sie sehr suggestiv formuliert mit eindeutigen Schlagzeilen im Bezug auf das Ergebnis, dann ist natürlich die Gefahr groß, dass diese Schlagzeilen unkommentiert und unreflektiert übernommen werden."

 

Gerd Rosenkranz: "Bei der 'dena' ist es immer so, dass die Botschaften und die dicken Studien nicht unbedingt zueinander passen. Dort werden Botschaften verkündet, die sich dann in den Studien auch in den Überschriften wiederfinden, aber nicht im Kleingedruckten."

Journalisten haben keine Zeit für tiefgehende Recherchen

Das sogenannte Kleingedruckte: gemeint sind die wissenschaftlichen Abhandlungen, in denen die Botschaften der Zwischentitel weitestgehend relativiert werden. Auch für Fachredakteure eine aufwendige Recherche. Viel Einfacher, die druckreifen Schlagzeilen zu übernehmen. "Fossil in die Energiewende" titelt der Tagesspiegel (23.08.2012) auf der Wirtschaftsseite.  Am Tag danach: in der Redaktion heftige Diskussionen. "Tagesspiegel"-Redakteurin, Dagmar Dehmer, hätte sich gewünscht, dass die "dena"-Studie stärker hinterfragt worden wäre: "Es ist einfach so, dass die Kollegen in der Wirtschaftsredaktion traditionell den Unternehmen sehr viel näher stehen und viel stärker die Perspektive einnehmen, die sie von den Unternehmen auch gespiegelt bekommen."

In der Wirtschaftsfachzeitung "Handelsblatt" erfährt der Leser  nichts vom Auftraggeber "RWE", dem größten Braunkohleförderer Deutschlands.

ZAPP fragt nach: "Wie erklären Sie sich das?"

Der Ressortleiter Wirtschaft und Politik vom "Handelsblatt", Michael Inacker, erklärt: "Wir haben, wenn die 'dena' eine Studie macht, als eine quasi halböffentliche Stelle, dann schauen wir uns das auf die Plausibilitäten an [...] und Herr Kohler, dessen wie gesagt Autorität außer Zweifel steht, ist dann für uns eben auch ein als Absender einer solchen Studie unabhängig von Auftraggebern, eine Person, die wir zitieren und auch entsprechend darstellen."

Anlässlich des Kongresses: eine Beilage der "dena" im "Handelsblatt".

Beilage: "Handelsblatt Topic – Energieeffizienz" (18.09.2012). Journalistische Anmutung unten: "sponsored by dena".

Im Impressum: Redaktion "Handelsblatt". Journalistische Inhalte vermischt mit Botschaften der "dena"? Auf Anfrage dazu der Ressortleiter Wirtschaft: "Die dena hat zu keiner Zeit auf die redaktionellen Inhalte der Beilage Einfluss genommen."

2008 sorgte die Energie Agentur für Schlagzeilen hinsichtlich der sogenannten "Stromlücke".

"Warnung vor Stromlücke" (Der Spiegel, 10.03.2008)
"Ernstfall Stromlücke droht"(Die Welt, 18.06.2008)
"Energieagentur warnt vor Stromlücke" (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.03.2008).

In jenem Jahr waren die Zuwendungen der Energiekonzerne besonders hoch: von fast 11 Millionen Drittmitteln kamen etwa fünf Millionen von den Energiekonzernen, also fast die Hälfte.

Medienwirksame Schlagzeilen - Strategie oder Zufall?

Transportiert der "dena"-Chef also die Interessen der Energiekonzerne? Studien als Grundlage seiner Medienstrategie?

"Er weiß, dass die Medien schnelllebig sind.", sagt Rosenkranz, "Er weiß, dass er einfache Botschaften braucht und er weiß, dass er sich im hinteren Teil einer solchen Studie absichern muss, damit er die Angriffe auch aus der Wissenschaft von anderen Seiten abwehren kann. Und das macht er schon sehr strategisch."

Joachim Nitsch: "Ich würde schon sagen, dass es fahrlässig ist, die Aussagen so verkürzt darzustellen und damit der Öffentlichkeit vorzumachen, dass es keine andere Option der Energiewende gäbe. [...] Unsere Ergebnisse, verkürzt ausgedrückt, sagen genau das Gegenteil."

Mit der Energiewende soll sich der Strommarkt verändern. Der darum geführte Kampf ist auch ein Kampf um die Deutungshoheit in den Medien.

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 26.09.2012 | 23:20 Uhr