Stand: 25.11.2015 14:40 Uhr

Medien: Machtlos gegen Flüchtlingsgerüchte?

Bauer Hubers Hof grenzt direkt an das große Flüchtlingsheim in Meßstetten. Mehr als 3.000 Menschen sind hier untergebracht. Bauer Huber nerven aber nicht die Flüchtlinge, sondern das "blöde Geschwätz" und die Sache mit dem Kopf. Ein abgeschlagener Kopf soll auf seinem Grundstück gefunden worden sein. Die Flüchtlinge hätten angeblich einen Menschen ermordet.

Gerüchte über Flüchtlinge

Machtlos gegen Flüchtlingsgerüchte?

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Gerüchte über Flüchtlinge sind in Deutschland allgegenwärtig. Wie kann man ihnen journalistisch begegnen?

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Solche Gerüchte über Flüchtlinge sind in Deutschland allgegenwärtig und vor allem wirkmächtig in diesen Tagen. In Meßstetten recherchiert die Zeitung vor Ort zahlreichen Gerüchten hinterher und stellt richtig, was nicht stimmt. Aber die Journalisten stehen vor einem gewaltigen Problem. "Die Leute glauben uns nicht. Wir können ihnen mit Brief und Siegel zeigen, warum etwas nicht stimmt. Sie sind nicht zu überzeugen", sagt Michael Würz vom Zollernalbkurier.

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Angeblich aufgrund von Flüchtlingen knapp: Babynahrung.
Nicht zu erreichen für klassische Medien

Über soziale Netzwerke und im persönlichen Gespräch verbreiten sich Gerüchte über Flüchtlinge wie die vielzitierten Lauffeuer, nicht nur im Allgäu. "Gerüchte tauchen dann auf, wenn die Menschen Situationen besonders bedrohlich empfinden, das heißt Situationen, in denen sie nach Orientierung verlangen", sagt Matthias Kohring. Der Kommunikationswissenschaftler aus Mannheim forscht zum Vertrauen in die Medien und analysiert unter anderem, warum das, was in den Medien steht, zu vielen Menschen nicht mehr durchdringt: "Jeder, der versucht, Gerüchte zu widerlegen, setzt sich einem Motivverdacht aus. Das heißt, die Leute fragen sich: Welches Interesse hat der eigentlich, ein Gerücht als unwahr abzukanzeln. Ein Journalist möchte vielleicht ein großes Publikum erreichen. Man kann ja schnell Vorurteile formulieren, gegen Journalisten, egal gegen wen. Die Wenigsten, die ein Gerücht aktiv weiterverbreiten und daran glauben, wird man durch Fakten beeinflussen können."

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Michael Würz: "Wir kämpfen gegen Windmühlen"

24.11.2015 17:05 Uhr

Michael Würz ist Redakteur beim "Zollern-Alb-Kurier" in Meßstetten auf der Schwäbischen Alb. Er geht Gerüchten nach und versucht diese zu verifizieren - fast immer vergeblich. Video (07:38 min)

Vertuschungen und Verschwörungen

Oft garnieren Gerüchtestreuer ihre Geschichten mit einem Vertuschungselement. In einem Facebook-Eintrag heißt es beispielsweise: "Von meinem Kollegen die Freundin arbeitet im Krankenhaus und gestern wurde eine 13jährige eingeliefert, die (...) von einem Flüchtling vergewaltigt wurde... Anweisung von ganz oben: Sie sollten ein Schriftstück unterschreiben, womit sie zur Verschwiegenheit gezwungen ..." Eine Verschwörung wird insinuiert. Mal ist es die Polizei, mal sind es Ärzte, mal einfach sind es einfach "die ganz oben", die angeblich Maulkörbe verteilen.

Neben Journalisten arbeitet auch die Polizei aktiv an der Aufklärung von Gerüchten. Schließlich ist sie gehalten, jedem Verdacht auf Straftaten nachzugehen. Und wegen der Häufung der Gerüchte leitet die Polizei immer häufiger die Identitäten der Urheber an die Staatsanwaltschaft weiter. Es laufen derzeit mehrere Verfahren in Deutschland gegen Facebook-Lügner.

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Gerüchte bieten einfache Orientierung

25.11.2015 23:20 Uhr

Der Kommunikationswissenschaftler Matthais Kohring erklärt, warum Gerüchte in Krisenzeiten so erfolgreich sind, und was man gegen ihre Verbreitung tun kann. Video (08:32 min)

Sexualdelikte als Leitmotiv

Immer wieder handeln die Gerüchte von wehrlosen deutschen Frauen und Vergewaltigungen. "Das Grundmuster ist immer gleich. Mehrere Asylbewerber, Ausländer, Flüchtlinge, die eine deutsche Frau irgendwo hin zerren, in den Kellereingang, ins Hinterzimmer und dort diese Vergewaltigung durchführen", sagt Thomas Geithner von der Dresdner Polizei. Für den Gerüchte-Experten Matthias Kohring sind das intelligent gemachte Gerüchte: "Vergewaltigungsgerüchte haben etwas mit der Integrität der Familie zu tun, mit dem letzten Zufluchtsort der Menschen. Sie haben aber auch etwas damit zu tun, dass eine Kultur bedroht ist und deswegen sind das die Gerüchte, die Ängste auslösen können. Wenn die also absichtlich gestreut werden, wurde das sehr geschickt gemacht in sehr perfider Weise."

Gerüchteerzählern den Spiegel vorhalten

Letztendlich funktionieren auch Gerüchte offenbar als Mittel, die Welt einfacher und verständlicher zu machen. Dazu meint Matthias Kohring: "Für diese Menschen bietet der klassische Journalismus keine einfachen Rezepte an. Die Welt ist halt komplex, es gibt keine einzig mögliche Deutung, man muss auch Widersprüche aushalten, es gibt nicht schwarz oder weiß, es gibt grau, und ich glaube, dass sehr viele Menschen damit nicht zurechtkommen."

Da das Publikum aber nicht nur aus Gerüchteverbreitern besteht, ist es journalistisch natürlich trotzdem sinnvoll, unwahre Behauptungen anhand von Fakten zu widerlegen, auch wenn man den harten Kern so nicht erreicht. Hier ist laut Kohring die ganze Gesellschaft gefordert. Man müsse denjenigen den Spiegel vorhalten und sie damit konfrontieren, dass sie es seien, die keine Gegenposition akzeptieren wollten, die Fakten negierten und die Wahrheit vertuschten. "Ich würde sagen, denk doch mal drüber nach, warum du immer alle Gegenargumente nicht glaubst", so Kohring. Je öfter das geschehe, umso höher sei die Wahrscheinlichkeit, dass zumindest einige der Verbreiter anfangen die Geschichten zu hinterfragen, bevor sie sie weiter erzählen.

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Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 25.11.2015 | 23:20 Uhr