Stand: 23.08.2016 14:06 Uhr

Geringe Hemmschwelle - "Vice" und die Drogen

von Sabine Schaper

Die richtige Droge für jeden Anlass, wünschenswerte Effekte durch Mischkonsum oder Tricks für den Drogenschmuggel: Das Lifestyle- und Jugendmagazin "Vice" gibt auf seinen gut besuchten Onlineseiten seit Jahren regelmäßig Tipps für den Drogenkonsum, der nach Meinung der Redaktion zur Clubkultur gehört, "wie Siegfried zu Roy". Dort finden sich Anleitungen, mit welchen Substanzen man am besten 24 Stunden durchfeiert, wie man die Beziehung zu seinen Eltern durch gemeinsamen Kokainkonsum verbessert oder Risotto-Rezepte, damit die Magic Mushrooms nach mehr als nur Sägemehl schmecken. Wir verzichten bewusst darauf, kritische Passagen zu zitieren oder Artikel zu verlinken.

Zwei Hände und eine Pille

Geringe Hemmschwelle - "Vice" und die Drogen

ZAPP -

Das Lifestyle- und Jugendmagazin "Vice" gibt online seit Jahren Tipps zum Drogenkonsum. Experten sehen darin einen "Schlag ins Gesicht derer, die Suchtprävention betreiben".

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Drogen werden genommen

Offen setzt sich "Vice" für eine liberale Drogenpolitik und Entkriminalisierung ein und rechtfertigt die Art der Berichterstattung mit dem Konzept des "Safer Use" - nach dem Motto: Drogen werden ohnehin genommen, wir sorgen dafür, dass das sicher geschieht.

"Hochgefährlich" findet das Prof. Dr. Rainer Thomasius, Suchtexperte am Uniklinikum Eppendorf in Hamburg. Er leitet dort das Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters und nennt die Arbeit von "Vice" einen "Schlag ins Gesicht" all derer, die täglich mühsam Suchtprävention betreiben.

Negative Aspekte des Drogenkonsums

Eine seriöse Berichterstattung im Sinn von "Safer Use" sei nüchtern und sachlich, sagt Thomasius, so wie sie etwa auch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) teilweise betreibe, wenn sie auf gefährlichen Mischkonsum hinweist - und selbst dann sei sie noch fragwürdig, wenn sie sich an Jugendliche richte: Sicherheit gebe es beim Drogenkonsum nie, es werde lediglich eine Scheinsicherheit suggeriert.

Auch bei "Vice" finden sich Artikel, die die negativen Aspekte des Drogenkonsums beschreiben oder warnen. Grundsätzlich arbeite "Vice" aber durch jugendtypische Darstellung mit Emotionalität und Identifikationsflächen, biete so Anreize zum Drogenkonsum und senke die Hemmschwelle, Drogen kritisch zu betrachten, so Thomasius.

"Es geht darum, junge Menschen zum Konsum zu verführen"

"Im Grunde genommen geht es in diesen Artikeln darum, junge Menschen zum Drogenkonsum zu verführen. Denn auf der einen Seite wird der Drogenkonsum als Normalität angeboten und verkauft und die Drogen werden so dargestellt, dass kritische Reflexion, gerade mit Blick auf das Gesundheitsgefährdungspotenzial vollständig unterlassen bleiben", kritisiert Thomasius.

Videos
04:34

Rainer Thomasius, Suchtexperte UKE

24.08.2016 23:20 Uhr

Der Suchtexperte des Hamburger Universitätsklinikum, Rainer Thomasius, wünscht sich von den Medien, dass sie kritisch über Substanzkonsum berichten. Video (04:34 min)

Dass "Vice" Artikel dieser Art seit Jahren verbreitet, kann er kaum glauben:  "Von einem funktionierenden Jugendmedienschutz würde ich schon erwarten, dass hier der Finger in die Wunde gelegt wird, solche Berichte durch die Medienselbstkontrolle sanktioniert werden und zukünftig unterbleiben."

Die Aufsichtsbehörden des Bundes und der Länder hatten "Vice" und die Drogenberichterstattung bis zur ZAPP-Anfrage allerdings nicht im Blick. Auf Nachfrage sieht die zuständige Landesmedienanstalt Berlin-Brandenburg (MABB) einen Anfangsverdacht auf Verstoß gegen den Jugendmedienschutzstaatsvertrag nicht ausgeschlossen und hat ein Prüfverfahren eingeleitet.

Stellungnahme von Jugendschutz.net

Jugendschutz.net, die Kontrollstelle für Jugendmedienangebote im Internet, schätzt einige Inhalte des Internetangebotes des "Vice Magazine" als problematisch ein, "da sie überwiegend den Konsum illegaler Drogen als - zumindest in bestimmten Lebenssituationen - selbstverständlich beschreiben oder voraussetzen." Die Kontrolleure kritisieren dass manche Artikel negative Aspekte des Drogenkonsums völlig ausblenden und zum Beispiel dazu anleiten, Drogen vor der Polizei zu verstecken. Drogen würden als akzeptierte Form der Freizeitgestaltung dargestellt.

"Unsere Leser sind reflektiert"

"Vice" selbst stand nur zu einer schriftlichen Stellungnahme zur Verfügung: "Unser Leser [sic] sind gut informiert, neugierig und sie hinterfragen das, was sie lesen. Wir sind überzeugt, unsere Leser und User sind reflektiert und ordnen unsere Berichterstattung ein. Sie werden nicht alles nachmachen, nur weil sie darüber lesen."

Ob und inwiefern das Angebot von "Vice" den Richtlinien des Jugendmedienschutzes entspricht, wird nun das Prüfverfahren zeigen. Zusätzlich stellt sich aber die Frage, wieso dies erst jetzt geschieht und "Vice" kritische Inhalte überhaupt so lange unter dem Radar der Behörden veröffentlichen konnte.

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 24.08.2016 | 23:30 Uhr

mit Video

Wir Drogenkinder - Die letzte Chance

04.02.2014 21:15 Uhr
Panorama - die Reporter

Obwohl Mussaj und Jannik fast noch Kinder sind, haben sie schon viele Jahre Drogensucht und Straßenkriminalität hinter sich. In einer Therapie wollen sie ihrer Sucht entkommen. mehr