Unsere Geschichte - Als die Wessis nach M-V kamen

Der Nordosten nach der Wende

Sonntag, 11. Dezember 2016, 11:30 bis 12:15 Uhr

Mehrere tausend Werftarbeiter aus allen Teilen Mecklenburg-Vorpommerns protestierten am 11. März 1992 vor dem Landtag in Schwerin gegen den Werftenbeschluss der Landesregierung und der Berliner Treuhand. © picture-alliance / dpa Bildarchiv Fotograf: Jens Büttner

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Wolfgang Horstmann war Direktor bei der Treuhand und zuständig für den Verkauf von landwirtschaftlichen Flächen. Heute räumt er Ungerechtigkeiten ein.

Von einer "sehr wilden Zeit" sprechen alle, die 1990 und in den folgenden Jahren in Mecklenburg-Vorpommern am Aufbau einer neuen Gesellschaft mitgearbeitet haben. Mit der Vereinigung von Ost und West wurde die DDR abgeschafft und damit die alten Strukturen. Planwirtschaft wurde durch die Marktwirtschaft ersetzt, die Treuhand wickelte Zehntausende volkseigene Unternehmen ab, eine gänzlich neue Ordnung entstand.

Auf die große Euphorie folgte oft Ernüchterung

Für viele Helfer aus dem Westen wie Richter, Künstler und Investoren war es eine intensive Zeit. Aber auch Abzocker und kriminelle Strippenzieher versuchten von der Situation zu profitieren. So gibt es heute Anerkennung für die damals geleistete Unterstützung der "Wessis", aber auch Kritik an denjenigen, die sich vor allem die eigenen Taschen gefüllt haben. Auf die Träume des Aufbruchs folgten schwere Enttäuschungen. Die anfangs große Euphorie der "Ossis" war vielerorts schnell verflogen.

Dennoch positive Entwicklung

Trotz solcher Rückschläge hat Mecklenburg-Vorpommern in vielen Bereichen bis heute eine enorme Entwicklung hingelegt. Eine funktionierende Justiz nach westdeutschem Vorbild wurde aufgebaut, der Kampf um Kultur hat mancherorts Erfolg gehabt und auch Ostdeutsche haben als Unternehmer den Sprung in den Kapitalismus geschafft und führen heute funktionierende Betriebe.

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Sonja Hilberger zog 1990 nach Rostock, um dort Schauspiel zu lernen. Als die Schauspielschule abgewickelt werden sollte, protestierte sie mit Erfolg für den Erhalt.

Der Gestütsbesitzer Friedhelm Mencke aus Ganschow etwa hat nach hartem Kampf mit der Treuhand den Betrieb übernommen, knapp eine Pleite verhindert und das Gestüt zum größten in Mecklenburg-Vorpommern entwickelt. Der Richter Reinhard Wagner aus Hamburg ging im Herbst 1990 nach Schwerin, um dabei zu helfen, die Justiz gemeinsam mit seinen ostdeutschen Kollegen neu aufzubauen. Heute spricht er im Rückblick "von den besten Jahren in meiner Laufbahn". Auch Sonja Hilberger aus Westberlin gibt ein Beispiel für gelungene Aufbauarbeit ab: 1990 kam die junge Schauspielstudentin nach Rostock und protestierte mit ihren ostdeutschen Kommilitonen gegen die Schließung der Rostocker Schauspielschule. Dank des Engagements der Studenten wurde die Schauspielschule nicht abgewickelt.

Skandale und persönliche Bereicherung

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Werftarbeiter aus Mecklenburg-Vorpommerns protestierten vergeblich gegen die Zerschlagung und Privatisierung ihrer Betriebe.

Doch eine große Zahl an "Wessis" ist damals nicht aus edlen Motiven nach Mecklenburg-Vorpommern gekommen. Vielmehr haben diese Glücksritter das schnelle Geld gewittert, die mangelnde behördliche Kontrolle der ersten Jahre skrupellos ausgenutzt und sich persönlich bereichert. Auch in Verwaltung und Politik gab es Entscheider wie zum Beispiel einen Staatssekretär aus dem Finanzministerium Schwerin, der Bestechungsgelder kassiert haben soll. Auch die Vorkommnisse rund um die Werftindustrie in Mecklenburg-Vorpommern Anfang der 1990er-Jahre sorgen bis heute für wütende Erinnerung an der Küste. Der Niedergang der Werften ist untrennbar mit dem Bremer Vulkan verbunden und der Figur Friedrich Hennemann.

Der Film zeichnet die Befindlichkeiten sowohl der westdeutschen Aufbauhelfer als auch der ostdeutschen Richter, Unternehmer und Künstler nach und beschreibt die Hoffnungen, Überzeugungen und Erwartungen der Menschen aus Ost und West.

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Autor/in
Veit Bentlage
Redaktion
Birgit Müller
Produktionsleiter/in
Frederik Keunecke