Sendedatum: 22.11.2015 19:30 Uhr

Zeitreise: 70 Jahre Bund Deutscher Nordschleswiger

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Seit 70 Jahren gibt es den Bund Deutscher Nordschleswiger.

Fast in aller Stille doch mit Stolz feiert die deutsche Minderheit in Dänemark Jubiläum: Seit 70 Jahren gibt es den Bund Deutscher Nordschleswiger (BDN). Die deutsche Minderheit in Dänemark hat in den vergangenen Jahren einen gewaltigen Ansehenswandel erlebt. Erst lebten Dänen und Deutsche im Grenzland nebeneinander. Heute wird die deutsche Minderheit in Dänemark als Mehrwert begriffen, man ist stolz auf sie. Das hat erst einmal ganz schlichte Gründe. Das Deutschlandbild der Dänen hat sich in den vergangenen Jahren grundlegend geändert. Deutschland ist heute schick, Berlin der Sehnsuchtsort vieler junger Dänen. Und das nicht nur im deutsch-dänischen Grenzland, sondern auch in Kopenhagen, wo drei von fünf Dänen leben. Das Deutschland, das im 19. Jahrhundert aus der europäischen Mittelmacht Dänemark einen Kleinstaat machte, mit dem es den Grenzkampf Anfang des 20. Jahrhunderts ausfechten musste und schließlich 1940 das Königreich besetzte ist Geschichte.

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Tiefpunkt nach Ende der deutschen Besatzung

Die deutsche Minderheit war 1920 durch eine Grenzabstimmung entstanden. In Nordschleswig lebten überwiegend Dänen und die hatten mehrheitlich dafür gestimmt, zu Dänemark gehören zu wollen. Das Gebiet stand immer im Mittelpunkt der alten, der schlechten deutsch-dänischen Geschichte. Der Tiefpunkt war nach dem Ende der deutschen Besatzung erreicht. Im Zweiten Weltkrieg hatte die Minderheit mit Nazideutschland kooperiert in der Hoffnung, Nordschleswig würde wieder Deutsch.

"Stunde Null"

Als alles vorbei war im Mai 1945 wurde jeder vierte erwachsene Mann aus der deutschen Minderheit interniert. 3.500 Menschen wurden im Rahmen der Rechtsabrechnung angeklagt, über 2.900 verurteilt. "Das war eine Stunde Null im Nebeneinander von Minderheit- und Mehrheit", sagt Henrik Becker-Christensen, dänischer Generalkonsul in Flensburg. Der dänische Staat enteignete die Minderheit, auch ihre Schulen. "Ich wollte zur Schule gehen, aber die war geschlossen", erinnert sich Hans Heinrich Hansen, der spätere Vorsitzende des BDN. "Wir wurden ausgeschlossen und in Sonderklassen unterrichtet. Die deutsche Sprache wurde auf den Straßen nicht mehr geduldet. Ich spürte als Kind, dass ich nicht mehr dazu gehörte."

Gründung des BDN

Die Minderheit musste sich neu erfinden, gründete den BDN, erklärte sich loyal zum dänischen Staat, konnte aber nur ganz langsam im Süden Dänemarks wieder Fuß fassen. "Der Start war schwierig, weil auch einige Nazis aus den 1930er und 40er Jahren am Anfang in der organisierten Minderheit aktiv waren," sagt Generalkonsul Becker-Christensen, der zu dem Thema geforscht hat.

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Eine erste Wende kam 1955. Die Bundesrepublik wollte in die NATO, Dänemark musste dem zustimmen und wollte die Probleme der dänischen Minderheit im Norden Schleswig-Holsteins gelöst haben. Es kam am 29. März 1955 zu den Bonn-Kopenhagener Erklärungen. Vier luftig beschriebene Schreibmaschinenseiten, wenige Punkte: das Bekenntnis zu den Minderheiten ist frei, Minderheitenschulen werden wie die der Mehrheit behandelt und ein wenig mehr. "Für die Schulen war das extrem wichtig. Sie haben ihr Examensrecht zurückbekommen und damit ihre Existenzgrundlage", sagt der ehemalige BDN-Vorsitzende Hans Heinrich Hansen. Diese eher formlosen Erklärungen änderten für beide Minderheiten im Grenzland alles. Auch die Deutschen in Dänemark waren damit formal auf Augenhöhe im dänischen Staat angekommen. Es führte zu einem respektvollen Nebeneinander von Mehr- und Minderheit. Lange war es ein dann ein Miteinander. Heute - 70 Jahre nach dem Neuanfang der deutschen Minderheit mit dem BDN - ist es ein Füreinander.

Neues Miteinander zwischen Dänen und BDN

Das sich die Minderheit später mit ihrer eigenen und recht braunen Vergangenheit intensiv auseinandergesetzt hat, hat ihr in der Mehrheitsbevölkerung zusätzlich Achtung gebracht. Die Minderheit wird inzwischen vor allem im südlichen Dänemark als Anwalt der gesamten Region wahrgenommen. "Wir verstehen uns als Brückenbauer", sagt der heutige BDN-Vorsitzende Hinrich Jürgensen. Der BDN brachte als Antwort auf die Zentralisierung der dänischen Krankenhäuser den ersten Rettungshubschrauber an die Grenze. Zusammen mit der dänischen Minderheit in Deutschland wurde das Dörfersterben in der Grenzregion zum Thema gemacht. Da hat sich in den vergangenen Jahren viel getan und der BDN und die Schleswigsche Partei (SP) haben an Gewicht und Vertrauen gewonnen. Alltagsdinge machen diesen Wandel beschreibbar: Die deutschen Schulen galten bei Dänen lange als "pfui", heute stehen sie im dänischen Schulranking ganz oben und viele Dänen schicken ihre Kinder auf die deutsche Minderheitenschule.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 22.11.2015 | 19:30 Uhr